Interview Prof. Gerd Gigerenzer


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"Ein schlechter Fehler ist der, aus dem man nicht lernt." Im Interview: Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max- Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Was ist ein guter Fehler? Prof. Gerd Gigerenzer: Ein Beispiel: Das Kind lernt die Sprache, aber es reibt sich an den unregelmäßigen Tätigkeitswörtern. Es sagt zum Beispiel "ich denkte" anstatt "ich dachte". Das ist ein guter Fehler. Er zeigt, dass es die Regel anwenden kann – wie bei "ich machte". Durch Fehler bei der viel kleineren Zahl von unregelmäßigen Verben werden ihm dann auch die Ausnahmen von der Regel klar. Und ein schlechter Fehler ist … Prof. Gerd Gigerenzer: … der, den wir ungenutzt lassen und die Chance, aus ihm zu lernen, verschenken. Wir Wissenschaftler legen unsere Forschung so an, dass wir aus Fehlern lernen können. Wir probieren Neues, um gute Fehler zu machen. Ein richtig schlechter Fehler ist also, aus Fehlern nichts zu lernen.

Junge mit Rechenmaschine

"Das meiste im Leben lernte ich aus meinen Fehlern, nicht aus Quellen des Wissens und der Weisheit." (Igor Strawinski, Komponist)


Wie lässt sich das auf das Üben von Fertigkeiten übertragen? Prof. Gerd Gigerenzer: Wenn wir Klavier spielen lernen oder Gitarre, wird es zunächst viele Fehlgriffe geben. Man muss den Fingersatz einfach üben. Und dabei ist es sinnvoll, immer wieder zu sagen: "Schau dir genau an, was du tust." In dieser Phase sind Übung und bewusste Aufmerksamkeit unentbehrlich. So werden wir immer sicherer. Wenn das Spiel eines Tages wirklich Musik wird, dann ist alles intuitiv geworden – man weiß nicht mehr genau, was die Finger machen. Dann kann sich das Kind auf seine Intuition verlassen… Prof. Gerd Gigerenzer: Das ist ein Schlüsselbegriff. Noch immer lehren wir zu stark nach dem Schema, den Kindern zu sagen, dies ist richtig, das ist falsch, es gibt genau eine Lösung. Aber das ist ja meist nicht der Fall. Wir geben ihnen mehr mit auf den Weg, wenn wir sagen: Seht mal, hier ist ein Problem, ihr könnt jetzt Lösungen entwickeln. Auch in der Schule sollten wir stärker ein Forum schaffen, um Ideen zu produzieren, sie zu verteidigen und auch Argumente aufgeben zu können, wenn sie falsch sind. Das ist der Weg zum verantwortungsbewussten Bürger. Denken Sie, dass wir Erwachsenen zu viel Scheu vor Fehlern haben? Prof. Gerd Gigerenzer: Wenn wir unsere Kinder zu sehr vor jedem Risiko schützen, zahlen die Kinder einen Preis dafür. Ein typisches Beispiel ist die Zunahme der Allergien wegen der Angst schon vor geringen Mengen an Schmutz. Insgesamt trauen wir Kindern und Jugendlichen zu wenig zu. Wir sollten ihnen mit dem Alter zunehmend Verantwortung übertragen. Dabei werden sie Fehler machen und können daraus lernen. Allerdings gibt es auch sehr gefährliche Fehler, etwa in der Pubertät! Prof. Gerd Gigerenzer: Sicher. Es ist aber auch ein Fehler, jungen Menschen, die schon bereit wären, Verantwortung zu übernehmen, diese vorzuenthalten. Diese Chance zu reifen steht ihnen zu.