
Bis ein Kind Empathie lernt, vergeht einige Zeit. Auf dem Weg zur Empathie spielt die Trotzphase eine wichtige Rolle.
Ob beim PEKiP oder in der Krabbelgruppe - häufig beobachten Eltern bei ihrem Baby ein Verhalten, das im ersten Moment wie tiefe Empathie erscheint: Weint ein Kind, beginnt das andere herzzerreißend mitzuweinen. Dabei fühlt es mit dem Gegenüber gar nicht mit. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen „Gefühlsansteckung“ - mit Empathie hat das nichts zu tun.
„Es findet noch kein Einfühlen in den Gefühlszustand einer anderen Person statt“, erklärt die Entwicklungspsychologin Silvia Wiedebusch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie in Münster. Die Babys lassen sich lediglich vom Gefühlssturm mitreißen. Das Bewusstsein, dass es sich um das Gefühl eines anderen handelt, haben sie noch nicht.
Bis ein Kind das verstehen kann, muss es noch einige Entwicklungsschritte tun. Absolut unabdingbar ist, dass es zwischen „Selbst“ und „Anderen“ unterscheiden kann. Das beginnt mit etwa anderthalb Jahren. Eltern können es daran erkennen, dass ihr Kind sich auf einmal auf Fotos und im Spiegel wiedererkennt.
Ein weiteres Indiz dafür, dass Kinder ein Ich-Bewusstsein entwickeln, ist das Trotzen. Vom zweiten Lebensjahr an bis manchmal ins vierte Lebensjahr hinein entwickeln sie teilweise heftigen Eigensinn. Auch wenn man es sich bei diesen kleinkindlichen Wutausbrüchen nicht unbedingt vorstellen kann - sie sind ein Zeichen dafür, dass Kinder auf dem guten Weg zu Empathie und Mitgefühl sind!
Der Trotz zeigt, dass ein Kind sich als eigenständiges Wesen begreift und sich des Vorhandenseins „der Anderen“ bewusst geworden ist. Es demonstriert damit seinen Selbstbehauptungswillen und erste Unabhängigkeit. Die Entwicklungspsychologie bevorzugt deshalb auch das Wort „Autonomiephase“, da das Wort „Trotz“ in unserer Sprache so negativ behaftet ist.
Dabei ist dieses Verhalten von Kleinkindern ein wichtiger und ganz normaler Teil der menschlichen Entwicklung. „Erst wenn ein Kind sich geistig so weit entwickelt hat, dass es eine andere als die eigene Perspektive einnehmen kann, ist auch prosoziales Verhalten möglich“, sagt Silvia Wiedebusch.

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