
Neugeborene sehen alles nur in Grautönen? Ein Mythos! Wie sich das Farbempfinden von Babys entwickelt und wie Eltern dabei helfen können.
Viele Kleinkinder lieben Violett und lehnen Braun ab. Das hängt wahrscheinlich mit der Entwicklung ihres Farbempfindens zusammen. Und das entsteht allmählich. Der Sehsinn ist bei der Geburt von allen Sinnen am wenigsten ausgereift. Zum einen ist das Auge noch nicht voll funktionsfähig, zum anderen müssen die Sehtechniken in den ersten Wochen und Monaten erst trainiert werden – in Mamas Bauch hatte das Baby dazu schließlich wenig Gelegenheit.
Schon Babys erkennen Farben
Grau ist die Welt für Säuglinge aber trotzdem nicht. Schon Neugeborene können Farben erkennen. Am besten Rot, wie kanadische Forscher bei einem Test herausfanden. Fast alle kleinen Probanden konnten einem roten Fleck folgen, der auf grauem Grund hin und her bewegt wurde. Die Farbe Grün erkannte jedes dritte Kind, Gelb jedes vierte. Aber nur jedes zehnte Neugeborene folgte mit seinen Augen einem blauen Fleck. Die Erklärung: Die sogenannten s-Zapfen im Auge, die für das Erkennen von blauer Farbe zuständig sind, entwickeln sich als letzte der drei Zapfentypen. Nach etwa drei Monaten ist das Auge eines Kindes bereit, fast alle Farben wahrzunehmen.
Allerdings kann es noch bis ins Teenager-Alter dauern, bis das „Feingefühl“ der
Kinderaugen ausgereift ist und der Nachwuchs Nuancen wie Apricot und Lachs voneinander unterscheiden kann. Da die Reizschwelle von Kinderaugen nämlich noch lange höher liegt als die von Erwachsenenaugen, bevorzugen Kinder kräftige Farben und starke Kontraste.
Babys bevorzugen bestimmte Farben
Im Alter von rund vier Monaten haben Babys sogar schon Lieblingsfarben. Die britische Psychologin Anna Franklin von der Universität von Surrey untersuchte die Vorlieben mehrerer Hundert Babys anhand der Aufmerksamkeit, die sie den einzelnen Farben schenkten, und stellte fest: Die Kleinen mögen vor allem Lila, Rot, Orange und Blau. Braun und Grau landeten beim Nachwuchs auf den Verlierer-Plätzen. Franklin fand noch etwas heraus: „Während einige Babys einen eindeutigen Favoriten haben, mögen andere Babys mehrere Farben.“ Sie rät jedoch davon ab, die gesamte Kleidung und alles Spielzeug nur noch in den heiß geliebten Farben zu kaufen: „Für die Entwicklung der Kinder ist es sicherlich das Beste, wenn sie von allen Farben umgeben sind.“ Denn nur so lernen sie das gesamte Spektrum kennen – und zu benennen.
Wann ein Kind Farben korrekt bezeichnen kann, hängt natürlich von seiner sprachlichen Entwicklung ab. Es gibt Kinder, die schon vor ihrem zweiten Geburtstag alle Grundfarben sicher aufsagen, und ebenso Vierjährige, denen die Farbvokabeln noch durcheinander purzeln. Die meisten Kinder können die wichtigsten Farben im Alter von drei Jahren richtig benennen. Dabei ist die Reihenfolge der gelernten Farbwörter kein Zufall. Zuerst kommen die beliebten Farben: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Lila, Rosa, Schwarz und Weiß. Erst später verwenden Kinder die Worte „Braun“ und „Grau“ – und verwechseln sie noch eine ganze Weile.
Eltern können Kindern bei den Farben helfen
Wer sich sorgt, ob mit den Augen oder der Sprachentwicklung seines Kindes alles in Ordnung ist, sollte beim Kinderarzt nachhaken. Regulär wird das
Sehvermögen hier im Rahmen der „U7a“ und „U8“ im Alter von drei und vier Jahren kontrolliert. Natürlich dürfen Eltern ihren Kindern auch beim Farbenlernen helfen – aber bitte unverkrampft. Das gelingt zum Beispiel, indem Sie gemeinsam Bilderbücher anschauen, Spielzeug sortieren, malen, kneten und basteln und dabei immer wieder Farbbegriffe einfließen lassen. Je lebendiger sie sprechen, desto besser: Worte wie Elefanten-Grau und Quietsche-Entchen-Gelb prägen sich schneller ein.
Übrigens: Die Zuordnung von Rosa für Mädchen und Hellblau für Jungs ist lediglich eine Frage der Kultur und der Zeit. Noch vor hundert Jahren trugen in Deutschland männliche Babys rosa – und weibliche hellblau.

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