Interview: Familienmanagement im Alltag


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So funktioniert das Familienmanagement im Alltag

Interview mit Julia Rogge, berufstätige Mutter und Autorin mehrerer Bücher zu den Themen „Familienmanagement“ und „Anti-Stress-Programm“:

spielen und lernen:
„Ich führe ein kleines, sehr erfolgreiches Familienunternehmen“, sagt die Hausfrau in der Staubsaugerwerbung. Was haben Mütter und Manager gemeinsam?
Julia Rogge: Sie tragen die gesamte Verantwortung für alles, was in ihrem Unternehmen passiert, für die Menschen, für deren Entwicklung, und damit haben sie eine große Macht. Sie müssen alle Entscheidungen treffen (und verantworten). Der entscheidende Unterschied ist, dass Manager in (großen) Unternehmen sehr viel Geld für ihre Arbeit bekommen, während Eltern ihre Arbeit ohne finanzielle Vergütung tun (Kindergeld und steuerliche Vergünstigungen werden zwangsläufig reinvestiert).

Gerlinde Unverzagt:
Rote Flecken im Gesicht, hämmernde Kopfschmerzen, und der Nacken ist verkrampft - was sagen mir diese Beschwerden über mein Leben als berufstätige Frau, Hausfrau und Mutter?
Julia Rogge: Das sind allgemeine Stresssymptome, die uns zeigen, dass die alltägliche Belastung als zu hoch empfunden wird. Hektik, Entscheidungsnöte und die Angst, die Aufgaben nicht gut genug zu erledigen, gehören zum Alltag in der Familie. Wenn Sie dann keinen Überblick über die an Sie gestellten Anforderungen oder keine Strategien haben, mit den alltäglichen Belastungen umzugehen, bleiben diese Symptome nicht aus. Gerlinde Unverzagt: Was sind die größten Stressauslöser im Alltag mit kleinen Kindern?
Julia Rogge: Unwissenheit über die kindliche Entwicklung, mangelnde Entscheidungsfähigkeit, mangelnde Ressourcen -Geld, Platz, Unterstützung -, Beziehungsprobleme, eigene psychische Probleme und Unzufriedenheit der Eltern, Erwartungen von außen, von Familie, Kindergarten, Schule, Gesellschaft. Gerlinde Unverzagt: Erleben Väter einen anderen Stress als Mütter?
Julia Rogge: Wenn wir von der „klassischen“ Rollenverteilung ausgehen, dass der Vater das Geld „draußen“ verdient und die Mutter - ob berufstätig oder nicht - sich in der Hauptsache um den Haushalt und die Familie kümmert, dann erleben sie den Stress durchaus unterschiedlich. Werden allerdings die klassischen Rollen einfach vertauscht, so berichten Väter über die gleichen Stressauslöser und -symptome wie sonst die Frauen.

Gerlinde Unverzagt:
Wo liegen die täglichen Knackpunkte?
Julia Rogge: Der Morgen mit Aufstehen, Anziehen, Frühstücken, Loskommen ist in vielen Familien ein großer Stressauslöser. Eine 2. schwierige Situation ist in vielen Familien das Aufräumen und die Beteiligung aller an den Hausarbeiten. Ein 3. typischer Knackpunkt entsteht in den meisten Familien, wenn ein Kind in die Schule kommt. Eltern sollen sich zwar eigentlich aus dem Geschehen heraushalten, sind wohl aber dafür verantwortlich, dass die Kinder ihre Hausaufgaben erledigen. Hier mischen sich dann Ängste und Erwartungen auf beiden Seiten, was dazu führt, dass die Schule die familiären Beziehungen sehr belastet. Gerlinde Unverzagt: Und wo fängt man an, etwas zu verändern?
Julia Rogge: Zunächst ist es wichtig, eine Art „Kassensturz“ zu machen. Je nachdem, wo die Haupt-Knackpunkte in der Familie liegen, sollte über einen gewissen Zeitraum mal ein Protokoll oder eine Art Tagebuch geführt werden. Oft gibt es bereits Aufschluss darüber, wo und wie Veränderungen möglich sind.

Gerlinde Unverzagt:
Wie findet man ein Gegengewicht zu Anspannung, Überforderung und Alltagshektik?
Julia Rogge: Ganz wichtig ist, dass jeder auch eigene Freiräume hat: Zeit für sich selbst, eigene Hobbys und eigene Freunde. Darüber hinaus ist es wichtig, die Gesundheit stabil zu halten. Dabei können verschiedene Sportarten und Entspannungstechniken hilfreich sein. Ein zweiter Ausgleich ist aber ganz sicher auch das Sammeln und Verarbeiten von Informationen über die kindliche Entwicklung und das familiäre Zusammenleben. Nur wer Bescheid darüber weiß, dass kindliches Verhalten immer einen Sinn für seine eigene Entwicklung hat und diesen Sinn versteht, kann auch angemessen auf sein Kind eingehen.