Babys Entwicklung zwischen Anlage und Erziehung


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Geschwister Gemeinhin glauben wir, dass Geschwister, die zusammen bei ihren Eltern aufwachsen, von den gleichen Einflüssen geprägt werden. Irrtum! Wissenschaftler unterscheiden zwischen „geteilter Umwelt“ und „ungeteilter Umwelt“. Die geteilte Umwelt ist das, was Geschwister tatsächlich gemeinsam erleben, zum Beispiel die soziale Schicht, die Wohnung und die Einstellung der Eltern. Die „ungeteilte Umwelt“, das sind die Einflüsse, denen ein Kind alleine ausgesetzt ist. Das können vorgeburtliche Erfahrungen sein, die Geburt selbst, das abendliche Vorlesen mit Papa, Erlebnisse im Kindergarten, eine verehrte Lehrerin, ein verhasster Fußballtrainer, der beste Kumpel oder auch ein Verkehrsunfall mit anschließendem Krankenhausaufenthalt. Interessant ist, dass diese Einflüsse offensichtlich vielfältiger und prägender sind als die, die wir mit unseren Geschwister teilen. Wie unterschiedlich die Kindheit von Geschwistern empfunden und erlebt wird, zeigen auch die Kindheitserinnerungen. Die sind nämlich oft erstaunlich verschieden, obwohl man als Kind im selben Haus gewohnt und die Ferien gemeinsam an demselben Ostseestrand verbracht hat. „Was wir erinnern, ist extrem individuell“, sagt Professor Henning Scheich, Neurobiologe am Leibniz-Institut in Magdeburg, Zentrum für Lern- und Gedächtnisforschung. Ein Sonntag bei den Großeltern kann für den älteren Bruder ein hoch emotionales Erlebnis gewesen sein, das ihn prägte. Für die jüngere Schwester war es nur ein langweiliger, stinknormaler Nachmittag, der keine Spuren im Gedächtnis hinterlassen hat.

Jedes Baby entwickelt sich unterschiedlich

„Erinnert wird, was für das Individuum relevant war“, sagt der Neurobiologe Scheich. Geschwister entwickeln sich also unterschiedlich, weil die elterlichen Gene bei jedem anders gemixt wurden - aber auch, weil sie die Welt mit anderen Augen sehen. Das zeigt auch die Zwillingsforschung. Selbst eineiige Zwillinge, deren Gene identisch sind, entwickeln sich nicht gleich - auch sie haben eben keine identische Umwelt und sehen und empfinden die Welt vom ersten Tag an unterschiedlich. Es fängt schon im Mutterleib an - da erobert sich der eine Embryo mehr Raum, der andere muss sich mit etwas weniger Platz begnügen. Aber Babys treffen nicht nur eine unterschiedliche Umwelt an, sie prägen sie vermutlich auch entsprechend ihrer Persönlichkeit. Sie formen zum Beispiel den Erziehungsstil ihrer Eltern mit. Denn im Miteinander mit unseren Kindern handeln wir nicht nur aktiv, wir reagieren dabei immer auch auf das Wesen unserer Babys. Der schöne Satz: „Wir behandeln unsere Kinder alle gleich“, entspricht insofern nicht der Wirklichkeit. Jedes Kind ist unterschiedlich und verhält sich anders als sein Bruder oder seine Schwester - und erwiesenermaßen behandeln wir es daher automatisch auch anders. Das wiederum verstärkt oder schwächt bestimmte Eigenschaften, für die das Baby vielleicht eine genetische Disposition mitbringt. Kurz gesagt heißt das: Die Entwicklung eines Babys verläuft im Grunde als eine Art Pingpongspiel zwischen Anlagen und Erziehung.