Bist du nicht schön genug?

Schwangerschaft und Stillzeit verändern eine Frau - körperlich wie auch emotional. Doch woher kommt die falsche Scham, die Verzweiflung? Ein Plädoyer, warum es für jede Mutter wichtig ist endlich selbstbewusster zu werden. #insidemom


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

Mein kritischer Blick in den Spiegel


Wehmütig denke ich an Zeiten zurück, in denen mir als einziger Änderungswunsch für meinen Körper zwei krumme Zehen einfielen, die in offenen Sandalen etwas unvorteilhaft zur Geltung kamen. Ihr ahnt es sicher: Das war vor meinen zwei Kindern, vor den beiden Schwangerschaften, vor Falten und grauen Haaren. Und in einer Zeit, in der Leichtigkeit und Spaß einen größeren Stellenwert im Leben meines Umfelds einnahmen, als Selbstzweifel und Optimierungswahn.

Heute sind die Füße in der Manko-Liste ziemlich weit abgefallen. Leider nicht deshalb, weil meine Zehen sich in einer wundersamen Metamorphose in schmucke Körperteile verwandelt haben, sondern weil es etliche größere Baustellen gibt. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass ich mich zu den „Glückspilzen“ zählen kann. Aus meinen zwei Schwangerschaften trage ich keine Überbleibsel wie Schwangerschaftsstreifen, nicht zurückgebildete Haut oder überschüssigen Kilos herum, die so viele meiner Freundinnen und Bekannten beklagen. Und trotzdem ist mein kritischer Blick in den Spiegel derselbe, wie ihrer und mein Körper ein anderer, als zuvor.

„Wow, man sieht dir wirklich nicht an, dass du schon 2 Kinder bekommen hast!“
Sätze wie dieser sind wohl gut gemeint und sollten als Komplimente aufgefasst werden. Und doch kann ich mich über derartige Schmeicheleien nicht freuen. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Warum ist es derart negativ behaftet, dass offensichtliche körperliche Veränderungen aus der Zeit, in der kostbares Leben ausgetragen wurde, zurückbleiben? Ich sehe meinem eigenen Körper sehr wohl an, dass er zwei Kinder ausgetragen hat. Ein solches Feedback aus dem Umfeld führt dazu, dass ich diese Veränderungen beschämt kaschiere. Und damit bin ich nicht alleine.
Das Hadern der anderen
Ich treffe überall tolle, interessante, faszinierende und besondere Mütter, die sich selbst nicht durch meine bewundernden Augen sehen können. Frauen, die vielfältig, total verschieden und doch wunderschön sind. Jede auf ihre eigene, besondere Art. All diese Frauen tragen ihr eigenes, kleines Päckchen mit sich herum. Diese Päckchen wiegen schwer, denn sie haben diesen gemeinsamen, grauenhaften Nenner in ihrer Kernaussage: „Du bist nicht schön genug!“

Ich kenne Frauen, die etwas haben „machen lassen“. Und Frauen, die das gerne würden. Mütter, die entweder ihren Stillbusen hassen oder ihre schlaffe Bauchdecke, die Dellen an ihren Oberschenkeln, den Höcker auf der Nase, das krause Haar, die Lach- und Zornesfalten, die Schwangerschaftsstreifen, das „Winkfleisch“ an den Oberarmen, die Reiterhosen um die Hüften. Manche hassen sogar alles zusammen. Die einen hadern offensichtlich mit ihrem Körper, die anderen versteckt. Und doch: Wenn man genau hinhört und -sieht, tun sie es alle.
Scham und Verzweiflung
Warum schämen wir uns für unsere Körper? Warum sind Veränderungen, die Schwangerschaft, Stillzeit und Alter nun mal mit sich bringen, Makel? Eigentlich müssten wir diese Zeichen mit Stolz tragen: Stolz auf unseren Körper, der diese unvorstellbare Leistung vollbrachte und Leben schenkte.

Stattdessen sehe ich Mütter mit T-Shirt im Freibad am Beckenrand sitzen. Frauen, die öffentliche Duschen meiden weil sie die Blicke der anderen fürchten. Freundinnen, die mit der Hoffnung hungern, sich irgendwann den Heidi Klum-Maßen zu nähern. Und überall wird gepusht, gequetscht, geschnürt, und sich selbst gegeißelt, um den Körper in die gewünscht Form zu zwingen.

Wenn all diese Bemühungen scheitern und die Verzweiflung darüber zur Belastung wird, wählen viele den letzten Ausweg aus dem ungeliebten Körper. Während du diese Zeilen liest, liegen am heutigen Tag allein in Deutschland 200 gesunde, junge Frauen mit aufgeschnittener Brust auf kalten Operationstischen und lassen sich Implantate in ihren Körper nähen. 180 weitere lassen sich durch einen Schlauch in ihrem Körper überschüssiges Fett absaugen.
Selbstbewusstsein oder Selbstzweifel?
Als Mutter zweier Mädchen fühle ich mich permanent hin- und hergerissen. Zwischen dem Bild der strahlenden, straffen, schlanken, makellosen Mutter, das die Medien in unsere Köpfe pflanzen und den damit verbundenen Selbstzweifeln. Und dem Bewusstsein über das verzerrte Schönheitsideal und dem tiefen Wunsch, meinen Töchtern ein gesundes Selbstbewusstsein und Körperbild mit auf ihren Weg zu geben und sie vor eben diesem unrealistischen und damit unerreichbaren Bild zu schützen.


„Warum schämen wir uns für unsere Körper? Warum sind Veränderungen, die Schwangerschaft, Stillzeit und Alter nun mal mit sich bringen, Makel? Eigentlich müssten wir diese Zeichen mit Stolz tragen...”

von Yummy Mummy

Dass ich alleine diesen Schutz nicht gewährleisten kann, tut mir weh. Denn ich plädiere gegen die große, böse Welt da draußen. Gegen Mitschüler und TV-Sendungen, gegen Zeitschriftencover und Plakatwände, gegen Gesellschaft und Umfeld. Und nicht zuletzt gegen die eigenen Selbstzweifel, die tief im Innersten sitzen und sich dort mal melden, mal ruhen. Wenn meine 9-Jährige ihre Haare lieber offen trägt, um ihre „hässlichen“ Ohren zu verbergen, schmerzt das tief im Mutter-Herz.

„Du bist wunderschön, genau SO wie du bist!“
Diesen Satz würde wohl jede Mutter für ihr Kind in jeder Lebenslage unterschreiben. Symmetrie und Proportionen hin oder her. Ist es nicht der schiefe Schneidezahn, der das Lächeln unverwechselbar macht? Die kleine Narbe über der Augenbraue, die man liebevoll küsst? Wir können das doch: Die pure Schönheit im Leben wahrnehmen. Unsere Kinder, Mütter, Freundinnen und Fremde ansehen und das Strahlen jenseits von Hochglanz-Covern und Photoshop erkennen. Warum verklärt sich unser Blick und verschiebt sich unsere Messlatte, sobald wir selbst in den Spiegel blicken?
Mit den Augen der Anderen
Was siehst du, wenn du dich betrachtest? Bist du die Frau mit dem zu kleinen Busen? Oder die Frau, die einige Kilos zu viel hat? Was würde wohl deine Mutter sehen? Deine beste Freundin? Die Frau an der Supermarktkasse? Wenn ich all die Mütter in meinem Umfeld betrachte, sehe ich eines nie: Frauen mit zu kleinen Brüsten oder zu dicken Oberschenkeln.

Ich möchte diesen wunderbaren Müttern in vollster Aufrichtigkeit sagen:


Du bist die Frau mit dem ansteckenden Lachen!
Du bist die Frau mit dem warmen Blick, von dem ich mich jedes Mal umarmt fühle!
Du bist die Frau mit dem tollen Stilgefühl und dem stolzen Gang!
Du bist die Frau, deren Haare in der Sonne glänzen!
Du bist die Frau mit den dichten Wimpern!
Du bist die Frau, deren Sommersprossen verraten, wie gerne du deine Kinder durch den Garten jagst!
Du bist die Frau mit dem tollen Duft!
Du bist die Frau mit dem Körper, der zeigt: “Ich lebe! Und ich habe vieles erlebt!“

Warum betrachtest du dich selbst nicht mit der Liebe, mit der du die anderen siehst? Ich für meinen Teil arbeite an mir.

Nicht im Fitnessstudio, nicht mit Botox und Solarium. Sondern mit Wohlwollen und Nachsichtigkeit. Mit Liebe und Stolz. Mit Kritik und Zweifel. Nicht an mir, sondern am Gesellschaftsbild der Mutter.
Ich wünsche mir, dass du mitmachst!

___________________________________________________________________


inside mom: YummyMummy


Hier schreibt: Yummy Mummy

Ich bin verheiratet und Mutter zweier Töchter. Im Sommer 2014 bin ich mit meinem Mann und meinen Kindern vom beschaulichen Stuttgarter Umland nach Istanbul ausgewandert.

Bei #insidemom mache ich mit, da ich es für eine großartige Idee halte, davon zu berichten, was Mütter wirklich bewegt. In vielen Familienmagazinen finden sich ausschließlich "Friede-Freude-Eierkuchen"-Berichte. Das setzt uns Mütter unter ungeheuren Druck. Wir empfinden unsere eigene Leistung oftmals als nicht ausreichend, weil zu Hause nicht immer alle blitzt und glänzt und die Kinder nicht jeden Tag freudestrahlende Engel sind, während wir ausgeschlafen, top gestylt und guter Laune zwischen Küche und Büro rotieren. In Wahrheit möchten wir uns doch morgens alle ab und zu die Decke über den Kopf ziehen und uns ganz weit weg beamen. Wir sitzen alle im selben Boot. Das aufzuzeigen, finde ich wichtig.

Yummy Mummy bloggt auf mamaslifestyle.blogspot.de

___________________________________________________________________



Logo #insidemom


© vision net ag

Alle Beiträge zu #insidemom lesen Sie auf unserer Themenseite. Hier erzählen Frauen - absolut ehrlich und offen - was ihr Mutter-Herz wirklich bewegt.

Das Ziel? Ein buntes Mosaik von Gedanken, Erfahrungen, Erlebnissen und Standpunkten. Jede Erfahrung am Mutter sein, jedes Thema ist willkommen und steht für sich selbst. Steht stellvertretend für einen Weg. Ohne Vergleiche und ohne Wertung.



mehr zum Thema
#insidemom Leben mit Baby kontrovers Mama
Artikel kommentieren
Login