Mütter ohne Erdung - Warum Mamis helikoptern

Vertraut auf den eigenen Mutterinstinkt, der - wenn wir wirklich auf IHN hören und nicht auf medial und von Freundinnen eingetrichterte Ängste - viel klüger ist als wir. #insidemom 


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Jede Mutter kennt so eine: Die Freundin, mit der man früher die Nacht zum Tag machen konnte, die ihre Frau im herausfordernden Job stand und nie um eine schlagfertige Entgegnung verlegen war. Seit sie Mutter ist, ist jegliche Gelassenheit von ihr abgefallen wie im Herbst das Laub von den Bäumen. Zumindest, solange das Kind um sie ist - und das ist es meistens. Man selbst steht dann irritiert daneben, wenn man im Kinderpulk Eis essen geht, ihr Sprössling aber als einziges Kind statt Eiswaffel eine Banane in die Hand gedrückt bekommt. Fast schämt man sich fremd in solchen Momenten. Man erkennt diese Freundin kaum wieder.

Woran liegt das, dass gestandene Frauen, kaum Mütter geworden, in ein solches Extrem kippen? Ist es der Perfektionismus, den sie vom Job auf ihr Kind übertragen? Ist es die mütterliche Sorge, dem Kind nur das Beste und wirklich nur das Beste angedeihen lassen zu wollen - bloß nicht diese weiße Sünde Zucker? Oder Pommes? Gar Fertiggerichte? Man mag gar nicht darüber nachdenken, was für Erwachsene das mal werden sollen und wünscht den Kindern insgeheim, sie mögen doch allerspätestens in der Pubertät gegen diese Überbehütung ankämpfen - lieber schon vorher - und diese mit Schalk und Witz unterlaufen: "Mal sehen, ob Mami es merkt, hihi. Hoffentlich nicht!" (Ich hoffe mit Dir, Kind!)


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Die große Unsicherheit


Ich habe da so einen Verdacht. Ganz persönlich und subjektiv. Als Historikerin bin ich geschult darin, Dinge in größeren Zusammenhängen zu betrachten, nicht nur als Momentaufnahme. Wenn ich beobachte, dass vor allem in den Großstädten (aber nicht nur dort) die einstigen Mehr-Generationen-Familien nicht mehr existieren, in denen die großen Geschwister, Tanten oder Omas auf die Jüngsten aufpassten und sich umeinander kümmerten, wenn ich sehe, wie unsere Mikrofamilien ohne gute Anbindung an andere, weibliche Familienmitglieder ihren eigenen Weg durch die Kinderzeit bahnen müssen, dann glaube ich, im Helikoptern einen sehr großen Verlust zu spüren: Den Verlust des Wissens, das man in diesen Großfamilien en pessent mitbekam. Der everyday-Umgang mit Babys, Kleinkindern, Alten, das How to, wurde schon in unserer Generation nicht mehr in dieser Form im Alltag erlebt. Es gibt heute viele Mütter, die im Laufe ihres ganzen Lebens vielleicht erst zweimal ein Baby auf dem Arm hatten bis zu dem Tag, da sie selbst eines zur Welt brachten. Man kann das gut in Geburtsvorbereitungskursen beobachten.

Daraus resultiert eine große Unsicherheit. Dieser wird dann versucht, mit Stapeln von Ratgeberbüchern und übertriebener Beschäftigung mit pädagogischen Ansätzen beizukommen. Was scheitern muss. Wissensvermittlung dieser Art funktioniert nur ganz schlecht über Buchstaben. Experience is the best teacher, sagt man. Erst recht, wenn es um so etwas Ursprüngliches und Natürliches geht.


„Kinder erfordern Mut. Vor allem deshalb, weil ich mir meiner Ängste bewusst werden und sie hinterfragen muss, mich schließlich über sie hinwegsetzen und jeden Tag Wagnisse eingehen muss....”

von Titania Carthaga

Mit natürlich meine ich hier nicht die homöopathischen Religionslehren von Hebammen oder Impfgegnern. Die haben mit 'Natur' nämlich nicht allzu viel zu tun. Doch diese Sehnsucht nach Erdung - ich kann sie verstehen. Sie entspringt dem Gefühl eines Mangels: Dem Mangel an eigener Sicherheit im Umgang mit solchen Dingen. Sie wurden nicht von Klein auf gelernt. Ich muss sie mir mühsam als erwachsene Frau erarbeiten. Und dieses Wissen ist völlig anders als all das, was und wie wir seit der Schulzeit gelernt haben. Ihm ist nicht mit Lernstrategien und -Tools wie Büchern beizukommen. Erst recht nicht mit Perfektionismus.

Am besten geht das, glaube ich, mit ganz viel Loslassen. Vertrauen. In die natürlichen Fähigkeiten und Instinkte des Kindes. In den eigenen Mutterinstinkt, der - wenn wir wirklich auf IHN hören und nicht auf medial und von Freundinnen eingetrichterte Ängste - viel klüger ist als wir. Denn er bündelt das Wissen tausender Müttergenerationen. Wer mag, kann hier auch mit Epigenetik argumentieren - das Prinzip ist das Gleiche.
Die Lösung des Dilemmas?
Ich bin davon überzeugt, dass Gelassenheit der Schlüssel ist. Mit sich, den eigenen Erwartungen an sich selbst und allem ringsum. Die eigene Sicherheit findet man am besten über das TUN mit dem Kind, nicht in Büchern. Auf den eigenen Bauch hören, nicht auf die Ängste im Kopf. Kinder sind robuster als man gemeinhin denkt. Die können eine Menge ab und es bringt sie nicht um, auch mal Eis oder fettige Pommes zu essen. Im Gegenteil. Kinder werden ausgeglichener ins Leben gehen, wenn sie diese kleinen Sünden ab und zu dürfen. Nichts ist schlimmer, als ihnen das komplett vorzuenthalten. Sie schon einen Meter vor dem Treppenabsatz zu alarmieren, "Komm da mal bitte ein Stück weg" - sie also vor (angeblichen) Gefahren überzubehüten. Das rächt sich spätestens im Schulalter, wenn sie ihr Taschengeld dann nur für Süßkram ausgeben, um den Mangel zu Hause überzukompensieren. Oder wenn sie sich dann nichts zutrauen und Angst vor der Welt haben, da sie schon früher nichts durften.

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Extreme provozieren immer weitere Extreme. Und aus ist es mit der Balance. Das will wohl keine Mutter für ihr Kind. Deshalb muss ich nicht all meine Überzeugungen über Bord werfen. Deren Ausprägung bisweilen zu überdenken schadet aber auch nicht. Kinder erfordern Mut. Vor allem deshalb, weil ich mir meiner Ängste bewusst werden und sie hinterfragen muss (ist die Angst objektiv gerechtfertigt oder - nämlich meistens - Quatsch?), mich schließlich über sie hinwegsetzen und jeden Tag Wagnisse eingehen muss. Unbekanntes Terrain. Geht das? Kann ich das so machen? Macht er/sie das mit? Kann ich ihr/ihm das schon zutrauen? Man findet das nur heraus, indem man es ausprobiert. So wie unsere Kinder. Die machen es ganz genauso. Try & error. Jeden Tag aufs Neue. Und zwar ohne Angst. Eigentlich eine tolle Vorstellung, zeitgleich mit dem Kind auf Entdeckungstour zu gehen, gemeinsam, und dabei nicht nur das Kind, sondern auch sich selbst immer wieder neu zu entdecken und daran zu wachsen.

PS: Ich las dieser Tage zwei wunderbare und so völlig richtige Sätze: "Es gibt kein richtig oder falsch. Es gibt nur richtig oder anders." Die hängen jetzt an meiner Kühlschranktür.
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#insidemom Titania Carthaga


Hier schreibt: Titania Carthaga


Titania Carthaga (36), Single-Mum mit einer Tochter (5), arbeitet als Etatdirektorin in einer Hamburger Werbeagentur in Teilzeit. Unter ihrem Pseudonym twittert sie über Kommunikation, Netzkultur, Politik, Pseudoreligionen sowie derzeit viel über #Refugees und #AberNazis. Ja, das Kind taucht auch immer wieder mit O-Tönen auf.
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