Experteninterview: Kindern Grenzen richtig setzen


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Experteninterview: Kindern Grenzen richtig setzen

Familie&Co: Nerven Kinder heute mehr als früher? Prof. Dr. Dietrich Petersen: Dazu gehören immer zwei: einer, der nervt, und einer, der sich nerven lässt. Insofern sollten wir uns eigentlich fragen: Nerven uns Kinder heute mehr als früher? Unbedingt! Vitale Lebensäußerungen von Kindern betrachten wir zunehmend als „Umweltverschmutzung“. Und Eltern sind heute lange nicht mehr so belastbar. Das „Aushalten“ als Tugend, das bloße Zuhören und Aufmerksamsein oder auch der geduldige Umgang mit quengelnden Kindern steht nicht mehr auf unserem gesellschaftlichen Lehrplan. Woran liegt das?
Der Wechsel vom Kindsein in die Erwachsenenwelt verschiebt sich immer weiter nach hinten. Viele finden daher nur schwer in ihre Erwachsenen-Rolle und in die Eltern-Verantwortung. Haben wir falsche Erwartungen an Kinder?

Leider ja. Im Qualitäts- und Zertifizierungswahn suchen wir zunehmend auch das „Norm-Kind“, das jeden Entwicklungsschritt zur vorgegebenen Zeit macht. Kinder sind aber individuelle Wesen, die wir im Rahmen ihrer Möglichkeiten fördern müssen. Wenn wir Großen nach zehn Minuten Gottesdienst schon abschweifen, wie sollen dann Erstklässler 45 Minuten lang still sitzen? Nerven sich Eltern und Kinder, weil sich viele Eltern auf einen Verhandlungsstil verlegt haben, statt klare Grenzen zu setzen?

Langes Diskutieren dient meist einzig der Beruhigung der Eltern, die ihren Kindern oft nichts mehr zumuten wollen. Klare Grenzen geben Kindern Halt und Orientierung, sie müssen aber auch passen, wie ein guter Rahmen zum Bild. Manche Eltern zögern unendlich lang, um dann viel zu hart zu reagieren. Wie viel Freiheit brauchen Kinder, um sich richtig zu entfalten?  Kinder ständig „bei Fuß“ gehen zu lassen, ist unmenschlich. Aber deswegen dürfen sie noch lange nicht Nachbars Blumenbeet zertrampeln. Freiheit bricht sich immer an den Rechten der anderen. Wie viel Einsicht kann ich in welchem Alter erwarten?

Ein Fünfjähriger sieht ein, dass er Ärger bekommt, wenn er Grenzen überschreitet. Ein Neunjähriger versteht bereits im Ansatz, warum ich mich aufrege. Und mit zwölf Jahren haben Kinder bereits gute Argumente, um Eltern die Absurdität mancher Ansichten zu verdeutlichen.