Beim Wickeln muss man schnell sein - Irrtum?

Die meisten Kinder mögen es nicht, gewickelt zu werden, deswegen sollte man sich damit beeilen... aber stimmt das überhaupt?


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Muss man beim Wickeln wirklich schnell sein?


Dr. med. Martin Beck klärt auf:
"Bei unserem ersten eigenen Kind hatten wir viele Förderideen. Dem Wickeln und der Pflege maßen wir dagegen weniger Bedeutung bei. Wir sahen unsere Aufgabe vielmehr darin, so oft wie möglich durch Singen, Klatsch- und Fingerspiele den Intellekt unserer Tochter anzuregen. Das Wickeln lief eher zügig ab, und sie schien es auch nicht so recht zu mögen. Wickeln ist aber wichtig. Es ist die häufigste Pflegetätigkeit und eine Quelle wichtiger Erfahrungen für das Kind.

Elternirrtum: Beim Wickeln muss man schnell sein

Kann man Wickeln nicht einfach zur Kontaktaufnahme nutzen?


© Thinkstock
Die Ausscheidungen unserer Kinder entzücken uns höchstens in den allerersten
Lebenswochen. Ich möchte Ihnen aber empfehlen, eine positive Einstellung zum Wickeln aufzubauen: Sie werden es tausende Male tun müssen und viele Stunden am Wickelplatz verbringen. Machen Sie es zu einer ruhigen und zärtlichen zwischenmenschlichen Handlung, das schenkt Ihrem Kind Vertrauen.

Wenden Sie sich beim Wickeln und beim Pflegen von Anfang an Ihrem Kind mit Ihrer vollen Aufmerksamkeit zu.
Erklären Sie ihm immer, was Sie gerade tun, auch wenn es Ihre Worte noch nicht versteht. Lassen Sie sich beim Aus- und Ankleiden Zeit. Auch kleine Spiele, Singen und 'Gespräche' können auf dem Wickeltisch stattfinden. Unsere jüngeren Kinder machten schon früh gut mit, streckten den Po zum Sauberwischen hoch und reichten die Ärmchen zum Anziehen an.

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Danach waren sie immer sehr zufrieden und beschäftigten sich auch gerne eine Weile ohne uns. Auf diese Weise hatten wir weniger Mühe als die 'flotten Frischmacher' in unserem Bekanntenkreis. Deren Kinder strampelten oft auf dem Wickeltisch oder machten sich steif wie ein Brett. Natürlich ist im Alltag nicht immer Zeit für gemütliches Wickeln – zumal wenn schon Geschwisterkinder da sind oder Termindruck besteht. Keineswegs jedoch müssen Sie den sportlichen Ehrgeiz an den Tag legen, die Windel stets in wenigen Sekunden zu wechseln.

'Friedenserziehung beginnt auf dem Wickeltisch'
… sagte meine Berufskollegin, die Kinderärztin Emmi Pikler (1902–1984). In ihrem Pflegekonzept sind Bindung und Beziehung, Respekt und Eigenständigkeit sehr wichtig: Schenken Sie Ihrem Kind Ruhe, Zeit und Ihre volle Aufmerksamkeit. Bereiten Sie dafür den Raum gut vor und legen alle benötigten Utensilien bereit.

➤ Kündigen Sie jeden Handgriff an, auch wenn Ihr Kind die Worte noch nicht versteht.

➤ Halten Sie den Dialog mit Ihrem Kind aufrecht: Worte, Laute, Gesten, Blickkontakt.

➤ Ermutigen Sie es zur aktiven Teilnahme: Nicht einfach an Armen oder Beinen ziehen, sondern das Kind zur entsprechenden Bewegung anregen.

➤ Die Wickelfläche sollte durch Seitenteile abgesichert sein. Wenn Sie den Tisch in eine Zimmerecke stellen, sind schon mal zwei Seiten sicher.

➤ Eine spezielle Wärmelampe zur sicheren Wandmontage im richtigen Abstand ist eine sinnvolle Anschaffung, denn Babys kühlen schnell aus, auch wenn wir selbst den Raum als angenehm warm empfinden.

➤ Lassen Sie Ihr Kind nie allein auf dem Wickeltisch, auch nicht 'ganz kurz', um die Tür zu öffnen oder ans Telefon zu gehen!"

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(Aus: Martin Beck, Schreien stärkt die Lungen und 99 andere Elternirrtümer - aufgeklärt vom Kinderarzt. Erschienen bei Gräfe und Unzer Verlag)




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