Co-Parenting, das arrangierte Familienglück

Das Konzept des Co-Parentings bringt unsere klassische Vorstellung von Familie gehörig ins Wanken. Aber eine verabredete Elternschaft ohne Liebe kann für manche tatsächlich eine gute Idee sein.


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Vater, Mutter und Kind. Das ist für uns das klassische Modell der Familie. Doch wer schreibt eigentlich vor, dass zu diesem Modell unbedingt die große, partnerschaftliche Liebe gehören muss? Der kleine Romantiker in uns hält sich jetzt sicher erschrocken die Ohren zu. Aber, wenn wir ehrlich sind und es nüchtern betrachten: Schon viele Familien sind trotz Liebe auseinander gegangen. Oder gerade deswegen, weil sie eben plötzlich nicht mehr da ist.

Liebe alleine ist nicht alles. Eine Familie muss vor allem ein gutes Team sein und die Eltern müssen in etwa die gleichen Werte vertreten und eine ähnliche Weltanschauung haben. Diese Gemeinsamkeiten sind wichtig, aber sie bedürfen keiner Liebe. In einem Zeitalter, in dem das Kinderzeugen schon lange nicht mehr an einen romantischen Akt gebunden ist, wird es vielleicht auch Zeit, die Notwendigkeit der partnerschaftlichen Liebe für eine Familie zu hinterfragen.

Co-Parenting als neues Familienmodell


Klingt zugegeben sehr pragmatisch. Aber in den letzten Jahren hat man auch im öffentlichen Diskurs von Frauen und Männern gehört, die sich bewusst für ein solches Familien-Konzept entschieden haben. Es nennt sich Co-Parenting und ist schnell erklärt: Eine Frau und ein Mann beschließen gemeinsam ein Kind zu zeugen, es gemeinsam groß zu ziehen, eine Familie zu sein, aber eben ohne sich zu lieben. Sie sind Freunde, aber kein Paar.

Zum Teil sind es Schwule und Lesben, die dieses Arrangement eingehen, um sich auf legalem Weg den gemeinsamen Kinderwunsch zu erfüllen. Denn nach wie vor sind sie vor dem Gesetz in Sachen Elternschaft stark benachteiligt. Das bedeutet aber nicht, dass Co-Parenting lediglich ein rechtliches Schlupfloch für homosexuelle Paare ist. Es ist vielmehr als modernes Patchwork-Prinzip zu verstehen, das es Kindern ermöglicht, unabhängig von der Sexualität ihrer Eltern, mit Vater und Mutter aufzuwachsen. Selbst für den größten Romantiker ist es sicher nachvollziehbar, aus diesen Gründen eine Partnerschaft ohne Liebe einzugehen. Wobei „ohne Liebe“ im Grunde falsch ist. Schließlich geht es beim Co-Parenting um Liebe: um die Liebe zum eigenen Kind.

Auch heterosexuelle Männer und Frauen leben dieses Familien-Modell. Was die Frage nach dem „Warum?“ erneut auf den Plan ruft: Warum kann man mit dem Kinderkriegen nicht warten, bis man den richtigen Partner dafür gefunden hat? Klammern wir wieder die Romantik aus und lösen uns von dem klassischen Dreiklang Liebe-Ehe-Kinder, der uns in den Ohren klingelt, dann ist die Antwort leicht gefunden: Weil unser Leben verplant, unsere Zeit aber begrenzt ist.

Wir wollen eine gute Ausbildung, den Traumjob, Karriere machen, Geld verdienen, die Welt entdecken, uns verwirklichen. Und dann, weiter unten auf der To-Do-Liste unseres Lebens, kommt der Punkt, an dem wir mit dem perfekten Partner wunderschöne Kinder machen und gemeinsam glücklich alt werden wollen. Doch das Leben ist keine stringente Liste, die sich von oben nach unten in Ruhe abarbeiten lässt. Und so kommt es nicht selten vor, dass sich einige unserer schönen Pläne unschön in die Quere kommen. Da haben wir zum Beispiel den perfekten Partner, mit dem es sich wunderbar Kinder machen ließe, aber wir fühlen uns noch nicht bereit, weil noch zu viele Punkte auf der Liste nicht abgehakt sind. Oder, was wesentlich komplizierter ist, der Kinderwunsch ist da, aber der Partner dazu fehlt: eine Sackgasse. Weil ganz unabhängig von unseren Plänen unser Lebensalter natürlich fortschreitet und damit auch die Eier – zumindest bei uns Frauen – ihr Haltbarkeitsdatum allmählich überschreiten. 

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Das Ei wartet nicht auf die Liebe

Schon ab 35 Jahren nimmt die Fruchtbarkeit einer Frau rapide ab. Nüchtern betrachtet ist es also ein Risiko, zu lange auf die Liebe zu warten. „Wenn man einmal den Kinderwunsch von einem Partner losgelöst hat, ist das auch irgendwie eine Befreiung. Einen Partner kann ich auch später noch finden und ich freue mich darauf, aber das Zeitfenster für ein Kind ist nicht für immer offen.“ Schreibt Jennifer Sutholt auf ihrem Blog planningmathilda.com. Seit Januar 2016 bloggt sie hier über ihren drängenden Kinderwunsch, ihre Suche nach Möglichkeiten und letztlich über ihre bewusste Entscheidung für das Co-Parenting. Sutholt: „Ich wollte eigentlich erst einen anonymen Samenspender nehmen. Aber ich finde, Kinder brauchen einen Vater oder zumindest eine zweite enge Bezugsperson. Sonst ist das Leben zu einseitig.“


„Wenn man einmal den Kinderwunsch von einem Partner losgelöst hat, ist das auch irgendwie eine Befreiung. Einen Partner kann ich auch später noch finden und ich freue mich darauf, aber das Zeitfenster für ein Kind ist nicht für immer offen...”

von Jennifer Sutholt

Ein schönes Gedankenmodell, aber ob es auch in der Praxis funktionieren kann? Die Probleme beginnen schon bei der Partnerwahl: Wo finde ich einen geeigneten Vater? Der erste Weg führt in der Regel ins Internet. Hier lassen sich viele fragwürdige Angebote von Samenspendern finden, die uns zum Schmunzeln bringen, aber leider ernst gemeint sind. Da lesen wir zum Beispiel von "Ich kann zeugen und wenn Mann es schon hat dann kann Mann es ja auch weitergeben" oder "guter Samen gesund gut bestückt viel Samen besame gerne bis erfolg". Fragwürdig. Es gibt aber auch seriöse Webseiten und Portale, die sich ernsthaft dafür engagieren, Frauen und Männer für eine Co-Elternschaft zusammenzubringen. Dazu gehören unter anderem www.co-eltern.de oder www.familyship.org. Sie bieten einen geschützten Ort für das Kennenlernen. Nur registrierte Nutzer haben hier die Möglichkeit mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen. Zudem finden Sie auf beiden Websites umfassende Informationen zum Thema.

Sutholt lernte ihren perfekten Co-Partner über eine gemeinsame Bekannte kennen. Hier war der Zufall, oder vielleicht auch das Schicksal, Katalysator für die nächsten Schritte. „Ich hatte das Glück, dass er von einer Bekannten vorausgewählt war und er war ein riesen Geschenk, denn einem komplett Fremden so zu vertrauen ist sicher schwieriger. Da hätte ich die Kennenlernzeit deutlich verlängert.", erklärt sie. Nach einem halben Jahr des Kennenlernens wurde deshalb auch schon ein Kind gezeugt – mit Becher und Spritze bei einer Heiminsemination. Im November 2016 kam Töchterchen Mathilda zur Welt. Jennifer, Mathilda und ihr Vater stehen erst am Anfang ihres Familienlebens. Ob sich die Theorie des Co-Parentings dann auch in der Praxis so einfach umsetzen lässt, das bleibt noch abzuwarten. Die ersten Hürden sind auf jeden Fall genommen. Jetzt geht es darum, einen gemeinsamen Rhythmus als Familie zu finden. 

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Ohne Partner ist der Kinderwunsch eine Sackgasse. Und wenn man die Liebe dabei ausklammert? Jennifer Sutholt hat das gemacht: ein Interview.


Gelebtes Co-Parenting

Autor und Blogger Jochen König ist da schon weiter. Seit knapp zwei Jahren lebt er das Co-Parenting. Mit einer lesbischen Freundin, Marie, bekam er im Dezember 2014 eine Tochter, Lynn. Zusammen mit Maries Lebensgefährtin und Königs älterer Tochter Fritzi sind sie seitdem eine Familie. Wie es läuft? Darüber schreibt König regelmäßig auf seinem Blog. Wir lesen hier von Einschlafritualen und Sonntagsfrühstück, von ausgeklügelten Wochenplänen und kinderfreien Tagen.

Im Prinzip sind es Episoden aus einem ganz normalen Leben als Patchwork-Familie. König: „Ich bin ziemlich glücklich. Es ist wirklich fast alles so gekommen, wie ich mir das vorgestellt habe. Dieser absurde Plan, den ich gefasst habe klappt tatsächlich wirklich gut.“ Natürlich gibt es auch Probleme. Vor allem der berüchtigte Alltag bringt häufig die Ernüchterung. Dass die ganze Familie gemeinsam etwas unternimmt, komme leider etwas zu kurz, resümiert König. Gerne würde er auch mehr Zeit mit Lynns Müttern verbringen. Doch in der Praxis bleibt das Familienleben eher aufgeteilt: an sechs Tagen heißt es, König und seine Töchter, die darauf folgenden acht Tage verbringt Lynn bei ihren Müttern.

Ein Punkt, der auch von Außenstehenden immer wieder kritisiert wird. „Natürlich gibt es auch viel Unverständnis für mein Familienleben. Da ist diese fragende Skepsis, ob das auch wirklich gut fürs Kind ist. Damit kann ich aber sehr gut umgehen, weil ich mir natürlich die gleichen Fragen stelle und für mein Kind nur das Beste will.“, sagt König. „Es gibt aber genug wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass es für das Kind nicht schädlich ist, wenn es mehrere enge Bezugspersonen hat. Klar, es wäre sicher schöner, gemeinsam als Familie zu leben. Aber meine Tochter hat auf gleicher Ebene drei wichtige Bezugspersonen. Und das ist gut für Lynn.“, fährt er fort.

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Doch damit das für das Kind so gut funktioniert, ist viel Extraengagement notwendig. König: „Gerade in den ersten Monaten war Lynn natürlich mehr bei ihren Müttern und hatte dadurch eine ganz andere Bindung zu ihnen. Ich musste mich anders bemühen, um mir eine Beziehung zu meiner Tochter aufzubauen. Da muss man einfach dran bleiben und ein bisschen Extraengagement zeigen.“ Zu Gute kam ihm dabei, dass er nicht zum ersten Mal Vater geworden ist. Für seine große Tochter Fritzi war er von Anfang an wichtigste Bezugsperson. Zu wissen, seinem Kind auch als Vater alles geben zu können, was es braucht, nahm die Zweifel, in dieser neuen Familienkonstellation den Anschluss verlieren zu können.

Hierin liegt wohl auch eine der größten Herausforderungen des Co-Parentings: dass beide Elternteile wirklich gleichberechtigt am Leben ihres Kindes teilnehmen. Das erfordert viel Organisationstalent, genaue Absprachen und klare Vereinbarungen. Es bedeutet viel Arbeit. „Wichtige Entscheidungen treffen wir nur gemeinsam – das geht nicht nach dem Mehrheitsprinzip. Ich muss also keine Angst haben, von Lynns Müttern überstimmt zu werden. Das haben wir vorab so festgelegt. “, erklärt König. Mit Marie und ihrer Lebensgefährtin hat er offensichtlich Partner gefunden, die absolut harmonieren. Für sie alle scheint das Modell Co-Parenting zu funktionieren. Normal oder ein glücklicher Einzelfall? Darüber können wir keine Aussage treffen. Noch zu wenige Frauen und Männer sind diesen Weg gegangen.
Co-Parenting, das Zukunftsmodell?

Das könnte sich aber bald ändern. Sutholt und auch König sind sich sicher, dass das Co-Parenting Zukunftspotenzial hat. „Es gibt inzwischen so viele Singlehaushalte und auch der Gedanke nur den einen Partner fürs Leben zu haben, ist überholt. Wir müssen neue Wege gehen. Und da würde das Co-Parenting als gesamtgesellschaftliches Konzept meiner Meinung nach ganz gut passen.“, sagt König. Ähnliches bestätigt auch der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky. In einem Interview über die Zukunft der Familien prognostiziert er genau diese Entwicklungsrichtung: „Wir alle gewöhnen uns daran, dass wir in unterschiedlichen Lebensphasen verschiedene Bedürfnisse und Ansprüche an unser Umfeld haben. Und dies betrifft eben auch den Lebenspartner. Wir stellen mehr und mehr fest, dass unsere Lebenspartner vielleicht in einer Lebensphase ideal zu uns passen, dass aber in der nächsten Lebensphase die Bedürfnisse und Ansprüche weit auseinander gehen. Dann trennen wir uns und suchen einen neuen Partner. Auf diese Weise entstehen mehr und mehr Patchworkfamilien.“

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Wir haben mit dem Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky einen Blick in die Glaskugel gewagt: Das erwartet uns in den nächsten Jahren.


Solche Aussagen ärgern das Gewohnheitstier Mensch. Dieser Trend weicht zu stark von dem ab, was wir als normal erachten. Andererseits schafft das Co-Parenting auf jeden Fall die Möglichkeit, sein Leben freier zu gestalten. Die partnerschaftliche Liebe (zunächst) vom Kinderwunsch zu lösen, kann besonders Frauen den Druck nehmen. Statt also auf die Wissenschaft zu bauen, die unsere Fruchtbarkeit durch methoden wie dem Social Freezing künstlich verlängert und uns damit mehr Freiheit suggeriert, sollten wir vielleicht neuen Familienkonzepten wie dem Co-Parenting offener gegenüberstehen. Natürlich muss diese Entscheidung jeder für sich treffen. Denn eines ist ganz klar: Nicht jeder findet in dieser Art von Freiheit sein persönliches Glück. Für viele wird auch in Zukunft eine Familie mit Ehemann bzw. Lebenspartner und gemeinsamen Kind die größte Erfüllung bleiben. Andere Wege oder Konzepte sollten wir deswegen aber nicht verurteilen. Denn unterm Strich geht es immer um die Liebe zum eigenen Kind, egal ob seine Eltern selbst aus Liebe oder aus Freundschaft verbunden sind.





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