Noch so 'ne Nähmutti?

Ja. Ich gehöre zu den Menschen, die nähen. Ja. Ich bin Teil dieser grassierenden Selbermachbewegung. Und ja, deswegen bin ich ein gutes Vorbild.  #insidemom 


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Eigentlich habe ich gerade gar keine Zeit diesen Text zu schreiben. Meine Kinder spielen zwar ausnahmsweise friedlich im Kinderzimmer. Aber vor meinem Schrank in der Stube liegt ein riesiger Stapel Stoffe. Daneben ein Müllsack voller alter Jeans und aussortierter Kleider. Ich bereite meinen Abend vor und freue mich schrecklich, mich an meine Nähmaschine zu setzen.

Ja. Ich gehöre zu den Menschen, die nähen. Ja. Ich bin Teil dieser grassierenden Selbermachbewegung. Kurz: DIY.

Was für einVorbild möchte ich sein?


"Noch so 'ne Nähmutti", denken jetzt mit Sicherheit ein paar Leute. Selbermachen, nähen, stricken, puhpuhpuh. Muss das sein? Kann die sich nicht um wichtigere Dinge kümmern? Eine Freundin hat mir gar vorgeworfen, ich würde ein überholtes Frauenbild propagieren. Eines, in dem die Frau am Herd steht, ihrem Mann die Puschen bringt und sich ansonsten selbst verwirklicht, indem sie Wohnung und Kinder schön dekoriert. Nicht mit mir. Ich wende mich nicht der Vergangenheit zu. Ganz im Gegenteil. Ich versuche, meinen Kindern ein Vorbild zu sein. Ich gehe einen Schritt in die Zukunft.


„Eine Freundin hat mir gar vorgeworfen, ich würde ein überholtes Frauenbild propagieren. Nicht mit mir. Ich wende mich nicht der Vergangenheit zu. Ganz im Gegenteil. Ich versuche, meinen Kindern ein Vorbild zu sein. Ich gehe einen Schritt in die Zukunft...”

von Annett Zündorf

Oder gleich zwei? Ich mache nämlich Dinge nicht nur selber aus neuen Materialien, sondern ich verwende vorwiegend alte. Früher nannte man das Sparen. Wer schon mal in ein altes Nähkästchen geschaut hat, findet aus alten Kleidern herausgetrennte Reißverschlüsse, abgeschnittene Knöpfe und Stopfstrümpfe. Heute würde man es eher als sorgfältigen Umgang mit Ressourcen bezeichnen. Völlig selbstverständlich überall dort, wo Materialien und Geld knapp sind. In Industrieländer ist das dagegen so ungewöhnlich, dass es sogar ein neues Wort dafür gibt – Upcycling. Nichts gegen das Wort. Ich mag es und betreibe sogar einen Blog zum Thema. Aber egal wie man es nennt – eine ganze Menge Leute haben vergessen, wie man selbst Sachen herstellt oder repariert. Sie kaufen alles neu. Ständig. Darauf habe ich keine Lust.
Mehr als ein bisschen basteln
Selbermachen ist mehr als bisschen basteln. Ich will Sachen selber herstellen und kaputte Dinge alleine reparieren können. Ich will niemanden, der das für mich tut. Oder mir gleich ein neues Ding verkauft. Außerdem bringt Selbermachen einfach gutes Karma.

Für mich selbst:
Weil ich herrlich entspannen kann. Ich komme in den berühmten Flow. Während andere zu Meditationskursen gehe, verschwindet um mich herum die Welt, wenn ich nähe oder etwas auseinandernehme und wieder zusammensetze.

Für meine Kinder: Ich will meinen Kindern beibringen, wie sie es schaffen, auch ohne übermäßigen Konsum glücklich zu werden. Sie sollen nicht ständig fragen "Kaufst du mir das?" Nein. Sie sollen auch mal sagen, he, schau mal. Könnten wir das nicht dafür verwenden. Klar sind Kaufdinge schick und verführerisch – aber als wir letztes Jahr im Urlaub aus Korken und Papier und Tetrapacks einen Dampfer bauten und Ihn auf den Wellen des Mittelmeeres schwimmen ließen, war das Kind schnell von anderen Kindern umringt, die sich alles genau ansahen und begeistert waren.

Für meine Familie:
Unsere Familienkasse profitiert eindeutig, wenn nicht ständig alles neu gekauft wird. Von den Kindern bis zu Onkeln, Omas, Tanten freuen sich alle über tolle Einzelstücke.

Für die Umwelt:
Was ich nicht kaufe, muss weder produziert noch transportiert werden. Wasser, Energie und Kohlendioxid werden eingespart.

Und genau diese Dinge will ich meinen Kindern beibringen. Bisher klappt das gut. Ist die Hose des Kindes gerissen, bekomme ich gleich Vorschläge mitgeliefert, wie man noch was retten kann. Wird ein Geschenk gebraucht, beraten wir, was wir selber machen könnten.

Soll nochmal einer sagen, ich benehme mich wie ein Relikt der Vergangenheit. Und das mit der Nähmutti, das haut auch nicht hin. Mein Opa war Schneider und hat die ganze Familie benäht. In meinem Nachbarhaus wohnen gleich zwei ältere Herren, die eine Nähmaschine besitzen und nutzen. "Meine Hollywoodschaukel war kaputt", hat mir der eine letztens erzählt. Und das er mit dem zerrupften Stoff in den Keller an seine Nähmaschine gegangen ist und alles repariert hat. Ich war baff. Darum geht es nämlich. Das man sich unabhängig macht und Dinge selbst herstellen und reparieren kann. Das können alle! Männer und Frauen und Kinder.

Ob das ein Rückschritt ist? Darüber können wir gern weiterreden. Aber jetzt muss ich weg. Mein Sohn ruft von draußen. Dort liegt schon ein großer Stock. Der wird ein Laserschwert.

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#insidemom: Annett Zündorf


Hier schreibt: Annett Zündorf


Hier schreibt Annett Zündorf (41). Ich bin freie Journalistin, Mutter eines naseweisen Siebenjährigen und einer kleinen Extremsportlerin. Auf meinem Blog schnippschnapp-kragenab.de zeige ich, wie man neuen Stil aus alten Sachen kreiert.

Für #insidemom schreibe ich, weil ich furchtbar neugierig bin. Hier gibt es unverfälschte Einblicke in die Gedanken und Gefühle anderer Mütter.

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