Windelfrei: Groß werden ohne Windel

Windelfrei – das heißt: Groß werden ohne Windeln. Das geht doch gar nicht – zumindest nicht in unserem Kulturkreis, denken Sie gerade? Geht doch! Wir zeigen Ihnen, wie.


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Windelfrei – was hat es damit auf sich?


Ohne Windeln groß werden: Klingt nach Stress – und viel Wäsche. Windeln sind bei uns so normal, dass der Gedanke, die praktischen Alltagshelfer wegzulassen, gewöhnungsbedürftig ist. Es lohnt sich aber, sich mit dem Thema Windelfrei näher zu beschäftigen. Wir erklären Ihnen, was es mit der windelfreien Erziehung auf sich hat und wie sie funktioniert.


© iStock / vision net ag
Was heißt Windelfrei?

Im Prinzip bedeutet Windelfrei nicht viel mehr als das, was in vielen Teilen der Welt auch heute noch als völlig normal angesehen wird: Das Baby wächst ohne Windeln auf – und wenn es mal muss, wird es übers Töpfchen, eine Schüssel oder den nächsten Busch gehalten. Je nachdem, was gerade greifbar ist. Hierzulande ist der erste Akt nach der Geburt: Das Neugeborene bekommt eine Windel an. Die begleitet es allermeist bis zum Alter von drei, vier Jahren. Und die meisten Eltern hierzulande sind sich einig: Windeln sind doch so praktisch! Warum sollen wir auf diese Bequemlichkeit verzichten und uns gemeinsam mit unserem Baby im Windelverzicht üben? Diese Frage kann Freya Donner, Windelfrei-Beraterin aus Bonn, ganz klar beantworten: "Für mich ist es sehr wichtig, auf die Signale meines Kindes zu achten und auf sie einzugehen. Das bedeutet für mich nicht nur, dass ich es füttere, wenn es Hunger hat – sondern auch, dass ich ihm die Möglichkeit gebe, Pipi über einem geeigneten Gefäß zu machen.“ Anhänger der Windelfrei-Bewegung sind sich einig: Auch Babys haben das Bedürfnis, sauber und trocken zu sein. Ohne Einweg-Toilette am Po. Von Geburt an haben Säuglinge ein empfindliches Empfinden für ihre volle Blase oder den drückenden Darm, sie müssen dieses Gefühl nicht erst lernen.

Der Ansatz hat also nichts mit einer verfrühten oder erzwungenen Sauberkeits-Erziehung zu tun, sondern basiert auf den natürlichen Instinkten, die Babys von Geburt an haben. Schon ganz kleine Babys können ihre Ausscheidungen spüren, äußern und kontrollieren - wenn Eltern diese Signale ignorieren, gehen sie verloren. Jahre später muss dann das Trocken werden mühsam trainiert werden.

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Die Vorteile von Windelfrei

Kommunikation
Im englischen Sprachraum heißt die Methode 'Elimination Communication' (EC), also Ausscheidungskommunikation. "Das bringt es ganz gut auf den Punkt, was Windelfrei bedeutet, nämlich, dass über die Bedürfnisse des Kindes kommuniziert wird", so Freya Donner. Dadurch werden die Bindung der Eltern zu ihrem Kind und seine Fähigkeit zu kommunizieren gestärkt.

Bedürfnisbefriedigung
Asin Dorenkamp, Windelfrei-Beraterin aus Gelsenkirchen, praktiziert Windelfrei mittlerweile bei ihrem zweiten Kind und ist begeistert, dass sie auf diese Weise noch ein weiteres Bedürfnis ihres Kindes stillen kann: "Ich kann so nicht nur den Hunger, die Müdigkeit und das Bedürfnis meines Kindes nach Nähe verstehen und darauf eingehen – sondern auch darauf eingehen, wenn es ausscheiden muss".

Natürliche Entwicklung
"Die Entwicklung der Blasen- und Darmkontrolle verläuft so kontinuierlich, wie die aller anderen Körperfunktionen auch und wird nicht künstlich um zwei, drei oder vier Jahre aufgeschoben", so Asin Dorenkamp.

Umwelt & Kosten
Was darüber hinaus für die windelfreie Erziehung spricht, ist ganz klar der Müllberg, der so vermieden wird. Geschätzt rund 5.000 Windeln brauchen Babys und Kleinkinder, bis sie selbstständig aufs Klo gehen können. In Euro umgerechnet sind das 1.000 bis 2.000 Euro. Dazu kommt: Wegwerfwindeln brauchen etwa 300 Jahre bis sie verrotten.

Ein Leben ohne „Stinkewindeln“
Asin Dorenkamp findet Windelfrei alles in allem äußerst praktisch und freut sich über ihr Leben ohne 'Stinkewindeln': "Ich finde es anstrengender für Eltern und Baby, das Kind zu säubern und vielleicht sogar umziehen zu müssen, als eben schnell zu reagieren, das Kind abzuhalten, den Popo einmal abzuwischen - und fertig zu sein. Ich bin froh, dass ich die Erzählungen von 'Stuhl bis hoch zum Haaransatz' nur aus den Erzählungen anderer Eltern kenne!"

➤ Windelfrei hat noch mehr Vorteile:
• Keine Sauberkeitserziehung im Kleinkindalter
• Hygiene
• Keine Windeldermatitis


So funktioniert Windelfrei

Schon kleine Babys haben Rituale. Babys müssen zwar täglich bis zu 20 Mal ein kleines Geschäft verrichten, dabei gibt es aber verlässliche Zeitfenster: Die meisten Babys müssen nach dem Aufwachen, ebenso nach dem Stillen oder dem Milchfläschchen. Wenn Sie Ihr Baby nach dem Schlafen und Füttern übers Töpfchen halten, wird es mit großer Sicherheit pieseln.

● Beobachten Sie Ihr Kind! Die allermeisten Babys signalisieren, wenn sie mal müssen. Die Zeichen dafür sind ganz individuell: Manche Babys werden unruhig, ziehen eine Grimmasse, andere zittern und manche Babys weinen auch. Wenn Sie Ihr Baby im Alltag beobachten, werden Sie die Zeichen bald zu deuten wissen. Am besten lernen Sie den Rhythmus Ihres Babys kennen, wenn Sie seine Pipi- und Kacka-Zeiten notieren.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Baby mal muss, dann halten Sie es über eine Schüssel oder ein kleines Töpfchen. Profis sprechen hier vom 'Abhalten'. Klingt irreführend, meint aber, das Baby mit bloßem Po über eine Schüssel oder ähnliches zu halten. Stress und große Eile sind hier fehl am Platz, denn Babys lernen schnell, den Pipi-Reiz noch ein bisschen rauszuzögern, bis sie ausgezogen sind.

Jedes Mal, wenn das Pipi fließt, machen die Eltern dazu einen bestimmten Laut. Nach und nach lernen die Babys, auf diesen Laut zu reagieren: Wenn der ertönt, dann ist es Zeit fürs kleine oder große Geschäft.

Mit der Wahl des Starttermins sind Sie flexibel: "Mit der Windelfrei-Erziehung können Sie prinzipiell jederzeit beginnen. Ihr Baby sollte allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mit einem großen Entwicklungsschritt beschäftigt sein", rät Freya Donner.
Wie lässt sich Windelfrei praktizieren, wenn man unterwegs ist?
Die Antwort darauf hängt ein bisschen davon ab, wie pragmatisch die Eltern veranlagt sind. Die einen praktizieren Windelfrei nur daheim und wenn sie unter sich sind. Andere nehmen das Ausscheidungsbedürfnis ihres Kindes wie es ist, so auch die Zweifach-Mama Freya Donner: "Man wird da automatisch erfinderisch: Wenn ich beim Einkaufen merke, dass meine Kleine muss, lass ich den Einkaufswagen einfach kurz stehen, gehe raus und halte sie über dem nächsten Gebüsch kurz ab". Vor Autofahrten oder Fahrten mit Bus und Straßenbahn lautet der beste Tipp, das Baby einfach vor dem Losfahren nochmals Pipi machen zu lassen. Damit ist das Problem meist schon gelöst. Asin Dorenkamp hat gute Erfahrungen mit einer faltbaren Tupperdose gemacht. Ihre Erfahrung: "Schon kleine Babys lernen schnell, ein wenig zu warten, bis sie ausgezogen sind".
Was macht man nachts?

Die zweite Frage, die sich Windelfrei-Anfänger stellen: Wie funktioniert Windelfrei in der Nacht, wenn die ganze Familie tief und fest schlummert? "Babys pinkeln nicht im Tiefschlaf, sie werden vorher unruhig oder wachen richtig auf", weiß Asin Dorenkamp. "Manche Babys lassen sich abhalten und schlafen dann entspannter weiter, andere werden dadurch richtig wach und schlafen erstmal gar nicht mehr. Da hilft nur eins: Ausprobieren." Die wichtigste Regel lautet aber: "Schlaf geht immer vor!", da sind sich alle Expertinnen einig. Im Zweifel oder in schlechten Phasen lieber wickeln und ein paar Wochen oder Monate später nochmal den Windelverzicht in der Nacht ausprobieren.
Windelfrei: Funktioniert auch 'Teilzeit'
Die Windelfrei-Methode folgt keinen Regeln – das heißt, die Eltern können ihrem Kind natürlich wann immer es für sie praktisch ist, Windeln anlegen. Zum Beispiel bei Ausflügen, im Kinderwagen oder Autositz. Asin Dorenkamp berichtet aus ihrer Erfahrung mit ihrem ersten Sohn: "Perfektionismus ist hier fehl am Platz. Wer jedes Pipi eines Neugeborenen auffangen will, gerät garantiert in Stress. Wir haben anfangs einfach bei jedem Wickeln das Abhalten angeboten und die Wickelzeiten eben entsprechend angepasst: nach dem Aufwachen, nach dem Stillen, wenn mein Sohn anfängt zu pupsen... Und je besser wir seine Signale verstanden haben, umso weniger Backups haben wir benötigt."

Wenn Ihnen also die Idee, Ihr Kind ohne Windeln aufwachsen zu lassen, gefällt und Sie sich aber nicht vorstellen können, Ihr Baby in allen Lebenslagen öffentlich abzuhalten, spricht überhaupt nichts dagegen, den Ansatz nur daheim oder auch nur tagsüber zu praktizieren. Hier handelt es sich nicht um eine 'Alles-oder-nichts-Frage'. Freya Donner empfiehlt den Eltern aber eine gewisse Konsequenz: "Am besten ist es, wenn Sie klar definieren, wann das Baby ins Töpfchen macht (zum Beispiel daheim) und wann es in die Windel macht (zum Beispiel unterwegs und in der Kita)."
So klappt Windelfrei!
Das oberste Gebot lautet: Bitte - kein - Stress!!
Die Windelfrei-Erziehung ist kein Wettbewerb! Es geht auch nicht darum, keine einzige Windel zu verwenden, betont Freya Donner: "Meine Kleine hatte bis zum achten Monat trotz unserer Windelfrei-Erziehung eine Stoffwindel mit einer Einlage an, als Back-up sozusagen".

Wichtig ist praktische Kleidung.
Die meisten praktizierenden Eltern finden Bodys ungeeignet für das Abhalten. Sie zu öffnen dauert einfach zu lange! Besser ist zweiteilige Kleidung statt Stramplern, Hosen mit einer Öffnung im Schritt, Beinstulpen statt Strumpfhosen. "Es gibt hier ständig neue praktische Entwicklungen, um möglichst schnell und unkompliziert abhalten zu können. Zum Beispiel 'Minimalwindeln' und kleine Töpfchen, die man sich zwischen die Beine klemmen kann, um das Kind bequem darüber abzuhalten.", weiß Asin Dorenkamp aus ihrer Tätigkeit als Windelfrei-Beraterin.

➤ Beratung hilft bei der Umsetzung
Eine gute Idee ist es, möglichst schon während der Schwangerschaft Kontakt zu einer Windelfrei-Beraterin aufzunehmen. Aber auch für Baby-Eltern gibt es Info-Veranstaltungen, bei denen interessierte Eltern Tipps für die Umsetzung plus Kontakt zu anderen Eltern bekommen. Hier handelt es sich in der Regel nicht um ein kostspieliges, regelmäßiges Kursprogramm, sondern um Treffen, die ein bis zwei Mal stattfinden und kostenmäßig absolut überschaubar sind.

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