7 Werte fürs Familienglück

Die klassische Familie befindet sich im Wandel. Als Ort, an dem Kinder Geborgenheit und Orientierung finden, ist sie dennoch wichtiger denn je. Worauf es heute ankommt.


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Familie ist moderner geworden


Eine deutsche Familie besteht aus Papa (berufstätig), Mama (Hausfrau) und zwei Kindern. Wie, das stimmt so nicht? Das stimmt doch! Erwähnen muss man allerdings, dass es sich dabei nur noch um eine von vielen Möglichkeiten handelt: Familie – das sind heute auch Alleinerziehende und Patchworkkonstellationen, gleichgeschlechtliche Partner und solche aus unterschiedlichen Kulturen oder Religionen. Und auch die Arbeitsteilung zwischen den Eltern folgt keinen festen Regeln mehr.

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Nie zuvor waren die Zusammenhänge, in denen Kinder aufwachsen, so vielfältig, nie war die Freiheit, Familie zu gestalten, so groß wie heute. Und: Noch nie standen Eltern vor so vielen Fragen und Entscheidungen. „Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck auf Familien hat nachgelassen. Heute beruht es viel stärker auf einer freien Entscheidung, zusammen zu sein“, sagt Elterncoach Reinhard Winter. Das schenke Vätern und Müttern die Freiheit, auf die Qualität der Familienbeziehungen zu achten. Es entstehe aber auch der Zwang, sich zu fragen: Was hält uns eigentlich zusammen?

„Die Zeiten, in denen alle wussten, was ,man‘ zu tun hat, was richtig und falsch ist, sind vorbei“, konstatiert auch der dänische Familientherapeut und Autor Jesper Juul. Stattdessen müssten Eltern eine eigene Autorität aufbauen – und diese könne nur auf festen Werten und Prinzipien beruhen, die als Navigationspunkte dienten.


7 Werte fürs Familienglück

Familie ist ein Mikro-Kosmos, in dem Kinder Werte fürs Leben erwerben“ sagt Dr. Angelika Faas, Psychologin, Paar- und Familientherapeutin.


© iStock

„Wir müssen Familie als Mini-Gesellschaft, als Mikrokosmos verstehen, in dem Kinder das leben und lernen, was sie brauchen, um in der Welt zurechtzukommen“, sagt die Diplom-Psychologin Dr. Angelika Faas. Werte können uns bei dieser großen und schönen Aufgabe als Kompass dienen, der uns bei den vielen großen Fragen und kleinen Problemen des Familienalltags die Richtung zeigt – und den wir ganz selbstverständlich an unsere Kinder weiterreichen, sobald sie beginnen, ihre eigenen Wege zu gehen.

Dieser Kompass kann und soll nicht bestimmen, wie wir unser Zusammenleben im Detail und ganz persönlich gestalten. Es geht darum, die Grundlagen im Auge zu behalten, die für ein warmes, gelingendes Zusammenleben in der Familie nötig sind. Und die hängen kein bisschen davon ab, ob eine Elternkonstellation aus zwei Vätern oder einer Mutter mit neuem Partner besteht. Wir nennen sieben Werte, die – auch heute noch – für alle passen.
1. Verlässlichkeit
Menschen, auf die man sich verlassen kann wie auf niemanden sonst – vielleicht ist das die schönste Definition von Familie. Sich ohne Wenn und Aber angenommen fühlen, sich angstfrei ausprobieren und Fehler machen dürfen: Das bietet in dieser Absolutheit wohl keine andere zwischenmenschliche Beziehung. Großartig zu wissen, dass kein Streit ums Aufräumen und keine noch so große Dummheit daran etwas ändern kann.

„Ein besonderer Eigensinn der Familie liegt darin, dass sich die Liebe wie in einem Perpetuum Mobile verstärkt und selbst erneuert“, sagt Ratgeberautor Reinhard Winter. Es ist jenes Wissen um die bedingungslose und niemals endende Liebe von Mutter, Vater, Großeltern und Geschwistern, das Kinder stark und zuversichtlich macht. Auf diesem Fundament wächst das Selbstvertrauen, das es erst ermöglicht, Neues zu wagen, Herausforderungen anzunehmen und auch mal Rückschläge zu verkraften. Und: Wer selbst Verlässlichkeit erleben durfte, kann sie später leichter in die eigene Familie hineintragen. 
2. Gegenseitiger Respekt
„Kinder müssen Erwachsenen mit Ehrfurcht begegnen!“ – Es ist wenige Jahrzehnte her, dass dieser Anspruch auch das Verhältnis von Eltern und Kindern prägte. Heute wissen wir: Väter und Mütter, die wollen, dass ihr Kind zu einer selbstbewussten und kreativen Persönlichkeit heranreift, dürfen nicht von oben nach unten „regieren“. Stattdessen sollte das Verhältnis von gegenseitigem Respekt geprägt sein. Aber was genau bedeutet das? Die Rolle von Eltern und Kindern ist schließlich sehr unterschiedlich. „Eltern haben alle Trümpfe in der Hand. Sie haben Macht, Wissen, Geld, Fähigkeiten – aber auch viel Verantwortung“, sagt Reinhard Winter. Ein Kind mit Respekt zu behandeln, bedeute, dieses Übergewicht nicht auszunutzen.
Autor Jesper Juul nennt einige Fallen, in die Eltern häufig tappen, z. B. das Anwenden der „elterlichen Definitionsmacht“, bei der wir unser Kind mit einem Stempel (etwa „zu jung“) versehen. Schädlich für die Eltern-Kind-Beziehung seien auch stark ergebnisorientierte Methoden, die einer „Dressur“ gleichen, wie etwa manche Einschlafprogramme. Als Leitfaden für ein respektvolles Miteinander führt Juul die „Gleichwürdigkeit“ ein: Sie zielt nicht darauf, die fraglos vorhandene Übermacht der Eltern zu leugnen oder abzuschaffen – aber sehr wohl „die Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse“ aller Familienmitglieder ernst zu nehmen, zuzuhören, Entscheidungen zu besprechen. Kinder, die Respekt erfahren, befinden sich nicht in einem beständigen „Kampf“ mit ihren Eltern – und sind gerade deshalb sensibel, rücksichtsvoll und offen für Argumente.
3. Ehrlichkeit
„Der Moment, in dem Kinder das Lügen für sich entdecken, ist ein wichtiger, denn dann wird ihnen klar, dass Eltern nicht allmächtig sind“, sagt Elterncoach Reinhard Winter. Sobald der Nachwuchs begreife, dass man sich mit Flunkern Vorteile verschaffen kann, sei es normal, dass dies auch getestet werde. „Nur wer Lügen ausprobiert, erlebt seine negativen Folgen, z. B. ein schlechtes Gewissen oder Ärger und Enttäuschung, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.“ Und: Nur wer die Möglichkeit hat zu lügen, kann sich bewusst dagegen entscheiden.

Vor der Versuchung, die Wirklichkeit zurechtzubiegen, sind natürlich auch Eltern nicht gefeit. Doch wer sich selbst durchs Leben schummelt, darf sich nicht wundern, wenn seine Kinder es ihm gleichtun. Erklären Sie Ihrem Kind, wann Ehrlichkeit wichtig ist und wann kleine Notlügen erlaubt sind, etwa, um die Gefühle anderer zu schonen. Von entscheidender Bedeutung ist aber der ehrliche Umgang in der Familie. Wer seinem Kind gegenüber Fehler eingesteht, zeigt: Auch Schwächen haben ihren Platz – und müssen nicht „weggelogen“ werden. 

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4. Vertrauen

„Das schaffst du schon!“, „Probier’s einfach noch mal“, „Ich bin stolz auf dich!“ – die Bestärkung durch die Eltern ist der Treibstoff, den Kinder für die Entdeckung der Welt benötigen. Nur wer seinem Kind vertraut, kann es glaubwürdig ermuntern, eigene Erfahrungen zu sammeln, selbstständig zu werden, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Das Gegenteil erreichen Helikoptereltern, die ihr Kind vom ersten Schrittchen an bei jeder noch so kleinen Unternehmung beraten, beschützen und kontrollieren wollen. Doch was als Fürsorge gedacht ist, wirkt verunsichernd. Denn die Botschaft lautet: Du allein kriegst es sowieso nicht hin. Wer es anders probiert, macht die wunderbare Erfahrung: Kinder, die spüren, dass man an sie geglaubt, wachsen oft über sich selbst hinaus.
5. Verantwortung
Familie ist ein enges Geflecht von Liebesbeziehungen. Sie ist aber auch ein großes Projekt, bei dem Menschen gemeinsam das Ziel verfolgen, gut miteinander zu leben. In diesem System können Kinder von Beginn an lernen, sich als Teil einer Sache zu fühlen, mitzudenken und ihren Fähigkeiten entsprechend Verantwortung zu tragen.

Ebenso wichtig sei es für Kinder aber zu lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen, betont Jesper Juul. Grundidee: Nur wer die Möglichkeit bekommt, eigene Gefühle und Überlegungen zum Maßstab seines Handelns zu machen, kann gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, authentische Entscheidungen treffen und sich davor schützen, dominiert oder ausgenutzt zu werden. Eigenverantwortung könnten Kinder laut Juul etwa von Beginn an für ihren Geschmack und Appetit übernehmen, später dann z. B für Körperpflege und Kleidung sowie die Auswahl ihrer Freunde. 

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6. Empathie

Anderen zuhören, ihren Blickwinkel einnehmen und versuchen, sie zu verstehen – was klingt, als wäre es im Umgang mit anderen eine Selbstverständlichkeit, ist eine bedeutsame soziale Fähigkeit, die tatsächlich auch viele Erwachsene nicht ausreichend beherrschen. Doch Empathie ist eine wichtige Grundlage für gelingende persönliche und berufliche Beziehungen sowie das erfolgreiche Einfügen in eine Gruppe – und damit auch fürs Lebensglück. Eine Familie, in der liebevolle Rüchsichtnahme und gegenseitiges Interesse kultiviert werden, ist der ideale Ort, um Einfühlungsvermögen zu „trainieren“. „Nirgendwo können Kinder stärker erleben, was es bedeutet, ein ,Wir‘ zu sein, als in der Familie; sie ist der Gegenakzent zu Egoismus und Individualismus“, sagt Reinhard Winter.
7. Gelassenheit
Konkurrenzdenken, Leistungsdruck, Freizeitstress, digitale Datenflut: Schon Kinder sind vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Abschirmen können Eltern sie davor nicht; aber sie können ihnen eine gelassene Grundhaltung mitgeben, die ihnen hilft, sich gegen Überforderndes abzugrenzen. Dabei ist nichts so wirkungsvoll wie das Vorbild der Eltern. Wer selbst vermittelt, dass ihn so schnell nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann, überträgt diese Stärke auch auf seinen Nachwuchs. Reinhard Winter warnt Väter und Mütter deshalb davor, dem „inneren Antreiber“ zu erliegen und sich mit dem Anspruch auf Perfektion unnötig selbst unter Druck zu setzen – gerade in Erziehungsdingen. Wunderschön hat das Jesper Juul ausgedrückt: „Im Leben geht es nicht darum, sich ,richtig‘ oder gar ,perfekt‘ zu verhalten, sondern darum, dem ganzen Chaos einen Sinn zu entlocken.“
Buchtipps zum Thema
• "Was Familien trägt" von Jesper Juul (Beltz): Klug, warmherzig, gut lesbar: Dieses „Orientierungsbuch“ für Eltern des dänischen Familientherapeuten ist wärmstens zu empfehlen!

• "Familie – eine Gebrauchsanweisung" von Reinhard Winter und Claudia Stahl (Beltz): Kluger Ratgeber für Eltern. Die Autoren stellen die Liebe in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zum Familienglück.

• "Herzensbildung" von Christiane Kutik (Freies Geistesleben): Kinder sehnen sich nach Werten, so die These der Autorin. Mit praktischen Anleitungen zeigt sie, wie Eltern Kindern einen Leitfaden fürs Leben vermitteln können.

(von Susanne Merkwitz / erschienen in der familie&co 13/16)

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