
Um die Vater-Kind-Bindung zu sichern, müssen Väter Zeit haben, Gefühle zulassen und Geborgenheit spenden.
„Mütter sind meist besser organisiert, Väter in der Regel sorgloser [...]“, sagt der Diplom-Psychologe. Doch viel größer sei der Unterschied zwischen Vater und Mutter beim Umgang mit Gefühlen: „Männer schaffen sich oft durch eine emotionale Sachlichkeit Distanz, in der sie sich frei fühlen. Sie lernen von klein auf, möglichst selbstständig und unemotional zu sein. Probleme sollen sie sachlich und effektiv lösen. Gefühle stören da nur.“ Und so, wie sie den Umgang mit Gefühlen von ihrem eigenen Vater vermittelt bekamen, geben sie es meist an das eigene Kind weiter.
Thiel plädiert dafür, dass ein Vater Gefühle bei sich selbst und beim Kind zulassen sollten. Sein Ratschlag an einen Vater: Öfter mal mit dem Nachwuchs kuscheln. Gefühle
Nähe ist eines der elementaren Bedürfnisse eines Kindes und Voraussetzung für eine tiefe Bindung zwischen Mutter und Kind sowie Vater und Kind. Die beiden psychologischen Bindungsforscher Mary Ainsworth aus den USA und John Bowlby aus England nennen fünf Punkte, die eine gute Vater-Kind-Bindung ausmachen:
Gerade beim Thema Zeit wird freilich der ein und der andere Vater einwenden, dass es seinem Chef egal ist, ob daheim ein kleines Kind auf seinen Vater wartet. Umso mehr schätzt es der junge Vater, im Rahmen der Elternzeit auch ein paar Monate daheim beim Kind zu bleiben.

Doch manchmal ist sogar in Sachen Zeit wenig eine ganze Menge: Für Rituale wie die Gute-Nacht-Geschichte braucht es nicht viel Zeit. Oft sind es schlicht ein eingefahrenes Rollenverständnis und Alltagszwänge, die es verhindern, zeitlich und emotional Bestnoten als Vater zu erzielen. Doch Michael Thiel fordert ja auch gar nicht den Über-Gefühls-Vater, sondern einfach nur den Mut, aus Rollenklischees auszubrechen und Gefühle auch bei sich selbst zuzulassen.
Denn Mutter und Vater sind immer auch Rollenvorbilder. „Der Sohn lernt, wie er sich als Mann zu fühlen und verhalten hat, die Tochter lernt durch den Vater – als erster Mann in ihrem Leben –, was sie von Männern erwarten kann. Diese Vater-Kind-Bindung ist, neben der Mutter-Kind-Bindung, der Prototyp für alle weiteren Beziehungen des Kindes zu anderen Menschen“, erläutert Thiel.
Ein Vater sollte allerdings nicht die bessere Mutter sein wollen, findet Prof. Peter Struck von der Universität Hamburg. Der Erziehungswissenschaftler und baby&co- Experte erinnert sich an Zeiten der Emanzipation, in denen man dachte, eine Mutter und ein Vater müssten austauschbar sein. Inzwischen gehe man in der Pädagogik davon aus, dass Unterschiede in der Erziehung dem Kind guttun. „Vom Vater erwartet der Nachwuchs, in die weite Welt hinaus gefordert zu werden, von der Mutter wird die schützende Hand erwartet – das ist angeboren“, sagt Struck. Verschiedene Bezugspersonen seien auch deshalb positiv für das kleine Kind. Doch natürlich sollte bei allen Unterschieden Einigkeit in fundamentalen Erziehungsfragen zwischen Vater und Mutter herrschen.
Die Wahrheit liegt also wie so oft in der Mitte. Auf der einen Seite soll sich ein Vater öfter mal zu mehr Gefühl und weniger Rationalität hinreißen lassen. Auf der anderen Seite sollen wir nicht versuchen, die bessere Mutter zu sein. Entscheidend ist schließlich, dass Jungen und Mädchen von der Geburt an nicht nur von der Mutter, sondern auch vom Vater das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit bekommen.
Und für das Entstehen dieser Bindung ist ein In-den-Arm-nehmen meist wichtiger als Reden, sagt Michael Thiel: „Das Kind entwickelt bei einem zärtlichen, gefühlsbetonten Mann ein inneres Bild vom Vater als emotional und körperlich erreichbar, als immer da, wenn es ihm schlechtgeht, als Trostspender und Helfer in schlechten Zeiten.“

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