Eltern können Intuition lernen

Wie wir unser Verhalten gegenüber unserem Baby ausgestalten, hängt auch davon ab, welche Werte wir – bewusst und unbewusst – in uns tragen.


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Eltern geben eigene Erfahrungen unbewusst weiter


Je nachdem, was für Erfahrungen wir selbst als Kind gemacht haben, welche Überzeugungen wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben, senden wir unterschwellige Botschaften an unsere Kinder. Die können zum Beispiel lauten: „Die Welt ist gefährlich. Pass auf, dass dir nichts passiert“ oder „Ich bin stolz auf dich, wenn du nicht weinst“.

„Kinder, auch schon sehr kleine, haben dafür feine Antennen und sie versuchen, sich den Erwartungen der Erwachsenen anzupassen“, sagt Mauri Fries. Und Dr. Holger Schlageter, Psychologe und Pädagoge aus Wiesbaden, fügt hinzu: „Die eigene Erziehung und die Lebenssituation in der Kindheit sind eine ganz bedeutsame Quelle für das eigene Erziehungsverhalten. Unser Konfliktverhalten, Werte, der Kommunikationsstil – all das übernehmen wir hauptsächlich über das Vorbild unserer Eltern und vererben es dann sozial an unsere Kinder weiter.“
Eltern dürfen unterschiedlich erziehen

  Unterschiedlich erziehen?


Kann unser Bauchgefühl also auch Schaden anrichten? Im Normalfall nicht. Die Natur hat es so eingerichtet, dass Eltern durchaus unterschiedliche Temperamente und Verhaltensweisen an den Tag legen und mit verschiedenen Überzeugungen erziehen können – und ihre Kinder entwickeln sich trotzdem gleich gut. Auch die Entwicklungspsychologin Mauri Fries beruhigt: „Sie brauchen nicht Ihr Innerstes analysieren, damit Sie Ihr Baby gut versorgen können. Wichtiger als eine Nabelschau ist, dass Sie Ihr Kleines beobachten und mit ganzem Herzen wahrnehmen. Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Baby Ihnen mit seinen Signalen sagen kann, was es braucht und dass Sie dann das Richtige tun.“
Eltern sollten auch Expertenrat nutzen
Aber nicht in jeder Situation geht es um die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Manchmal braucht es tatsächlich Faktenwissen, damit wir das Beste für unseren Nachwuchs tun können. Ein Beispiel: Babys schauen in ihren Babywippern oft sehr vergnügt und zufrieden aus der Wäsche. Aber tun die Baby-Liegestühle den Kleinen auch tatsächlich gut? Die richtige Antwort auf solche Fragen kann uns unser Bauch nicht so leicht geben. Dabei hilft Expertenwissen. Und Physiotherapeuten sagen: „Babys liegen deshalb gern im Wipper, weil sie von dort alles bequem im Blick haben. Der Nachteil ist aber, dass sie schnell keine Motivation mehr verspüren, selbst aktiv zu werden und durch Strampeln, Drehen und Köpfchenheben wichtige Bewegungserfahrungen zu sammeln. Auch wird die Wirbelsäule falsch belastet.“ Woher soll man das wissen, wenn nicht aus einem Ratgeber?

Ein anderes Beispiel: Vielleicht merken wir, dass unsere Kleine mit fast vier Jahren beim Sprechen noch ganz schön oft über den „spitzen Stein stolpert“ und lispelt. Ob das noch im Normbereich ist oder nicht, kann aber meist besser der Kinderarzt bei der U 8 einschätzen.

Nicht nur das Bauchgefühl, sondern auch Expertenrat sind also wichtig. Auch hilft einem der Austausch mit anderen Eltern oft gut weiter, eine Situation einzuschätzen oder ein Problem zu lösen. Wenn man „Elterngespräche“ führt, zum Beispiel beim Babytreff oder nach dem Rückbildungskurs, sollte man sich dabei aber fragen: Ermutigt mich diese Erzählung und bekomme ich Informationen, die mir weiterhelfen? Oder weckt sie in mir nur Unsicherheit oder Unwohlsein? Wenn das der Fall sein sollte, ist der Moment gekommen, „Stopp“ zu sagen.
Intuition kann bei zuviel Wissen verloren gehen

„Man sollte jungen Müttern lieber einen Krimi schenken statt des zehnten Erziehungsratgebers....”

von Dr. Mauri Fries

Auch eine zu große Flut an Ratgebern kann verunsichern. Denn zu viele Informationen können bewirken, dass wir Probleme sehen, wo vielleicht gar keine sind. Wer kennt nicht den Effekt, dass der Kopf juckt, sobald jemand von Läusen spricht? Und wenn man drei Bücher über Allergien gelesen hat, dann sieht man in einem kleinen Pickel vielleicht schneller als sinnvoll den Anfang einer Lebensmittelunverträglichkeit.

„Wissen ist wichtig. Es hilft einem, sein Baby zu verstehen. Aber im Übermaß kann dabei das Bauchgefühl verloren gehen. Eltern vergessen darüber, dass sie die allerersten Experten für ihr Kind sind. Sie wollen eine absolute Gewissheit, dass sie auf dem richtigen Weg sind, dabei gibt es den gar nicht“, hat die Hebamme Simone Lehwald beobachtet.

Ein Beispiel: Wie lange soll oder darf ein Kind im Elternbett schlafen? Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Es muss sich für die Familie gut und richtig anfühlen. Dann stimmt’s. Wenn Eltern ihren Überzeugungen folgen, sich mit ihrer Entscheidung wohlfühlen, dann schenkt das dem Kind ein gutes, sicheres Gefühl – und vor allem das ist wichtig. Für Simone Lehwald ist es daher eine „wichtige Aufgabe der Hebammen, das elterliche Vertrauen in ihr Bauchgefühl zu stärken.“ Und zur Beruhigung: Die allermeisten Eltern bekommen es wunderbar hin. 


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