Flüchtlingshilfe - was wir von den Kindern lernen können

Das was unsere Menschlichkeit ausmacht, scheint bei unseren Kindern wie ein sechster Sinn verankert zu sein.  Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Ein Erfahrungsbericht einer Mutter.


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Es war Abend, das Sandmännchen hat gerade seine letzten Körner Sand verstreut. Meine Tochter und ich wollten uns auf den Weg ins Badezimmer machen, als mein Mann das TV Programm wechselte. In den Nachrichten wurden die neuesten Ereignisse der Flüchtlingssituation geschildert. Meine Tochter sah auf dem Weg ins Bad, über ihre Schulter hinweg, noch gespannt in den Fernseher. Als wir in ihrem Bett lagen und ich ein Buch zur Gutenachtgeschichte aufschlug, fragte sie mich plötzlich: "Mama, waren das gerade im Fernseher Flüchtlinge?" Ich bejahte. Meine Tochter hat innerhalb unserer Familie schon das ein oder andere Gespräch über Flüchtlinge mitbekommen. Durch meine Tätigkeit als ehrenamtliche Helferin ist das Thema bei uns in der Familie oft gegenwärtig.

"Warum gehen die Menschen aus ihrem Zuhause weg?"


Zu Beginn der Flüchtlingskrise habe ich meiner Tochter in einer kindgerechten Version versucht zu erklären, wer Flüchtlinge sind. Stand ihr bei Bedarf gern Rede und Antwort. Jetzt fragte sie mich wieder: "Warum gehen die Menschen aus ihrem Zuhause weg?". Ich antwortete ihr, dass die Menschen in ihrem Land nicht mehr sicher sind, weil dort ein böser Streit herrsche. Dass die Menschen durch diesen Streit ihr Zuhause verlieren, weil es zerstört wurde. "Haben die Flüchtlinge jetzt kein Zuhause mehr?", fragte sie und schaute mich mit großen Augen an. "Nein, oft nicht. Deswegen fliehen die Menschen aus ihrem unsicheren Land in ein Land, das sicher erscheint. Zum Beispiel unser Land, Deutschland.", entgegnete ich. Sie wurde still und ich sah ihr an, dass sie überlegte. Nach einer Weile fragte sie weiter: "Haben sie noch ein Bett oder Spielsachen?". Vorsichtig  erklärte ich ihr: "Nein, oft haben sie nichts mehr. Daher möchten sie in ein Land fliehen, in dem sie sich wieder ein neues Zuhause aufbauen können."

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Plötzlich ging sie in ihr Zimmer und ich folgte ihr. Sie schaute sich ihre Spielsachen an und warf ein paar ihrer Kuscheltiere auf den Boden. Dann öffnete sie den Kleiderschrank und warf verschieden Kleidungsstücke zu den Kuscheltieren auf den Boden. Außerdem eine alte Spieldecke.  Ich schaute sie verblüfft an und fragte, was sie da tue. "Ich möchte den Flüchtlingen etwas von mir abgeben. Du sagst doch, dass sie oft nichts mehr haben. Ich habe aber viele Kuscheltiere und Anziehsachen. Das kann ich doch den Flüchtlingen geben. Dann haben sie wenigstens ein bisschen."  Mir wurde ganz warm ums Herz. Ich unterdrückte meine Tränen und umarmte meine Tochter. Ich konnte nicht glauben, wie empathisch sie mit ihren jungen vier Jahren aus reiner Intuition handelte. "Ich bin stolz auf dich mein Engel!" flüsterte ich ihr ins Ohr, während ich sie näher an mich drückte.
Ich war mir plötzlich unsicher ...


„Unbeschwert und mit einer Selbstverständlichkeit haben die beiden Kontakt geschlossen und sich trotz Sprachbarriere direkt verstanden. Zugleich haben sie damit uns Frauen ebenso eine Plattform geschaffen, uns mit Leichtigkeit kennenzulernen. ...”

von einer Mama

Ein paar Tage später startete eine Kochrunde, die ich ins Leben gerufen habe. Durch den Tipp einer Sozialarbeiterin meiner Stadt darf ich einen Raum mit Küche in einem Flüchtlingshaus für die wöchentliche Runde nutzen. Die Flüchtlingsfamilien wohnen in den Wohnungen über der Kochküche und haben von meinem Kochangebot durch Flyer, die ich Wochen zuvor im Haus aufgehängt habe, erfahren. Aber: Trotz meines Willens, zu helfen, wurde ich  mehr und mehr unsicher, je näher die erste Kochrunde rückte. Wie sollte ich mit den Flüchtlingen und mir völlig unbekannten Menschen in Kontakt kommen? Ich wusste, ich wollte mit Flüchtlingen kochen, sie kennenlernen und ihnen helfen, sich bei uns in Deutschland wohl zu fühlen. Doch habe ich mir wenig Gedanken dazu gemacht, wie ich sie emotional erreiche. Wie begrüße ich sie? Was sage ich? Wie mache ich mich sprachlich verständlich? Stelle ich mich mit Vornamen vor oder mit meinem Nachnamen? Ich war mir plötzlich so unsicher.
Verstecken spielen funktioniert auch ohne Sprache


Flüchtlingshilfe


© Thinkstock
Um 16 Uhr sollte die Kochrunde starten. Geplant war eine Gemüsesuppe, sodass jeder etwas Gemüse schnibbeln kann und somit etwas zu tun hat. Der Raum war hell und freundlich und mitten in dem Raum stand ein großer Tisch. Meine Tochter war mit dabei. Sie freute sich mithelfen zu können. Wir packten die Einkäufe aus, legten das Gemüse mitten auf den Tisch ... dann klopfte es an der Tür. Zwei Frauen und ein Kind kamen herein. Etwas schüchtern schauten sie uns an. Ich bat sie freundlich herein und meine Tochter ging sofort zu dem kleinen Jungen, der sich hinter dem Bein seiner Mutter versteckte. Unsere Kinder waren im selben Alter. Meine Tochter ging langsam auf den Jungen zu und blieb dann vor ihm stehen. Sie streckte ihre Hand zu dem Jungen aus und wartete eine Weile. Wir Frauen beobachteten die beiden neugierig, hielten immer wieder Blickkontakt und ich spürte eine Verbundenheit. Obwohl wir uns nicht kannten, hat diese Situation eine Verbindung zwischen uns geschaffen. Nach einer kurzen Zeit lächelte der Junge, nahm die Hand meiner Tochter und ging einen Schritt auf sie zu. Meine Tochter fragte ihn dann auf Deutsch, ob er mit ihr Verstecken spielen möchte, schloss ihre Augen und begann zu zählen. Der Junge kicherte und lief im nächsten Moment weg, um sich ein Versteck zu suchen. Bemerkenswert! Die Frauen und ich konnten unsere Überraschung nicht verbergen und lächelten uns verblüfft über diese erstaunliche Situation an. Unbeschwert und mit einer Selbstverständlichkeit haben die beiden Kontakt geschlossen und sich trotz Sprachbarriere direkt verstanden. Zugleich haben sie damit uns Frauen ebenso eine Plattform geschaffen, uns mit Leichtigkeit kennenzulernen. Ich dankte meiner Tochter im Stillen dafür. Wir beobachteten die beiden noch eine Weile beim Versteckspiel. Meine Tochter sprach auf Deutsch und der kleine Junge auf seiner Sprache.  Dennoch wusste scheinbar jeder der beiden, was der andere meint. Ich verstand die Botschaft meiner Tochter, die sie mir durch ihr Handeln unbeabsichtigt signalisierte. Es ist ganz egal, was wir sagen oder in welcher Sprache wir es tun. Es kommt nur auf unsere innere Einstellung und Bereitschaft an, einander willkommen zu heißen und zu helfen. Alles Weitere ergibt sich dann von ganz allein.

Das, was unsere Menschlichkeit mitunter ausmacht, die Nächstenliebe, scheint bei unseren Kindern wie ein sechster Sinn selbstverständlich verankert zu sein.  Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen.


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