Schreibaby: Hilfe für verzweifelte Eltern

Ungefähr 20 Prozent aller Babys schreien in den ersten Lebenswochen exzessiv und lassen sich kaum beruhigen. Das stundenlange Brüllen und das Schlafdefizit sind Stress pur und bringen Eltern an den Rand der Verzweiflung. So können Eltern ihrem Baby helfen.


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Bitte – hör – auf – zu – weinen!
Dass Babys weinen ist normal. Wenn sie Hunger haben, wenn ihnen langweilig ist oder wenn ihnen ihr neues Leben ganz einfach zu viel ist. Allermeist lassen sie sich aber schnell wieder beruhigen. Dann gibt es aber auch Babys, die exzessiv brüllen. Manchmal stundenlang. Und das sind keine Einzelfälle, sondern ganz schön viele: Ungefähr jedes fünfte Baby ist ein sogenanntes "Schreibaby". Auch Titus ist einer der Säuglinge, die stundenlang schreien, weinen, brüllen. Beim Wickeln, beim Spazieren gehen, im Tragetuch. Teilweise zwei Stunden ohne Unterbrechung. Das kleine Gesichtchen ist krebsrot, die Fäuste geballt, der Anblick herzzerreißend.  Egal ob Herumtragen, Spieluhr, Schnuller, Kuscheln oder Stillen – nichts hilft so richtig.


© iStock
Tims Eltern sind verzweifelt und fühlen sich ohnmächtig. "Was machen wir nur falsch? Warum können wir unserem Kind, das wir so lieben, nicht helfen? Warum schreit unser Kind so viel, während alle anderen brav und friedlich sind? Fehlt unserem Kind vielleicht etwas Ernsthaftes?", fragt sich Mama Sibylle. Die 34-Jährige war mit Titus beim Kinderarzt (alles in Ordnung), beim Orthopäden (alles in Ordnung). Der Zustand, der mit Titus dritter Lebenswoche begann, fühlt sich langsam an wie Folter. Die Eltern sind erschöpft, der Alltag ruht, das soziale Leben wird auf später verschoben. "Selbst der Gang zum Supermarkt ist eine Tortur. Wenn Titus in seinem Kinderwagen liegt und sich nicht beruhigen kann, kommt sofort eine andere Mama oder Oma, die genau weiß, was meinem Kind fehlt."
Mit ihrer Erfahrung sind Titus‘ Eltern nicht alleine. Nach Schätzung von Experten sind 20 Prozent aller Säuglinge Schreibabys. Wieviel Schreien ist aber normal?
Ab wann spricht man von einem Schreibaby?
Schreien gehört bei Babys in den ersten Wochen dazu. Schließlich haben sie keine andere Möglichkeit, ihre Bedürfnisse kund zu tun. Bis zu zwei Stunden Schreien täglich gelten dabei als völlig normal. Die sogenannte Dreier-Regel hilft bei der Frage, ob das eigene Kind ein Schreibaby ist: Wenn ein Baby über mehr als drei Wochen hinweg an mindestens drei Tagen in der Woche mehr als drei Stunden pro Tag schreit. Und noch eine drei ist Bestandteil der Faustregel: Die meisten Schreibabys sind jünger als drei Monate.
Ein weiterer Punkt, der auf ein Schreibaby hinweist: Normalerweise sollte sich ein weinendes Baby beruhigen lassen oder sogar lernen sich selbst zu beruhigen. Bei Schreibabys funktioniert das hingegen nicht.
Warum schreit mein Baby?

Viele Jahre lautete die erste Vermutung des Kinderarztes: "Wahrscheinlich hat Ihr Kind Verdauungsprobleme oder eine Unverträglichkeit." Doch diese Erklärung ist inzwischen überholt, da sind sich die Experten einig. Nur bei ungefähr fünf Prozent der Schreibabys sind die sogenannten Dreimonatskoliken, bzw. eine Unverträglichkeit der Grund für die Schreiattacken. Nichtsdestotrotz spielen Blähungen beim dem komplexen Problem eine Rolle: Babys, die viel brüllen, sind angespannt und schlucken große Mengen Luft, ihr kleines Bäuchlein wird zum aufgeblasenen Blähbauch und schmerzt entsprechend.

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Der häufigste Grund für das nicht enden wollende Gebrüll ist eine Regulationsstörung. Babys, die viel schreien, sind oft sehr sensibel und extrem empfindlich. Sie sind noch nicht in der Lage, die vielen Reize, denen sie ausgesetzt sind, zu verarbeiten. Sie sind völlig überfordert - und schreien.
Diese Babys haben in den ersten Lebenswochen Probleme mit "dem Leben an sich": Gerade noch in Mamas Bauch, ist das Leben draußen plötzlich ganz schön aufregend und anstrengend! Auch der Rhythmus zwischen Wachen und Schlafen will gelernt sein. Die meisten Babys haben hier kaum Probleme, sie schalten ab und schlafen, wenn sie genug haben und holen sich so die Erholung, die sie für ihren neuen Alltag so dringend brauchen. Andere Babys wiederum tun sich schwer zur Ruhe zu kommen. Sie sind überreizt und schlafen schlecht und zu wenig. Und schreien.


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Schreibaby – was hilft? Die besten Tipps


Ein Allheilmittel gibt es – wie so oft im Leben – leider nicht. Auch wenn es fast unmöglich klingt, der Schlüssel zum Erfolg liegt in dem simplen Rat: Bleiben Sie selbst möglichst ruhig, geduldig und liebevoll! Versuchen Sie für Ihr Kind da zu sein, geben Sie ihm so viel Wärme und Liebe wie möglich und lassen Sie es spüren, dass Sie es lieben – auch wenn es Ihnen das Leben gerade ganz schön schwer macht. Ansonsten beginnt ein Teufelskreis: Wenn das Geschrei kein Ende hat, werden selbst die geduldigsten und nervenstärksten Eltern irgendwann nervös. Die Hilflosigkeit und Anspannung überträgt sich auf das Kind. Das schreit noch mehr.

Wenden Sie sich an Ihre Hebamme UND Ihren Kinderarzt. Hebammen haben einen wunderbaren Blick für die Persönlichkeit der kleinen Erdenbürger und helfen nicht selten mit ganz praktischen Tipps weiter. Der Kinderarzt kann abklären, ob dem Baby vielleicht tatsächlich etwas fehlt, ob es organisch Probleme gibt.

Bei Kindern, die an einer Regulationsstörung leiden, gilt: Je langweiliger der Alltag – umso besser! Sorgen Sie für einen festen, immer gleichen Tagesablauf und minimieren Sie Reize von außen. Statt Krabbelkursen und Shopping-Center steht bei diesen Kindern daheim gemütlich Kuscheln und Singen auf dem Programm.

➤ Dadurch dass Schreibabys so viel Zeit mit Schreien verbringen, haben sie ein permanentes Schlafdefizit. In den ersten Lebenswochen sollten Babys nach eineinhalb Stunden Wachsein ein Nickerchen machen. Diese regelmäßigen Schlafphasen sind immens wichtig! Das zu wissen und darauf hinzuarbeiten kann oft schon für einen entspannteren Alltag sorgen. Auch eine Art Tagebuch kann helfen, die Schwachstellen in Ihrem Tagesablauf aufzuspüren.

➤ Helfen Sie Ihrem Kind, zur Ruhe zu kommen - bevor es total übermüdet ist. Hier sind Rituale hilfreich: Singen Sie immer dasselbe Lied und lassen Sie Ihr Baby immer am selben Ort (am besten abgedunkelt) schlafen.

➤ Versuchen Sie, nicht hektisch eine neue Beruhigungsstrategie (erst Schaukeln, dann Wippen, dann Singen etc.) nach der anderen auszuprobieren, sondern entscheiden Sie sich für eine und bleiben Sie dabei.

➤ Tragen und ganz dicht bei Mama oder Papa zu sein tut kleinen Schreiern gut. Die praktische Kombination für beides ist ein Tragetuch , beim dem die Hände für kleine Alltagsdinge frei bleiben. Auch liebevolle Massagen können (kleine) Wunder wirken.
Oft übernehmen die Kleinen auch den Stress ihrer Eltern. Vor allem Erstlingsmütter setzen sich unter Druck, weil sie alles richtig, alles perfekt machen wollen. Das Ergebnis ist eine gestresste hektische Mutter, die genau diese Überforderung und Unsicherheit ungefiltert an ihr Kind weitergibt.

➤ Viele Eltern schwören auf den Besuch bei einem Osteopathen. Nicht selten ist eine Fehlstellung der Halswirbel (sogenanntes Kiss-Syndrom) oder eine Blockade, die sich Babys bei der Geburt zuziehen können, verantwortlich für das Dauergebrüll.
Ganz wichtig: Egal wie schlimm das Geschrei ist: Denken Sie immer daran, dass Ihr Kind niemals schreit, um Sie zu ärgern! Vermeiden Sie es in jedem Fall, Ihr Kind zu schütteln.

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Wo gibt es Hilfe für Eltern von Schreibabys?

Und wenn das alles nichts hilft: Scheuen Sie sich nicht, sich an eine der inzwischen zahlreichen Schrei-Ambulanzen zu wenden! Es ist völlig normal, dass Eltern mit einem Schreibaby völlig entnervt, erschöpft und verzweifelt sind. Das ist kein Grund sich zu schämen. Aber unbedingt ein Grund sich Hilfe zu suchen! In Schrei-Ambulanzen treffen Sie auf Experten, die dafür sorgen, dass sich die Situation wieder entspannt und Sie selbst wieder zur Ruhe kommen. Sie lernen, die Signale Ihres Kindes richtig zu deuten und lernen, wie Sie Ihr Kind beruhigen können.
➤ Hier finden Sie Adressen von Schrei-Ambulanzen.
Hilfe in Sicht: Ab dem 4. Monat lässt das Schreien nach
Die meisten Schreibabys werden nach drei bis vier Monaten deutlich ruhiger! Sie machen einen großen Entwicklungsschub und haben sich inzwischen insgesamt besser an das aufregende Leben außerhalb von Mamas Bauch gewöhnt. Und mit einem halben Jahr sind die Schreiphasen häufig nichts mehr als eine anstrengende Episode in der Vergangenheit.
 
Auch Tims Eltern haben Rat bei einer Schrei-Ambulanz gesucht. Und dort Hilfe bekommen. Inzwischen ist ihnen klar, dass ihr Sohn einfach ein bisschen länger gebraucht hat, um sich an das Leben außerhalb des Mutterleibs zu gewöhnen. Geholfen haben ihnen außerdem eine Reduzierung aller Aktivitäten. Sie haben gelernt, die Signale ihres Kindes besser zu deuten und wissen jetzt, wie sie ihr Kind zum Schlafen bringen (bei ihnen lauteten die Zaubertricks "Federwiege" und Pucken.) Inzwischen ist der sechs Monate alte Tim ein guter und regelmäßiger Schläfer – und ein aufgewecktes, fröhliches Kind. Die Schreiattacken gehören glücklicherweise (zumindest fast) der Vergangenheit an.
Buchtipp

"So beruhige ich mein Baby" von Christine Rankl, erschienen bei Patmos, Preis: 16 Euro.
Das Buch ist über Amazon.de erhältlich.




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