Darf man sein Baby schreien lassen?

Das Baby schreien lassen oder sofort an Ort und Stelle sein? Was ist besser fürs Kind? Wir haben uns die verschiedenen Ansätze angeschaut und die Studienlage dazu geprüft.


(1)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

Baby schreien lassen

Schreien lassen? Ja oder Nein, daran scheiden sich die Geister.


© iStock
„Du musst nicht sofort aufspringen, wenn sie zu schreien beginnt!“, „Schreien macht die Lunge stärker!“ oder „Du verwöhnst ihn so doch total“ – die meisten Mütter haben solche Sätze wohl schon einmal gehört, wenn es um das Schreienlassen bei Babys geht. Vor allem von älteren Generationen kommt häufig der Ratschlag, Babys auch einfach mal schreien zu lassen, damit sie lernen, sich selbst zu beruhigen. Auch das bei vielen Eltern beliebte Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ lehrt Müttern und Vätern die sogenannte Ferber-Methode, um Kindern das Durchschlafen beizubringen. Auf der anderen Seite gibt es auch zahlreiche Stimmen, die sich entschieden dagegen aussprechen, das Baby schreien zu lassen – und auch der mütterliche Instinkt stellt sich meist vehement gegen solch eine Taktik. Was ist nun der richtige Weg? Wir haben uns Studien und Meinungen von Experten angeschaut.

Jedes Kind kann schlafen lernen – Die Ferber-Methode


Das „Ferbern“, wie die Ferber-Methode auch genannt wird, geht auf den amerikanischen Schlafforscher Dr. Richert Ferber zurück. Mitte der 80er Jahre entwickelte Dr. Ferber einen Plan, nach welchem Kinder das Ein- und Durchschlafen lernen können: Nach einem kleinen Einschlafritual wird das noch wache Kind in sein Bett gelegt und alleine gelassen. Fängt das Kind zu schreien an – was meist der Fall ist – sollen Eltern fünf Minuten warten, bevor sie zu ihrem Kind gehen und es trösten. Dabei darf das Kind allerdings nicht aus dem Bettchen genommen werden. Auch soll das Trösten nur maximal zwei Minuten dauern, bevor die Eltern wieder das Zimmer verlassen. Fängt das Kind wieder zu schreien an, so rät Dr. Ferber den Eltern, erst nach zehn Minuten wieder zu ihrem Kind zu gehen. So werden die Abstände nach und nach auf maximal 30 Minuten gesteigert. Meist soll es nur wenige Tage dauern, bis das Kind so lernt, von alleine einzuschlafen.

Mit dieser Methode sollen dem Kind schlechte Einschlafgewohnheiten abgewöhnt werden. Grundlage ist also eine Verhaltenstherapie, um gelernte Verhaltensweisen wieder zu vergessen. Wenn das Kind zum Beispiel nur einschläft, wenn es getragen wird, hat es gelernt, Schlaf und das Getragenwerden miteinander in Verbindung zu bringen. Es muss nun lernen, auch ohne diese Einschlafhilfe zu schlafen. Das ist natürlich erst einmal irritierend für das Kind und bringt Protest – dem sich Eltern nicht sofort beugen dürfen. Durch die Einhaltung eines Zeitplans merkt das Kind aber trotzdem, dass die Eltern für es da sind.

Auch der Bestseller „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von der Kinderpsychologin Annette Kast-Zahn und dem Kinderarzt Dr. Hartmut Morgenroth richtet sich nach der Ferber-Methode, wobei die Zeitabstände, in denen das schreiende Kind alleine gelassen werden soll, hier wesentlich geringer sind.

Wichtig: Dr. Ferber selbst hat immer wieder darauf hingewiesen, dass sein Programm für gesunde Kinder entwickelt wurde, die älter als ein Jahr sind. Auch soll sein Schlafplan eher ein „Notfallplan“ für verzweifelte Eltern sein als ein Freifahrtschein dafür, sein Kind, wie es früher öfter praktiziert wurde, stundenlang schreien zu lassen. Wenn Eltern die Ferber-Methode ausprobieren möchten, sollten sie außerdem bedenken, dass ein Abbrechen der Methode nur in Ausnahmefällen empfohlen wird, da das Kind so das genaue Gegenteil lernen könnte: Wenn ich nur lang genug schreie, bekomme ich, was ich will.

 Das könnte Sie interessieren: Endlich durchschlafen

Wir geben Tipps, worauf Sie achten sollten, damit es mit dem Durchschlafen klappt. Eines vorweg: es braucht Geduld.


Schreien lassen bedeutet einen Verlust des Urvertrauens

Für manche Eltern kann die Ferber-Methode die Erlösung von nächtelangen Schreiattacken und Kämpfen um das Zubettgehen sein, trotzdem ist diese Taktik mit Vorsicht zu genießen. Studien und Experten weisen immer wieder darauf hin, dass Schreienlassen nicht die geeignete Methode ist, mit kleinen Schreihälsen umzugehen – vor allem, wenn die Kleinen noch jünger als ein Jahr sind. In diesem Alter kann Schreienlassen fatal sein.

Denn warum schreit ein Baby? Weil es einen Grund hat. Und weil es sich nicht anders verständigen kann. Wer das missachtet, riskiert, das Urvertrauen des Babys zu verletzen.
Dass das Trösten das Weinen noch verstärkt, gilt zumindest nicht für ein Baby unter einem Jahr - im Gegenteil. „Weinende Kinder brauchen Trost und sollen ihn auch bekommen“, sagt Hartmut Kasten, Professor für Entwicklungspsychologie und Frühpädagogik.

Der Rat von Experten lautet also: Wenn ein Baby schreit, sollten es Eltern umgehend beruhigen. Florian Heinen, Chef der Abteilung für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung am Haunerschen Kinderspital, erläutert in einem Gespräch mit der Süddeutschen: „Schreien Kinder, ist das ein für Eltern deutlich zu lesendes Signal: Hier braucht es Achtsamkeit, Behutsamkeit und natürliches Interesse - schlicht Liebe.“

Außerdem können Säuglinge noch nicht durchschlafen, ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist noch nicht ausreichend entwickelt. Auch reicht die Nahrung in den ersten Wochen nicht für die ganze Nacht. Zudem haben die kleinen Babys noch nicht gelernt, sich selbst zu beruhigen. Den Daumen als Beruhigungsmittel zu benutzen oder sich ins Bett zu kuscheln, müssen sie erst noch lernen – das braucht Zeit und kann durch Aufmerksamkeitsentzug nicht beschleunigt werden.

Wenn ein Baby schreit, aber von seinen Eltern nicht beruhigt wird, steigt sein Stresslevel. Es lernt schnell, auf eine Art Notfallprogramm im Gehirn umzuschalten, das dem Überleben in absoluter Todesbedrohung dient. Das alleingelassene Baby hat also Todesangst. In solch einer Situation kann sich das Gehirn nicht gut entwickeln, das Kind lernt nicht, mit Stress umzugehen.

Zwar zeigt eine australische Studie, die die Ferber-Methode mit anderen Zu-Bett-geh-Ritualen vergleicht, dass Babys, die nach der Ferber-Methode zu Bett gebracht wurden, keinen sofortigen Anstieg des Cortisol-Spiegels vorweisen. Doch über den Tag verteilt, zeigen sich bei den Ferber-Babys signifikante Veränderungen des Cortisol-Spiegels im Blut, wie eine Studie des Department of Child and Adolescent Psychiatry des Sophia Children's Hospitals in Rotterdam zeigt. Das Stress-System ist also reaktiver – es springt viel schneller an. Das Resultat sind Ängstlichkeit, Aggression oder Verhaltensstörungen.

 Das könnte Sie interessieren: Schreibabys beruhigen

Das Baby schreit und zeigt damit an, dass ihm etwas fehlt. Wieso Sie Ihrer Intuition bei Schreibabys trauen sollten.


Schreien lassen reduziert den Stress für Eltern nur kurzzeitig

Die Studie der australischen Wissenschaftler zeigt außerdem, dass die Anwendung der Ferber-Methode bei Müttern zwar zu einer kurzfristigen Senkung des Stresslevels führt, dieses nach drei Monaten aber auf das vorherige Niveau zurückkehrt. Eltern profitieren also auch nur für eine geringe Zeit vom Ferbern.

Studien, wie die im britischen Magazin „New Scientist“ erschienenen Untersuchungen des Teams um Ian St James-Roberts vom Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität London, zeigen auch, dass Säuglinge, deren Bedürfnisse sofort gestillt werden, insgesamt deutlich weniger schreien als solche, denen die Eltern weniger Zeit widmen.

 Das könnte Sie interessieren: Wenn Babys trotzig sind

Schon Babys reagieren mit Trotzreaktionen. Hier lesen Sie, warum Babys trotzig werden und was bei kleinen Wüterichen hilft.




von Nicole Metz




mehr zum Thema
Säugling Erziehung kontrovers
Artikel kommentieren
Login