Mein Fluchtplan aus der Kindergeburtstags-Hölle

Kindergeburtstage sind nur ein weiterer Anlass für Overachiever-Eltern, sich selbst zu produzieren. Mai-Phi sagt: Schluss damit, ich bin raus! #insidemom 


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Geburtstag feiern - aber bitte richtig


Der Druck ist hoch. Schon Monate bevor die Große Geburtstag hat, gehe ich in die Planung: Welche Location für die Geburtstagsfeier? Und reicht ein halbes Jahr Buchungsfrist im Voraus für den „Mutter-Kind Aktiv- und Bewegungsraum mit charmanten Innenhof im Herzen von Schwabing“? Schließlich sind in einer Kinderreichen Großstadt wie München Veranstaltungsräume für einen standesgemäßen 5. Geburtstag mindestens so schnell ausgebucht wie ein Tisch auf dem Oktoberfest. Wer der Geburtstagsgesellschaft einen pädagogisch wertvollen Kunst-Workshop oder einen ausgelassenen Tobe-Nachmittag im ökologisch korrekten Turn-Paradies bieten will, muss früh aufstehen.


„Überhaupt, die Eltern der kleinen Geburtstagsgäste sind der Grund, weshalb aus einem völlig banalen Kinderfest mit selbstgebackenem Marmorkuchen, Topfschlagen und Kissenschlacht in den eigenen vier Wänden nun ein Society-Event mit personalisierter Konditors-Torte, visuell ansprechender Deko und durchgetaktetem Unterhaltungsprogramm mit  größtmöglichem Sozialstress geworden ist ...”

von Mai-Phi Trat Quan

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Kindergarten-innenpolitisch höchst heikle Auswahlverfahren der glücklichen Gäste ist abgeschlossen („Fünfter Geburtstag, fünf Gäste, basta.“ „Und was ist mit den Kindern, die mich eingeladen haben??“ „Arrgggh!!“) Die Motto-Findung der Geburtstagsparty stresst mich schon gar nicht mehr. Wir haben von der Prinzessinnenparty („Geht nicht mehr, weil die Mia das schon gemacht hat!“) über Feen-Ball („Aber die Emma macht doch einen Feen-Geburtstag!!“) zum neusten Disney-Franchise („Niemand spielt mehr Elsa, Mama! Minions sind cool!!“)  schon jeden Kinder-Trend gedanklich geplant und abgefrühstückt. Ich habe mich damit abgefunden, dass in letzter Sekunde aus irgendeinem (superwichtigen!!) Grund das Motto sowieso umgeschmissen werden wird und ich in meiner Mittagspause verschwitzt und mit einem Bluthochdruck bis unter die Decke die Deko für ein vollkommen neues Motto zusammenrennen darf. Die Zeiten, als ich noch am Abend vor der Abgabe 30-seitige Seminararbeiten zusammengeschustert oder zehn Minuten vor dem höchst wichtigen Kunden-Meeting noch multimediale Präsentationen gebastelt habe, haben mich bestens auf diesen Moment vorbereitet.
Das "Goodie Bag"-Fiasko
Viel brisanter ist das „Goodie Bag“. Richtig gelesen, statt einem Tütchen Süßkram (oder einfach – nichts) wie früher, bekommen die kleinen Partygäste ausgewachsene Geschenktaschen zum Abschied, die mitunter besser gefüllt sind als jede Oscar-Gift-Bag. Da muss das Alter der kleinen Gäste berücksichtigt werden – und wehe, eine fast-Fünfjährige bekommt das „Babyspielzeug“ für die Dreijährigen. Soviel Verachtung hat man in einem Kindergesicht noch nicht gesehen. Etwas „cooles“ muss es sein, möglichst leuchten und Geräusche machen – mit Pixi-Büchern oder Überraschungseiern lockt man keinen Stöpsel mehr hinterm Ofen hervor. Auf gar keinen Fall nur ein Spielzeug und etwas Süßes. Vier Teile sind absolutes Minimum, um nicht Sätze zu hören, wie: „Bei Lila-Rosas Geburtstag gab’s aber mehr Sachen!“ (Kinder) oder „Wirklich gut, dass ihr den Goodie-Bag-Trend nicht mitmacht. Also wir haben bei Emanuel-Jordans Feier mit 10 Euro pro Tütchen ja wirklich übertrieben!!“ (Eltern)

Überhaupt, die Eltern der kleinen Geburtstagsgäste sind der Grund, weshalb aus einem völlig banalen Kinderfest mit selbstgebackenem Marmorkuchen, Topfschlagen und Kissenschlacht in den eigenen vier Wänden nun ein Society-Event mit personalisierter Konditors-Torte, visuell ansprechender Deko und durchgetaktetem Unterhaltungsprogramm mit größtmöglichem Sozialstress geworden ist.
Die Sätze, die beim Abholen unter den Eltern fallen, eignen sich hervorragend für ein Kindergeburtstags-Bullshit-Bingo:

• „Das ist schon alles Bio, gell? Der Konrad verträgt die Wienerle aus dem Supermarkt ja gar nicht!“

• „Ja wir haben bei Maria-Helenas Geburtstag einen Alleinunterhalter gebucht. War zwar wahnsinnig teuer, aber wirklich jeden Cent wert!!“

• „Als der Nepomuk Geburtstag hatte, haben wir ihm das Nintendo DS erst am Abend überreicht, als alle Kinder weg waren, damit die anderen nicht neidisch werden.“

• „Die Ritterrüstung haben wir extra anfertigen lassen. War nicht ganz billig, aber unser Prinz hat ja nur einmal im Jahr Geburtstag.“

• „Also nächstes Jahr, haben wir gedacht, wollen wir Leonores Geburstag auf dem Ponyhof feiern.“

• „Ach, die Kira darf schon Barbie??“

Diesen einen Kindergeburtstag ziehe ich noch durch. Danach sind wir zufälligerweise immer in Urlaub.




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#Iinsidemom: Kindergeburtstag


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Hier schreibt: Mai-Phi Trat Quan


Mai-Phi Trat Quan ist CvD von MADAME.de. Sie liebt ihre zwei Kinder über alles, ist aber auch froh, wenn abends mal Ruhe im Karton ist.


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