
Beim Bonding schlagen Babys ihre Wurzeln - und bekommen von den Eltern das Fundament für ihre spätere Selbstständigkeit
Wenn die aufregendsten Minuten verstrichen sind, beginnt die große Suche: Kaum auf der Welt, im Hellen, im Kalten, auf dem Trockenen, geht das Neugeborene auf Expedition. Gebraucht wird ein sicherer Hafen, ein geborgener Ort, wo die Taue der ganz großen Gefühle vertäut werden: Geborgenheit, Sicherheit, Liebe und Nähe. Dieser Hafen sind wir: Seine Eltern. Am Anfang ist es meistens und am stärksten Mama, die das Baby nach der Geburt, jetzt zum ersten Mal lange in die Arme schließen wird, zum zärtlichen Chill-out nach dem großen Abenteuer.
Was so beginnt - mit der Suche nach dem anderen Menschen, dem, der den Säugling behütet und der der Hafen der Verlässlichkeit wird - nennt die Psychologie "Bonding". Seit den 1970er Jahren erforscht sie diesen für das weitere Leben des Kindes fundamentalen Bindungsprozess. Er wird bestimmend sein für die Art, wie es Beziehungen zu anderen empfindet, er wird dazu beitragen, festes Vertrauen dafür zu schaffen, dass es im Leben wenig zu fürchten gibt, wenn man sich aufeinander verlassen kann. Und bestimmend für uns Eltern - denn die nächsten Jahre werden ein spannendes Intensivtraining in Kommunikation, Einfühlungsvermögen und Geduld. Die wenigsten werden es später missen wollen: Es ist eine Zeit, in der alle wachsen.
Nähe zur Mutter schafft Sicherheit
Zwar werden in den ersten Lebensminuten nicht gleich die Weichen für immer unverrückbar gestellt, und es gibt keinen Grund zur Sorge, wenn die Geburt nicht zur romantischen Oper gerät und strahlende Babyaugen Wogen der Liebe heranbranden lassen - einige Säuglinge schlafen schlichtweg ein. Doch die Nähe, Mamas Herzschlag, der Duft von Babyhaut, sie können etwas auslösen, das bleibt.
In einer klassischen Untersuchung zeigte ein Psychologenteam der Uni Regensburg 1981, was es bewirkt, wenn ein Neugeborenes seine ersten 45 Lebensminuten einfach auf Mamas Bauch liegen darf. Jene Babys, die ganz nah bei ihren Müttern bleiben durften, wurden in der Folgezeit viel öfter gestillt. Mit zwölf Wochen wirkten sie ruhiger und entspannter, sie schrien weniger, und der Blickkontakt, den sie mit ihren Müttern hielten, war häufiger und dauerte länger - Zeichen einer engen Bindung.
Je nach psychologischer Denkrichtung unterscheiden sich die Worte, die man für das, was hier geschieht, gefunden hat: Im Jargon der Anhänger Sigmund Freuds entstand der Begriff des „Urvertrauens“, aus dem in der verlässlichen Bindung das Selbstvertrauen des Kindes, die Fähigkeit, sich auf andere zu verlassen, und das Gefühl, sich in der Welt wohlfühlen zu dürfen, erwachsen. Andere Schulen sprechen in anderen Begriffen - aber alle sind sich einig, dass in den ersten Jahren die Wurzeln für späteres Lebensglück wachsen.

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