Interview mit dem Entwicklungspsychologen Prof. Krettenauer


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Interview mit dem Entwicklungspsychologen Prof. Krettenauer


Der Entwicklungspsychologe Prof. Tobias Krettenauer forscht an der Wilfrid Laurier University in Ontario/ Kanada über moralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen Familie&Co: Ist Kindern moralisches Denken und Handeln angeboren?
Prof. Tobias Krettenauer: Ja. Die Fähigkeit, moralisch zu empfinden, ist eine Errungenschaft der Evolution. Sie ist vergleichbar mit unserer Fähigkeit zur Sprache. Aber genauso wie Kinder Anregung brauchen, damit sie sprechen lernen, bedarf auch ihr moralisches Empfinden der Förderung. Manche Kinder werden geradezu moralische Virtuosen, andere denken und fühlen nur wenig in solchen Kategorien. Und wovon hängt das ab?
Zum einen vom Temperament. Einigen fällt es von Natur aus leichter, moralische Sachverhalte zu lernen, anderen schwerer. Dann kommt es auch auf die Passung von Eltern und Kind an. Können die Eltern angemessen auf das Temperament des Kindes eingehen oder verläuft die Eltern-Kind-Beziehung eher disharmonisch? Eine sichere Bindung ist förderlich. Schwierige Bedingungen am Anfang des Lebens, wie z.B. der häufige Wechsel von Bezugspersonen, erschweren die moralische Entwicklung. Aber das sind einzelne Gegebenheiten, die wir immer im Zusammenhang mit vielen anderen Faktoren sehen müssen. Es ist letztlich auch etwas „moralisches Glück“ im Spiel, ob die moralische Entwicklung gelingt und ein Kind ein starkes Empfinden für „gut und böse“ und „richtig und falsch“ ausprägt. Eltern haben dabei eine wichtige Rolle, aber man sollte keine überzogenen Erwartungen an die Eltern richten und sie nicht mit Verantwortung überfrachten. Familie, Schule, Medien, Freizeiteinrichtungen und viele mehr können und sollen ihren Beitrag leisten. Ab welchem Alter empfinden Kinder Moral?
Recht früh. Mit vier bis fünf Jahren können Kinder schon sehr gut zwischen einfachen Konventionen wie etwa „Man isst nicht mit vollem Mund“, Familienregeln wie „Nach dem Frühstück putzen alle die Zähne“ und moralischen Grundsätzen wie „Man soll anderen nicht wehtun“ unterscheiden. Aber sie handeln nicht unbedingt danach...
Das ist genau der Punkt. Die Entwicklung der Motivation, nach moralischen Regeln zu handeln, vollzieht sich wesentlich langsamer. Es gibt über lange Jahre eine Diskrepanz zwischen dem Wissen um moralische Regeln und der Fähigkeit, sie im Handeln umzusetzen. Dieser Prozess hält im Prinzip ein Leben lang an. Selbst im Erwachsenenalter verändern wir noch unsere moralische Motivation, zum Beispiel, wenn wir Kinder bekommen. Dann überprüfen wir unser Tun und Handeln meist noch einmal und fragen uns: „Was ist mir wirklich wichtig? Welche Werte will ich meinem Kind mitgeben?"