
Einzelkinder sind egoistisch, altklug und verwöhnt? Vorurteile gegenüber dem Einzelkind halten sich hartnäckig. Dabei sind die Familienverhältnisse viel wichtiger als die Geschwisterzahl
Einzelkinder sind unsensibel und rücksichtslos - so lautet das landläufige Klischee. Die Wahrheit ist komplizierter, das brachten differenzierte, wissenschaftliche Vergleiche von Einzel- und Geschwisterkindern in den letzten Jahren ans Tageslicht.
Entgegen der alten Annahme, dass Einzelkinder schlechte Teamspieler sind, weiß man heute, dass oft sogar das Gegenteil der Fall ist. Gerade da Einzelkinder die elterliche Nähe ungeteilt genießen können, entwickeln sie eine große Sensibilität für andere. Oft sorgen Einzelkinder in Gruppen für Ausgleich oder schaffen es, gegnerische Parteien zu versöhnen.
„Was ihnen aber häufig fehlt, ist die Rücksichtnahme“, berichtet Professorin Rollett. „Einzelkinder wissen viel, weil sie häufig über Lerngelegenheiten verfügen, die Geschwisterkinder in dieser Form nicht haben. Dadurch, dass sie mit ihrem Wissen nicht hinterm Berg halten, wirken sie leider schnell besserwisserisch und angeberisch.“
Auch an Mitgefühl fehlt es Einzelkindern häufig, so ein anderes Ergebnis der Forschung. Für Professor Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe und Pädagoge an der Universität München, ist das nicht weiter verwunderlich.
Schließlich haben Einzelkinder in jungen Jahren wenig Gelegenheit, sich in die Gefühlslage anderer Menschen hineinzuversetzen. „Mitgefühl wird in frühester Kindheit erlernt, wenn einer anderen Person ein Missgeschick widerfährt. Geschwister erleben solche Situationen oft im alltäglichen Zusammensein“, erläutert Kasten, der kürzlich das Buch „Einzelkinder und ihre Familien“ herausgegeben hat.
Ob wir mit oder ohne Geschwister aufwachsen, prägt vielleicht in gewissem Maße unsere Kindheit - nicht aber automatisch unser ganzes Leben. „Typische, verallgemeinerbare Charaktereigenschaften von Einzelkindern gibt es so gut wie nicht. Im Erwachsenenalter kann man Einzelkinder kaum noch von Geschwisterkindern unterscheiden. Das Schicksal serviert einem immer wieder neue Karten - Leben ist ein Prozess, und die Persönlichkeit verändert sich bis ins hohe Alter“, so Professor Kasten.

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