Wer die positiven Seiten seiner Kindheit in die nächste Generation hinüberretten will, stößt schnell an Grenzen: Wie viele Kinder haben etwa noch die Gelegenheit, einfach vor die Haustür zu gehen und draußen zu toben? Auf Bäume klettern, Höhlen bauen, Äpfel vom Baum naschen, den Bach stauen – eine Art des Aufwachsens, die es so kaum noch gibt.
Heute verbringen Kinder mehr Zeit drinnen, umsorgt und behütet von den Erwachsenen. Wo Eltern ihre Kinder früher einfach laufen lassen konnten, müssen sie jetzt damit leben, dass selbst ein simpler Bolzplatz zu weit weg ist. Was natürlich nicht heißen soll, dass es nicht glücken kann, ein Stück unbeschwerte Kindheit in die heutige Zeit zu transportieren. In Klettergärten, beim gemeinsamen Wandern oder Zelten leben Kinder auch heute noch Lust am Abenteuer aus. Eltern müssen akzeptieren, dass sich bestimmte Faktoren in der Kindererziehung grundlegend geändert haben.
„Auch wer gelernte Muster übernehmen will, kommt nicht darum herum, nachzubessern“, sagt Michael Thiel. Denn auch Eltern, die konsequent an Bewährtem festhalten wollen, müssen heute Entscheidungen treffen, bei denen sie nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen können. Fremdsprachen schon im Kindergarten lernen? Braucht mein Kind einen Gameboy? Wie schütze ich es vor den Gefahren des Internets? Zeitgemäße Kindererziehung bedeutet hier, nicht aus Angst vor falschen Entscheidungen gar keine zu treffen.
Früher hatten Eltern ganz klar die Autorität in der Kindererziehung. Diese untermauerten sie mit Strafen, auch mal mit „ein paar hinter die Ohren“. Keine Frage: Solche unzeitgemäßen Methoden in der Kindererziehung sind überholt. Doch nicht alle Richtlinien und Werte der Kindererziehung aus vorherigen Generationen sind von gestern – das merken wir allerdings oft erst, wenn wir selbst Eltern sind.
Natürlich hat es Eltern in der Kindheit genervt, wenn ihnen Pünktlichkeit und Disziplin gepredigt wurde. Aber: wie nervös sind sie jetzt, wenn der Sohn nicht sofort nach Schulschluss auf der Matte steht? Wie genervt sind sie über die Tochter, die nie richtig Vokabeln lernt und sich dann über die Fünf im Test wundert?
Einige Werte und Regeln sollte man also ohne Scheu in die eigene Kindererziehung übernehmen. Auch wenn man weniger streng sein will als die eigenen Eltern – die Konsequenz, auch mal „Jetzt ist Schluss!“ zu sagen, bedeutet noch lange nicht, in verkrustete Strukturen zurückzufallen. Dafür hat sich in den letzten Jahrzehnten zu viel getan. Und das ist gut so: Denn letztendlich haben die Veränderungen in der Gesellschaft dazu geführt, dass unser Spielraum in der Kindererziehung größer geworden ist.
Da, wo vorher enge, eingefahrene Wege waren, ist jetzt ein Freiraum entstanden. Der mag uns manchmal das Gefühl vermitteln, ein wenig orientierungslos in der Kindererziehung zu sein. Vor allem aber bietet er Eltern die Freiheit, ihr ganz eigenes Konzept von Kindererziehung zu entwickeln, mit eigenen Antworten auf alte und neue Fragen – und hoffentlich mit vielen Werten, die wir aus unserer eigenen Kindheit bewahrt haben.

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