Vom Sinn und Unsinn geschlechtsneutraler Erziehung

Nicht Mädchen oder Junge, sondern Kind. Wie sich kanadische Eltern dafür einsetzen, dass ihrem Baby kein Geschlecht zugeordnet wird und was geschlechtsneutrale Erziehung wirklich bedeutet.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden
Die einen feiern es als wichtigen Sieg für die Geschlechtergleichheit, die anderen tun es als Unsinn ab, der den Betroffenen am Ende auch noch schadet. Die Rede ist von Searyl, einem kleinem Baby aus Kanada, das wohl das erste Kind ist, das in seinem Gesundheitspass kein Geschlecht eingetragen hat. Anstatt „weiblich“ oder „männlich“ steht in der ID Card des Babys ein „u“, das für „unassigned" (nicht zugewiesen) oder „undetermined“ (unbestimmt) stehen könnte. Kori Doty, Elternteil des Kindes, ist selbst Transgender und identifiziert sich als nonbinary, also als weder weiblich noch männlich. Für Doty sei es nicht Aufgabe bzw. Recht des Staates zu bestimmen und dokumentieren, welche Geschlechteridentität jemand annehme. Die Tatsache, dass neben British Columbia auch zwei weitere kanadische Provinzen – Ontario und Alberta – überlegen, eine Geschlechter-Option jenseits von männlich und weiblich für offizielle Dokumente wählbar zu machen, empfinden Doty und die Mitglieder der „Gender-Free ID Coalition“ deswegen als Schritt in die richtige Richtung. Doty erzählte dem Fernsehsender CBC, dass Searyl so erzogen wird, dass das Baby in erster Linie ein Kind sei und sich so ohne die Einschränkungen, die mit den Labels „Junge“ oder „Mädchen“ kommen, entwickeln könne. Das Ziel: eine geschlechtsneutrale Erziehung. Doch kann das funktionieren? Und wie geht es dem Kind dabei?

Ein Baby ohne Geschlecht

2011 hielt Storm die Medienwelt in Schach. Und dabei war das Baby erst wenige Monate alt und hat von dem Wirbelwind, den es verursachte, wohl gar nichts mitbekommen. Es waren eher die Eltern des Kindes, die sich Kommentare, Fragen, Kritik und sogar Beschimpfungen wegen ihrer Entscheidung anhören mussten. Kathy Witterick und David Stocke entschlossen bei der Geburt ihres dritten Kindes, dieses geschlechtsneutral großzuziehen. Sie hielten das Geschlecht des Neugeborenen geheim, wählten einen neutralen Namen und versuchten ihr Kind frei von Geschlechterstereotypen zu erziehen.


Die Reaktionen auf diese Entscheidung waren gespalten. Während Viele die Eltern feierten, gab es auch zahlreiche kritische Stimmen. Stimmen, die meinten, das Kind würde unnötig verwirrt und den Mobbingattacken von anderen ausgesetzt.
Kinder ohne Zugehörigkeit 
Es gibt Kritiker, die beklagen, dass eine solche Erziehung versuche, Jungs zu Mädels und Mädels zu Jungs zu machen. Andere befürchten, dass Kindern, die geschlechtsneutral aufwachsen, ein Zugehörigkeitsgefühl fehlt.

Während man erstere Stimmen getrost ignorieren kann, könnte an der zweiten Kritik durchaus etwas dran sein. Geschlecht ist in unserer Gesellschaft ein Merkmal, das identitätsbildend ist. Fühlen sich Kinder keinem Geschlecht zugehörig, fehlt ihnen eine orientierungsgebende Gruppe. Sie fühle sich „anders“, nicht zugehörig. Psychologen befürchten, dass dies in Identitätskrisen und einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung des Kindes resultieren könnte.

Eine solche Erziehung bereite Kinder laut Kritikern außerdem nicht auf das richtige Leben vor, in dem es nun einmal Geschlechterdifferenzierungen gebe. Ein Junge, der unbefangen mit einem rosa Tutu unterwegs ist, wird häufig mir Spott oder Unverständnis konfrontiert werden. Das kann der kleinen Kinderseele Schaden zufügen. 
So funktioniert geschlechterneutrale Erziehung

Geschlechtsneutrale Erziehung: das steckt dahinter


© iStock
Bei geschlechterneutraler Erziehung geht es nicht in erster Linie darum, das Geschlecht des Kindes zu verleugnen, viel mehr gibt es verschiedene Stufen dieser Erziehungsform. Manche Eltern bevorzugen „extremere“ Taktiken, wie Storms Eltern, andere versuchen im Umgang mit ihren Kindern so wenige Geschlechterstereotypen wie möglich widerzugeben. So ist das Ziel, dass sich jedes Kind so entwickeln kann und soll, wie es möchte. Kein Kind soll sich durch geschlechtsspezifische Stereotypisierungen in der Erziehung und die Erwartungen der Gesellschaft in eine bestimmte Rolle gedrängt fühlen. Bei Geschlechterneutralität geht es nicht darum, die neutrale Mitte zwischen männlich und weiblich zu finden, sondern darum, dem Kind selbst zu überlassen, wer es sein möchte – ohne die Grenzen, die einem durch ein Geschlecht aufgesetzt werden.

Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um Chancengleichheit. Dabei sollte Kindern die Möglichkeiten gegeben werden, unterschiedlichste Ausprägungen von männlichem und weiblichem Verhalten zu erleben. Aus diesen gemachten Erfahrungen können sie sich dann die Elemente heraussuchen, die sie für sich selbst am passendsten erleben.

 Das könnte Sie interessieren: Rosa ist nur eine Farbe

Über die Schwierigkeit, die Balance zwischen Gender-Extremist und Rollenklischee zu finden.


Geschlechterrollen ausprobieren

Kindern sollte also die Möglichkeit gegeben werden, Geschlechterrollen auszuprobieren. Dabei kommt es oft vor, dass Geschlechterklischees überstrapaziert werden: Mädchen, die nur in rosa Kleidern herumlaufen und mit Puppen spielen und Jungs, die nur blaue Sachen tragen und mit Autos spielen. Dies ist okay und Teil der kindlichen Entwicklung. Eltern sollten also nicht versuchen, diese Verhaltensweisen geschlechterneutral umzuformen. Wichtig ist stattdessen, dem Kind aufzuzeigen, dass sein Rollenverhalten vollkommen in Ordnung, aber auch kein Zwang ist.

Umfrage

Würden Sie Ihr Kind geschlechtsneutral erziehen?


Gesellschaftliche Einflüsse aus der Erziehung rauszuhalten ist quasi unmöglich. Durchaus im Möglichen liegt es stattdessen, Kindern vorzuleben, dass Geschlechterstereotypen genau das sind: Stereotypen, die wahr sein können, aber nicht müssen. Denn Vorbilder sind wichtig für Kinder: Wenn ein Mädchen einen Hammer geschenkt bekommt, aber noch nie eine Frau gesehen hat, die einen Hammer in der Hand hält, dann wird sie wohl auch nicht mit dem Hammer spielen. Gelebte Gleichberechtigung lautet hier das Stichwort.
Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle
Das Geschlecht spielt beim Heranwachsen von Kindern also eine Rolle, die man nicht unterschätzen sollte. Auch die damit verbundenen Geschlechterrollen beeinflussen die Entwicklung von Kindern – sowohl im Positiven, wie im Negativen. Letztendlich ist es wohl vor allem wichtig, unvoreingenommen an die Erziehung des Sprösslings heranzutreten und dem Nachwuchs so eine freie Wahl seiner Lebensentwürfe zu ermöglichen.

Sechs Jahre später ist Storm übrigens putzmunter. Werder verwirrt noch verloren, sondern ein aufgewecktes Kind, dass sich nun selbst für eine Geschlechteridentität entschieden hat: Storm möchte mit „sie“ angesprochen werden. Einen Wunsch, den ihre Eltern auch gerne akzeptieren.

 Das könnte Sie interessieren: Typisch Junge - Typisch Mädchen

Angeboren oder alles Erziehung? Für den kleinen Unterschied sind beide Faktoren wichtig.



von Nicole Metz




mehr zum Thema
Erziehung kontrovers
Artikel kommentieren
Login