Ratgeber-Video: Frühchen

Wann ein Neugeborenes als "Frühchen" bezeichnet wird, was sie brauchen und wie die ersten Lebenswochen von frühgeborenen Kindern aussehen, zeigt Ihnen unser Video.


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© DVD "Mein Baby - Mut zum Kind"

Von einer Frühgeburt oder einem „Frühchen“ spricht man, wenn der Säugling noch vor Vollendung der 37. SSW auf die Welt kam. Unser Video fasst alles Wissenswerte über Frühgeburten und die ersten Zeit im Leben von Eltern und Frühchen zusammen.


Die Hände so winzig, die Ärmchen so dick wie die Finger eines Erwachsenen. Olivia ist ein Frühchen. Das kleine Mädchen kam fast 10 Wochen zu früh auf die Welt und hat bei der Geburt gerade einmal 2 Pfund auf die Waage gebracht.


Olivias frühe Geburt kam völlig unerwartet. Wie für die meisten Eltern, ist die Situation auch für die Eltern von Olivia eine große seelische und körperliche Belastung


Gudrun Racky, Stationsleiterin Frühgeborenen-Intensivstation:
„Der Vater kommt und ist extrem besorgt und sehr schockiert über die ganzen intensiv-medizinischen Dinge, die er erlebt. Sein Kind kommt ihm natürlich extrem klein vor. Da ist es auch egal ob dieses Kind 2 Kilo wiegt oder ob es 500 Gramm wiegt. Der Schock ist erst mal der Selbe.“


Doch sind der Anfangsschock und die ersten kritischen 72 Stunden überstanden, fühlen sich viele Eltern auf der Intensivstation fast wie zu Hause.


Sie verbringen hier täglich viele Stunden bei ihrem Kind, oft über Monate hinweg, bis sie es endlich nach Hause holen dürfen.


So auch bei Drilling Leander, über 3 Monate ist er nun schon hier, mittlerweile ein richtiges Baby. Seine Brüder wurden längst entlassen. Leander hatte es am Anfang besonders schwer. Seine Eltern machten sich große Sorgen, nachdem die Kinder unerwartet so früh zur Welt gekommen waren. 


Leanders Mutter: „Ich glaub ich hatte zuerst einmal ein bisschen Schuldgefühle. Ich habe mich gefragt ob das jetzt an mir liegt, ob ich was falsch gemacht habe und sie deshalb zu früh auf die Welt gekommen sind. Also ich habe mich schlecht gefühlt. Ich habe gedacht… ich bin keine gute Mutter oder ich hätte das vielleicht besser machen können.“


Ähnlich wie Olivia kam auch Leander schon in der 29. SSW  auf die Welt. Seine Lungen waren noch nicht ganz ausgereift. Aus eigener Kraft zu atmen, das schaffen Kinder in diesem Alter noch nicht. Und die Haut hat noch kein Fettgewebe aufgebaut. Sie ist daher faltig und dünn, sodass die Gefäße hindurchschimmern. Auch das Immunsystem ist noch nicht vollständig ausgebildet, deshalb sind sie besonders anfällig gegenüber Infektionen.


Damit das winzige Baby all diese Reifungsprozesse nachholen kann, muss es in den Inkubator.


Bei Leanders Vater erweckte der erste Anblick dieses kleinen Wesens eher Distanz


Leanders Vater: „Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich das Gefühl ich kann ihn gar nicht anfassen. Er ist so winzig und so zerbrechlich, dass ich gedacht habe ich lasse ihn lieber liegen. Er muss noch wachsen.“


Das Schicksal von Olivia und Leander ist heutzutage keine Seltenheit. Die Zahl der frühgeborenen Kinder hat sich in den letzten Jahren stark erhöht. Etwa jedes 16te Baby kommt heute in Deutschland vor der 37ten Schwangerschaftswoche auf die Welt. Fast 50 Prozent mehr als noch vor 30 Jahren.


 Dr. med. Joseph Dechant, Oberarzt Frühgeborenen-Intensivstation:
„Ich denke das hat sehr viel mit der demografischen Entwicklung zu tun. Wenn man das mal betrachtet: Das Alter der Erstgebärenden ist natürlich gestiegen. Von daher ist natürlich das Risiko, dass eine Frühgeburt auf die Welt kommt, bei einer Frau die schon älter ist höher, als bei einer Frau die Mitte 20 ist. Der andere Punkt ist, glaube ich, dass die Fortschritte in der Geburtshilfe dazu führen, dass viele Schwangerschaften erhalten bleiben, bei denen es früher vielleicht zu einem Schwangerschaftsende bzw. zum Abbruch gekommen ist.“


Der Brutkasten ist für die Frühchen eine Art künstliche Gebärmutter. Ob Luftfeuchtigkeit, Temperatur oder der Sauerstoffgehalt in der Atemluft. Alles ist auf die Bedürfnisse des Babys optimal abgestimmt.


Über Elektroden werden Olivias Körperfunktionen regelmäßig gemessen und am Monitor rund um die Uhr überwacht. Da Saug- und Schluckreflex bei dem kleinen Mädchen noch nicht richtig funktionieren, erhält sie abgepumpte Muttermilch über eine Magensonde.



Der Anblick der ganzen Technik schreckt die meisten Eltern ab. Doch vielen Frühgeborenen sichert sie das Leben. 


Dr. med. Joseph Dechant, Oberarzt Frühgeborenen-Intensivstation:
„Je jünger die Frühgeborenen sind, desto mehr Komplikationen gibt es natürlich. Im Prinzip hängt alles damit zusammen, dass alle Organe unreif sind. Das fängt an beim Gehirn, geht über die Nieren und die Lunge bis zum Herzen. An allen Organsystemen können wir Probleme bekommen. Beim Gehirn ist vor allem die Gefahr, bei den ganz kleinen Frühgeborenen, dass es mal zu einer Hirnblutung kommt, was natürlich schlimme Auswirkungen für die weitere Entwicklung haben kann. Bei der Lunge ist vor allem die Lungenunreife ein Problem, wobei wir das heute, gut behandeln können. Was man bei kleinen Frühgeborenen regelmäßig sieht, ist eine Unreife der Nieren, harnpflichtige Substanzen sind erhöht, das ist ganz normal. Die meisten Dinge erholen sich aber dann innerhalb von 1 bis 2 Wochen.“


Die Häufigkeit und Schwere dieser Komplikationen nimmt mit zunehmender Schwangerschaftswoche ab. Dank der großen medizinischen Fortschritte hat sich die Überlebensrate von frühgeborenen Babys deutlich erhöht. So überleben heute etwa 70 Prozent, der vor der 32. SSW  geborenen Babys und 90 Prozent von denen, die nach der 32ten Woche auf die Welt gekommen sind.


 Dr. med. Joseph Dechant, Oberarzt Frühgeborenen-Intensivstation:
„Ein Grund dafür ist sicherlich die steigende Erfahrung der Ärzte und zum anderen die Entwicklung auf dem Gebiet der Geräte. Beispielsweise der Beatmungsgeräte, die die Kinder heutzutage wesentlich schonender beatmen können als früher. Und auch Entwicklungen im Bereich der Medikamente sind ein Grund, zum Beispiel zur Förderung der Lungenentfaltung.“


Trotz ihrer Unreife sind Olivias Sinne hellwach. Seit ihrer Geburt kann sie fühlen, riechen, sehen, schmecken und tasten. Die ersten Erfahrungen im Leben eines zu früh geborenen Kindes sind meist sehr unangenehm. Schock, Stress und Schmerzen können Auswirkungen auf seine seelische und körperliche Entwicklung haben.




Um sich dennoch gesund zu entwickeln, brauchen Frühchen besonders viel menschliche Nähe und Geborgenheit. Deshalb ist der enge Kontakt zu Eltern und Pflegepersonal genauso wichtig wie die medizinische Intensivbehandlung. 


Gudrun Racky, Stationsleiterin Frühgeborenen-Intensivstation:
„Es ist wichtig, dass die Kinder einen engen körperlichen Kontakt zu jedweder Person haben. Am schönsten ist es natürlich, wenn das die Eltern sind. Wir legen die Kinder so früh wie möglich, und sobald es der Zustand des Kindes erlaubt, auf die Brust der Mutter oder auch des Vaters. Das ist erst mal egal, Hauptsache das Kind kommt in nacktem Zustand auf die nackte Brust von einem Elternteil. Und lernt dort auch ein bisschen Geborgenheit außerhalb des Mutterleibes kennen.“


Das sogenannte „Känguruhen“ hat sich sehr bewährt. Mehrmals am Tag wird das Kind auf die Brust seiner Eltern gelegt. Es spürt dort den regelmäßigen Herzschlag und die Wärme der Haut. Das wirkt beruhigend. Sein eigener Herzschlag und die Atmung werden regelmäßiger, stabilisieren sich sogar allmählich. Die körperlichen Berührungen sind nicht nur für die Entwicklungen des Kindes enorm wichtig, auch die früh gewordenen Eltern wird es dadurch ermöglicht eine innige Beziehung aufzubauen. Oft ist das erste „Känguruhen“ für die Mutter ein stark prägendes Erlebnis.




Leanders Mutter: „Ich habe zuerst einmal aufgehört zu atmen aber die Schwester meinte dann, ich solle ruhig weiter atmen, das Kind muss den Atem spüren, sonst hat es Angst und weiß nicht wo es ist. Das Kind lag auf mir und hat geseufzt, da hat man richtig gemerkt, dass es erleichtert ist. So in etwa: Ich bin bei Mama angekommen. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass das Baby auch froh ist, das es jetzt nicht mehr im Inkubator ist und stattdessen Körperkontakt hat. Für mich war es sehr wichtig das Kind zu spüren, eine Verbindung aufzubauen. Ich hatte zum ersten Mal wirklich das Gefühl ich bin Mutter und das ist mein Baby.“


Sanfte Betreuung und optimale medizinisch notwendige Behandlung müssen daher in Einklang gebracht werden. Eine Herausforderung für Kinderärzte, Pflegepersonal und Eltern


Leanders Vater: „Man merkt, dass die Schwestern mit den Kindern reden. Dass sie versuchen die Babys zu betreuen. Dass sie sie nicht wie irgendwelche leblosen Wesen behandeln, von wegen sie müssen beatmet werden, sie müssen Infusionen kriegen und sie müssen mal gefüttert werden, sondern man merkt, das sind wirklich Menschen. Sie sprechen die Kinder mit dem Namen an, sind sehr nett zu den Kleinen. Das ist, glaube ich, sehr wichtig für die Kinder und auch für die Eltern. So verliert man irgendwann das Gefühl, das man sich auf einer Intensivstation befindet.“  


Andrea und Dirk Rosenstein verbringen viel Zeit bei ihrem Kind. Sie haben gelernt Leander zu waschen und zu wickeln. Das Einbringen hat ihnen geholfen die Situation besser zu bewältigen. Allmählich gewannen sie Kompetenz und Verantwortung für ihr Kind, fühlten sich nicht mehr so machtlos.


Mit Unterstützung der Kinderkrankenschwestern und durch geduldiges Beobachten lernen die Eltern die Signale ihres Kindes richtig zu deuten und ihr Verhalten auf den Zustand des Kindes abzustimmen. Auch die Ärzte begegnen den Eltern von Anfang an mit großer Offenheit.

Lernen Sie die Kommunikation und Interaktion ihres Babys besser zu deuten! Alle Infos gibt´s hier: 



Leanders Vater:
„Das war für mich sehr wichtig, dass ich weiß was mit meinen Kindern da passiert. Und auch, dass man mir reinen Wein einschenkt. Ich bin kein Mensch, der Ärzten immer blind vertrauen würde aber hier habe ich das Gefühl gehabt, die Ärzte sagen mir die Wahrheit.“


Leanders Eltern haben bereits das schlimmste überstanden. Ihr Sohn wird gute Chancen haben sich ganz normal zu entwickeln. Aber dennoch, das Entwicklungsrisiko ist für jedes frühgeborene Kind schwer vorherzusagen. Denn mit den Möglichkeiten der Intensivmedizin und der damit verbundenen Überlebenschance erhöht sich auch das Risiko von bleibenden Schäden und Entwicklungsverzögerungen

Damit ein Kind optimal versorgt wird und gesund bleibt, gibt es verschiedene Vorsorgeuntersuchungen für Neugeborene. Alle Infos finden Sie in unserer Bildergalerie:  



Dr. med. Joseph Dechant, Oberarzt Frühgeborenen-Intensivstation:
„Es kann zu Entwicklungsstörungen kommen, auch des Gehirns, zum Beispiel durch Sauerstoffmangel. Das kann sich zum Beispiel durch eine Spastik oder andere motorische Störungen äußern. Aber es kann sich auch in geistige Behinderungen zeigen. Eine weitere Entwicklungsstörung betrifft die Augen. Es kann zu einer Netzhautablösung kommen, durch die Anwendung von Sauerstoff, auf den die Netzhaut sehr empfindlich reagiert. Die Netzhautablösung kann bis hin zur Erblindung führen. Das dritte Feld, mit dem wir heutzutage noch große Probleme haben ist Beatmungslunge, die zu einer chronischen Lungenerkrankung führen kann, an der die Kinder auch nach der Entlassung oftmals leiden.“


Wichtig ist deshalb, dass Frühchen in den nächsten Monaten gut beobachtet, optimal betreut und besonders gefördert werden. 


Dr. med. Joseph Dechant, Oberarzt Frühgeborenen-Intensivstation:
„Die Nachsorge bei diesen Kindern, besonders im Hinblick auf Entwicklungsstörungen, ist sehr sehr wichtig.  Deshalb sollten alle Frühgeborenen die unter 32 Wochen sind von einem erfahrenen Kinderarzt der spezielle Kenntnisse hat, nachbetreut werden.“


Nur noch wenige Tage, dann darf Leander endlich nach Hause. Dort warten schon seine beiden Brüder, die zusammen mit ihm zur Welt kamen. Bei ihnen ging alles wesentlich schneller. Auch die Eltern sehnen nichts mehr herbei als den Augenblick, an dem die ganze Familie vereint ist. Zuversichtlich schauen sie dann der Zukunft entgegen. 


Leanders Mutter: „Ich wünsche mir, dass die Kinder die Zeit hier im Krankenhaus vergessen, oder zumindest, dass sie die Schmerzen vergessen. Dass dadurch keine Spätfolgen in Form von Ängsten oder höherem Schmerzempfinden entstehen. Dass sie ganz normale Kinder sein, sich normal entwickeln und lachen können, wie alle anderen Kinder auch.   
 
Aber egal ob Frühchen oder nicht, für die frischgebackenen Eltern ändert sich mit Kind auf einmal einiges.


Mutter zu sein ist schön, aber natürlich auch mit Aufregung und Stress verbunden. In unserer Bildergalerie erfahren Sie, wie Sie eine entspannte Mutter werden.



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