Darum schreien dänische Kinder weniger

Eine Studie hat herausgefunden, dass dänische Babys weniger schreien als andere Kinder. Laut Forschern gibt es verschiedene Gründe dafür.


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Sie schreien. Und schreien. Und schreien. Oft kommen uns Babys wie kleine Schreimaschinen vor, die schon beim kleinsten Windhauch zu brüllen beginnen. Aber gut, wer kann es den Kleinen schon verübeln? Sie können sich ja nicht anders bemerkbar machen. Da müssen Eltern einfach durch – einige Mamas und Papas allerdings seltener als andere. Denn eine Meta-Studie im renommierten „Journal of Pediatrics” hat sich mit dem Schreiverhalten von Kindern auf der ganzen Welt beschäftigt und kam zu dem Ergebnis, dass dänische Kinder weniger schreien als andere Babys.

Schreiverhalten der Babys


Insgesamt wurden Schreidauer und -verhalten in neun Ländern untersucht: Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Australien, USA, Italien, Niederlande und Japan. Das Ergebnis: Babys schreien im ersten Monat nach der Geburt etwa zwei Stunden pro Tag. Den Höhepunkt erreicht die Schreidauer in der sechsten Lebenswoche mit zwei Stunden und 15 Minuten. Danach schreien die Kleinen langsam wieder weniger und landen bei etwa 70 Minuten pro Tag.

Besonders viel schreien kleine Babys in Großbritannien, Italien, Kanada und den Niederlanden; in Deutschland, Japan und Dänemark machen die Kleinen nicht gar so viel Lärm. Dänemark sticht hier besonders hervor: Dort waren die Neugeborenen konsistent ruhiger als in anderen Ländern. Warum das so ist? Auch dazu haben sich die Forscher Gedanken gemacht. 

schreiendes Baby

Warum sind dänische Babys ruhiger als andere Kinder?


© iStock
Was machen die Dänen anders als der Rest der Welt?

Der Psychologe Dieter Wolke und seine Kollegen von der britischen University of Warwick haben Angaben von Eltern aus 28 weltweit erschienen Studien analysiert und so Daten von über 8690 Babys aus der ganzen Welt gesammelt und dazu „Schreitagebücher“ erstellt. Natürlich ist bei solch einem Thema schwer, konkrete Schlüsse zu ziehen oder gar die genaue Ursache für das Schreiverhalten der Babys festzumachen, doch liefern Dieter Wolke und sein Team einige spannende potentielle Erklärungen.

So seien es wohl vor allem wirtschaftliche und genetische Faktoren am Schreiverhalten verantwortlich. Den Dänen wird beispielsweise generell ein ruhigeres Temperament nachgesagt, das diese dann auch ihren Kindern vererben könnten. Auch könnte eine Rolle spielen, dass in Dänemark eine geringere soziale Ungleichheit herrscht als in vielen anderen Ländern. Das meint: Wenn Familien finanziell abgesichert sind, können sie sich besser auf das Wohlbefinden des Kindes konzentrieren.

Ein weiterer Vorteil, den dänische Kinder und deren Eltern genießen: Das dänische Elternzeit-Modell ist eines der besten der Welt. Jessica Joelle Alexander, Autorin des Buchs „The Danish Way of Parenting“ zum Beispiel, argumentiert, dass sich der Mutterschutz in Dänemark positiv auf die Kinder und deren Tendenz zu schreien ausübt. Das erste Lebensjahr eines Kindes wird in Dänemark als besonders wichtig betrachtet, deswegen stehen den Dänen zwölf Monate Elternzeit zu. 32 der 52 Wochen können sich Vater und Mutter teilen, 18 gibt es speziell für die Mutter und zwei für den Vater. Das erleichtert nicht nur die Zeit nachdem das Baby geboren ist, sondern vermindert auch den Stress während der Schwangerschaft. Studien zeigen, dass Mütter, die in der Schwangerschaft sehr gestresst sind, Stresshormone an ihre Kinder weitergeben. Nach der Geburt sind diese Kinder dann aufgeregter und schreien mehr.

Dies würde auch erklären, warum Deutschland ebenfalls auf einem der vorderen Plätze gelandet ist. Schließlich gibt es hier sogar 14 Monate Elternzeit, die sich Eltern frei einteilen können.

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Zudem sei laut Experten der dänische Erziehungsstil auch einfach etwas entspannter, das würde sich auf die Babys übertragen: „[Die Eltern] machen sich weniger schnell Sorgen, wenn ihr Kind schreit. Sie warten erst einmal ein bis zwei Minuten ab, ob es sich von selbst beruhig“, so Dieter Wolf. Auch sei Körperkontakt in Dänemark weiter verbreitet. Damit verbunden: In Dänemark stillt fasst jede Mutter. Die meisten Frauen sogar rund ein Jahr lang. Vergleichsweise hat Großbritannien eine der niedrigsten Quoten an stillenden Müttern und landet auch in der Schrei-Studie auf dem letzten Platz.
Nicht beruhigbar

Die Psychologen warnen allerdings auch davor, dass Schreien des Babys wegerklären und nur auf das Verhalten der Eltern zurückführen zu wollen. Dieter Wolke und seine Kollegen schätzen, dass etwa 40 Prozent des Schreiens durch Eltern weder beeinfluss- noch beruhigbar ist. Aufatmen für Mamas: Wenn das Kind also einfach nicht aufhören möchte zu schreien, dann ist das meist nicht die Schuld der Eltern. Sie sollten also nicht gleich denken, dass Sie etwas falsch machen oder dass etwas mit Ihrem Baby nicht stimmt, nur weil es sich nicht gleich beruhigen lässt. Der Psychologe rät: „Wenn Eltern durch das Geschrei ihrer Kinder selbst entnervt und wütend werden, sollten sie das Kind an einen sicheren Platz legen, und sich selbst beruhigen. Wer unruhig ist, kann auch kein Baby beruhigen.“

Außerdem fordert der Forscher mehr Aufklärung zu diesem Thema: Selbst in Geburtsvorbereitungskursen wird kaum darauf eingegangen, wie häufig und wie lange Babys schreien können. Sehen sich Eltern dann nach der Geburt mit dem Alltag des schreienden Babys konfrontiert, kann sie das Schreiverhalten des Nachwuchses schnell überfordern.

Übrigens: Mamas sagen oft, dass sie an der Art, wie ihr Kind schreit, erkennen können, ob es Hunger hat oder müde ist oder ob ihm einfach nur langweilig ist. Dies konnten die Wissenschaftler allerdings nicht nachvollziehen. Sie konnten die Schreie nur bezüglich der Intensität, nicht bezüglich des Tons unterscheiden.

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von Nicole Metz




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