
Viele Eltern spüren, dass sie jedes ihrer Kinder ein bisschen anders lieben. Keine Sorge! Ein fairer Umgang damit ist besser als Gleichmacherei.
"Du hast ihn viel lieber als mich!" Für solch lautstarke Anschuldigungen ihrer Kinder sind Eltern sehr anfällig. Denn sie haben das Gebot der gleich verteilten Liebe so fest verinnerlicht, dass sich unweigerlich das schlechte Gewissen meldet, wenn mal der eine, mal der andere mehr abkriegt. "Ich liebe dich, aber ich kann dich im Moment nicht leiden" - dürfen Eltern sich das eingestehen? Wie können sie damit umgehen, dass ihre Liebe sich vorübergehend unterschiedlich verteilt?
"Du, Mama, also ich weiß ja, dass du uns alle gleich lieb hast." Philipp, zur Tatzeit gerade sieben Jahre alt geworden, holt tief Luft. "Also ich finde das auch gerecht und keiner von uns soll jetzt denken, dass du ihn weniger lieb hast, nur weil wir jetzt noch ein Baby haben." Er hebt die Schultern, legt viel Verständnis in seine Gesichtszüge. "Aber sag mal", kommt es dann vertraulich, während er ein bisschen näher an mich heranrückt, "wen hast du denn jetzt eigentlich am liebsten?"
Natürlich habe ich auch dieses Mal wieder mit einer gebetsmühlenhaften Routine beteuert: "So ein Quatsch. Ich habe euch doch alle gleich lieb!" Geglaubt hat er mir kein Wort. Doch was soll man auch sagen? "Du hast ihn viel lieber als mich!" oder "Mir verbietest du immer alles, und sie darf machen, was sie will!" Diese Vorwürfe rühren an einen wunden Punkt.
Schon der Gedanke, Unterschiede zu machen, schmerzt: Eines der eigenen Kinder nicht richtig zu lieben, beschwört das Bild vom totalen Versagen als Mutter (und Vater) herauf. Dabei gilt die Elternliebe doch als stärkste emotionale Kraft und ist uns vielleicht sogar schon in die Gene geschrieben?
"Die wichtigste Aufgabe, welche die Gesellschaft den Eltern heutzutage auferlegt, ist es, ihr Kind zu lieben", stellt Frank Furedi in seinem Buch "Die Elternparanoia" fest. Auf den ersten Blick eine völlig berechtigte Forderung. Doch Liebe nehmen wir heute nur noch selten als spontane Empfindung wahr, "sondern sie ist zu einer elterlichen Funktion und Fertigkeit geworden", sagt Frank Furedi, "aus dem äußerst pragmatischen Grund, dass dieses Gefühl als Voraussetzung für ihr Funktionieren auf Verlangen gilt." Deshalb rät man Eltern mit schöner Regelmäßigkeit, ihrem Kind bedingungslose Liebe entgegenzubringen, und dies bitteschön, wenn mehr als ein Kind da ist, absolut gleich auf alle Kinder zu verteilen.
Dahinter lauert eine Drohung: Gib Liebe, sonst wirst du schon sehen, was du davon hast! "Das ist der Grund, warum belehrende Vorträge über elterliche Liebe sowohl etwas Herablassendes als auch etwas Einschüchterndes an sich haben", erklärt Furedi: "weil man Eltern doch eigentlich nicht sagen muss, dass sie sich an ihren Kindern erfreuen sollten, und weil die Unfähigkeit, ein Kind zu dessen Bedingungen zu lieben, als Akt elterlicher Böswilligkeit verurteilt wird."
Eltern haben die Aufgabe, ihr Kind zu lieben und zu fördern, längst verinnerlicht. Doch immer gleich zugewandt, zärtlich und aufmerksam sein zu müssen, entpuppt sich im Alltag mit den Geschwistern als unerfüllbar. Machen wir uns nichts vor: Allein schon das Bemühen, tagtäglich an alle Kinder die gleiche Portion Liebe austeilen zu wollen, ist ein aussichtsloses Unterfangen.

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