Mehr Familien in Deutschland von Armut betroffen als bisher angenommen

Nach neuen Untersuchungen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung stehen Familien in Deutschland finanziell schlechter da, als bisherige Rechenmodelle vermuten ließen. Vor allem Alleinerziehende haben demnach ein um ein Vielfach höheres Armutsrisiko.


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Wie ist es wirklich um die finanzielle Lage von Familien in Deutschland bestellt? Das sollten Forscher der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Bertelsmann Stiftung mit einer neuen Methodik erfassen. Trauriges Ergebnis ihrer Datenerhebung: Viele Familien sind ärmer, als bislang gedacht.

Bisherige Rechenmodelle bildeten die Realität falsch ab


Warum braucht es solche Einschätzungen überhaupt? Ganz einfach, anhand der Ergebnisse solcher Erhebungen legt die Bundesregierung entsprechende Maßnahmen zur Untersützung von Familien fest. Das Problem dabei: Bisherige Berechnungen über die finanzielle Situation von Familien wurden stets mithilfe starrer Vergleichsskalen angestellt. Jedes Kind einer Familie unter 14 Jahren wurde dabei mit einem standardisierten Faktor gewichtet, der das Haushaltseinkommen belastet. Die neue Studie zeigt aber, dass diese Methode keine allgemeingültige Aussage über den tatsächlichen finanziellen Status einer Familie treffen kann – in Wahrheit werden durch dieses Rechenmodell viele Familien „reicher“ gerechnet, als sie wirklich sind. Das hat natürlich Auswirkungen darauf, inwieweit die aktuellen Maßnahmen und Instrumente der Bundesregierung gegen Familien- und Kinderarmut wirklich ausreichen.

Mehr Familien von Armut bedroht


© iStock
Die Forscher der Ruhr-Universität Bochum entwickelten nun eine neue Methodik zur Erfassung der finanziellen Situation von Familien in Deutschland. Statt bei der Berechnung einen standardisierten Faktor pro Kind zu verwenden, setzten sie die finanzielle Belastung durch jedes weitere Kind in Vergleich mit der tatsächlichen Einkommenssituation der Familie. Und dabei zeigte sich: Je geringer das Familieneinkommen ist, desto schwerer wiegt die finanzielle Belastung durch jedes weitere Kind.

"Mit jedem zusätzlichen Kind wird die finanzielle Lage von Familien schwieriger. Kinder sind leider ein Armutsrisiko in Deutschland", so Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung auf deren Webseite.
Mehr Familien in Deutschland von Armut bedroht
Anhand des neuen Berechnungsmodells ergeben sich auch neue Aussagen über das tatsächliche Armutsrisiko von Familien: Demnach sind 13 Prozent der Paare mit einem Kind armutsgefährdet, 16 Prozent der Familien mit zwei Kindern und 18 Prozent der Familien mit drei Kindern.

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Zwar galten Alleinerziehende bisher auch schon als stark armutsgefährdet – immerhin 46 Prozent nach altem Rechenmodell – die neue Berechnung ergibt für sie jedoch eine noch weitaus höhere Armutsrisikoquote von 68 Prozent. Das liegt daran, dass bei ihnen Kosten, wie Windeln, Schulsachen und Kleidung noch mehr ins Gewicht fallen als bei Familien, die zwei Einkommen haben. Zudem können Alleinerziehende wegen des hohen Betreuungsaufwands nur selten voll arbeiten beziehungsweise ihr Einkommen durch Mehrarbeit steigern.
Die Politik ist gefordert!
Mit der neuen realistischeren Berechnung der finanziellen Situation von Familien ist es umso dringlicher, dass die Politik mehr Aufwand und Mühen betreibt, um Familien finanziell zu entlasten. Insbesondere Alleinerziehende müssen endlich mehr unterstützt werden, fordert Jörg Dräger. Wichtig sei es, dass die Bundesregierung die Ergebnisse der neuen Studie berücksichtigt und bei zukünftigen Datenerhebungen auf das neue Rechenmodell setzt.

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