Eine Fehlannahme (und leider Quelle vieler quälender Sorgen) ist die verbreitete völlige Überhöhung des Geburtsereignisses. Natürlich ist das Zur-Welt-Bringen eines Babys ein fundamentales Geschehen, etwas, das man nie vergisst. Dennoch muss man in Sachen Bonding vor der Idee warnen, dass sich im Kreißsaal ein unabänderliches Schicksal ereignet, dessen vielleicht nicht durchgehend begeisternder Verlauf ein für alle Mal entscheidet, ob Eltern und Kind füreinander geschaffen sind, ob ein Baby fremdelt oder vertrauensselig ist, wie schnell es lernt, wie tief es liebt. Das ist nicht der Fall. Ein Erwartungsdruck an die Geburt als allentscheidend tut eher weh als gut.
Denn die Forschungen zeigen: Die Bindung ans Kind, die Basis der Gemeinsamkeit für Jahrzehnte, entwickelt sich im Marathon und nicht zack, zack im Wehen-Sprint. Deswegen bemühen sich Therapeuten nach Kräften, Kaiserschnitt-Müttern womöglich aufkeimende Schuld- und Minderwertigkeitsideen auszureden.
Hormone steuern Liebe zum Kind
Wir Menschen sind biologisch so gebaut, dass der Funke, der die Liebe zum Baby in uns entzündet, ziemlich leicht überspringt. Wenn Wissenschaftler nicht gerade einen romantischen Moment haben, klingt das dann wie bei dem Bayreuther Physiologen Prof. Dietrich von Holst, der lapidar feststellt, dass Bindungsprozesse „innerhalb der Säugetiere relativ ähnlich sind und ein uraltes Erbe unserer Reptilienvorfahren darstellen“.
Insbesondere die Wundersubstanz Oxytocin, jenes Hormon, das die Wehen auslöst, das Stillen ermöglicht und Stress dämpft, hat sich als Treibstoff der Beziehungsbildung erwiesen. Es wirkt nicht nur auf stillende Mütter, die reichlich von ihm abbekommen: Faszinierende Experimente der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es auch Männer treu und freundlich stimmt und ihre Zweierbeziehungen stabilisieren kann.
Darin liegt ein weiteres Argument - neben den vielen gesundheitlichen Vorzügen -, warum es so empfehlenswert ist, Babys zu stillen, statt ihnen früh das Fläschchen zu geben: Die Regelmäßigkeit der innigen Nähe, das Anfluten jenes Hormons, das unser Gehirn ein wenig Baby-high macht, die Verlässlichkeit, die dadurch signalisiert wird, dass wir buchstäblich zur nährenden Oase im Hungersturm werden - sie helfen, das Fundament zu legen, auf dem die gute Beziehung gebaut wird, die das Kind erst viel später begreifen können wird.

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