Lauflernhilfe für Babys: Sinnvoll oder schädlich?

Kritik über Lauflernhilfen kommt immer mal wieder auf, trotzdem findet sich bei vielen Familien Zuhause noch ein Gehfrei, der dem Nachwuchs das Laufen lernen vereinfachen soll. Aber ist so eine Lauflernhilfe fürs Baby wirklich sinnvoll?


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Was sind Lauflernhilfen?

Lauflernhilfen für Babys gibt es in den verschiedensten Ausführungen und den unterschiedlichsten Namen. So sind die Laufhilfen auch unter den Namen Gängelwagen, Gehfrei, Lauflernschule oder Babywalker bekannt. All diese Bezeichnungen meinen im Grunde genommen das gleiche Konzept: Ein Plastikgestell auf kleinen Rädern, in das Babys – halb sitzend, halb stehend – gesetzt werden und sich so fortbewegen können. Diese Babywalker sind für Kinder im Alter von sechs bis 15 Monaten konzipiert, die noch nicht laufen können.

Keine wirkliche Lauflernhilfe, aber in dieser Diskussion auch häufig genannt: der Türhopser. Ein Sitz in den das Kind gesetzt werden kann, dessen elastischen Verbindungsteile am Türrahmen befestigt (meist festgeklemmt) werden.

Lauflernhilfe

Am besten lernt es sich immer noch mit Mama und Papa als Gehhilfen und nicht mit irgendwelchen Geräten


© iStock
Warum kaufen Eltern solche Lauflernhilfen?

Natürlich kaufen Eltern solche Hilfen nicht, weil sie ihrem Kind etwas Böses wollen. Vielmehr wollen sie ihrem kleinen Schatz etwas Gutes tun. Sie wollen ihr Kind beim Laufen lernen unterstützen. In der Tat, scheinen Lauflernhilfen für Babys ideal zu sein: Mit Hilfe des Gehfreis sind die Kleinen recht mobil, Rasseln und Knöpfe halten Babys beschäftigt und Eltern haben so ein wenig freie Zeit, in der ihr Nachwuchs nicht besspaßt werden muss. Analog verspricht der Türhopser Spaß und Bewegung für die Kleinen und die Gewissheit für die Eltern, dass ihr Kind so sicher untergebracht ist.

Eigentlich alles gut – oder nicht?
Darum sind Lauflernhilfen nicht sinnvoll

Trotz der vermeintlichen Vorteile von Gehfrei, Türhopser und Co.: Bereits in den 70er Jahren haben Kinderärzte und Orthopäden vor der Verwendung solcher Lauflernhilfen abgeraten. Auch Stiftung Warentest hat bereits 1997 nach einem Test vom Kauf abgeraten. Ein Urteil, dass sie auch 2011 noch einmal betont haben: „Lauflernhilfen: Überflüssig und gefährlich."

Aber warum sind diese Lauflernhilfen überflüssig oder gar schädlich?

1. Lauflernhilfen erhöhen das Unfallrisiko


Tatsächlich gibt es immer mal wieder Meldungen über Unfälle, die mit der Lauflernhilfe passiert sind. Zum Beispiel berichtete die Bundesarbeitsgemeinschaft 2011 über ein Kleinkind, das fast ertrunken wäre, weil es mit dem Kopf in einen gefüllten Wassereimer gestürzt ist und sich, weil es im Gehfrei festsaß, nicht befreien konnte. Das Kind erlitt durch den Sauerstoffmangel schwere Hirnschäden und ist nun schwerbehindert.

Natürlich sind solche Vorkommnisse Einzelfälle. Nicht jedem Kleinkind, das eine Lauflernhilfe nutzt, geschehen solche schlimmen Unfälle. Dennoch erhöhen diese Laufhilfen das Unfallrisiko der Kinder. Gründe dafür sind unter anderem:

Geschwindigkeit: Weil Kinder mit den Lauflernhilfen schnell unterwegs sein können, können sie leicht gegen Regale oder Wände laufen und sich so verletzen. Häufig unterschätzen Eltern die Geschwindigkeit ihrer kleinen Abenteurer und reagieren dann zu spät.

Stürze: Ein Babywalker hindert ein Kind nicht daran zu stürzen, wenn beispielsweise Hindernisse im Weg stehen oder eine Treppe nicht durch ein Gitter abgesperrt ist. Die Folge: Gehirnerschütterungen, Schädel-, Arm oder Beinbrüche. Gleichzeitig stehen Kinder in den Lauflernhilfen mehr oder weniger aufrecht, das heißt, dass sie Dinge wie Töpfe oder Geschirr leichter zu fassen kriegen und sich so leicht verletzen oder verbrühen können.

Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) erleiden etwa 6.000 Kinder jährlich Unfälle, die auf die Lauflernhilfen zurückgeführt werden können. Wegen dieser Gefahren rät der BVKJ grundsätzlich von diesen Hilfen fürs Laufen lernen ab und spricht sich deutlich für ein Verbot von ihnen aus, wie es zum Beispiel schon in Kanada im Jahr 2004 eingeführt worden ist.

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2. Lauflernhilfen beeinflussen die motorische Entwicklung von Babys negativ

Kinder im Babywalker-Alter sind in der Regel motorisch noch nicht so weit entwickelt, dass sie selbst gehen und stehen können. Dazu fehlt es ihnen noch an der entsprechenden Muskulatur, die sich erst nach und nach ausbildet. Für diesen Prozess ist die Lauflernhilfe jedoch hinderlich, denn sie drängt das Baby in eine aufrechte Position, für die es körperlich eigentlich noch gar nicht reif genug ist. So kann es zu Fehlbelastungen der Wirbelsäule, Fußfehlstellungen, Muskelverkürzungen und einer verzögerten Entwicklung des Ganges kommen.

In Untersuchungen mit Zwillingen zeigte sich zum Beispiel, dass Kinder, die den Gehfrei häufiger nutzten als ihre Zwillingsgeschwister, später laufen lernten als ihre Brüder und Schwester. Gleichzeitig zeigten sie häufiger Auffälligkeiten wie Spitzfußstellungen und pathologische Bewegungsmuster.
Lauflernwagen: Die Alternative zum Gehfrei?

Beim sogenannten Lauflernwagen handelt es sich um kleine Wägchen – ähnlich einem Rollator oder Kinderwagen – an denen sich Kinder festhalten und diese vor sich hinschieben können. An sich ist an diesen Wagen nicht viel auszusetzen – nur der Name passt nicht. Denn zum Laufen lernen sollten diese Wagen auch nicht verwendet werden. Wenn Kinder, die noch nicht richtig laufen können so einen Wagen benutzen, eignen sie sich nämlich eine völlig falsche Haltung an. Denn sie strecken die Hände nach vorne, sind teilweise gebückt und müssen ihr Gleichgewicht anders verlagern als beim freien Gehen. Auch das ist für das Laufen lernen eher kontraproduktiv und könnte zu Haltungsschäden führen. Hat das Kind aber einmal gelernt, selbstständig zu laufen, ist dann nichts mehr gegen solche „Lauflernwagen“ als Spielzeug einzuwenden.
Laufen lernen ohne Geräte

Das Fazit lautet also: Lauflernhilfen können zu Unfällen oder Haltungsschäden führen und haben auch keinen positiven Einfluss auf den Lernprozess beim Laufen. Kinder lernen das Laufen also besser ohne irgendwelche „unterstützende“ Geräte. Jedem Kind sollte die Zeit gegeben werden, auf ganz natürlichem Wege Laufen zu lernen. Das Kind durch Geräte zum Laufen zu animieren ist dabei nicht nötig und für die Entwicklung gar hinderlich.

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von Nicole Metz




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