Patchwork-Familie: Wir basteln eine Familie

Neuer Partner, neues Glück. Schwierig nur, wenn Kinder aus alten Beziehungen dazukommen. Dann muss die Patchworkfamilie erst zusammenfinden.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

Patchwork-Familie

Verschiedene Eltern, eine Familie: Verlieben sich Mutter oder Vater neu, bedeutet das auch für die Kinder große Veränderungen.


© Thinkstock
Sie hat wahrlich kein gutes Image. In den Märchen ist die Stiefmutter böse und hinterlistig, will Schneewittchen töten lassen, weil sie schöner ist, in „Aschenputtel“ macht sie ihrer Stieftochter das Leben zur Hölle, während sie ihre eigenen Töchter verwöhnt, in „Hänsel und Gretel“ will sie gar die Kinder ihres Mannes im Wald aussetzen.

Dabei gibt es in Deutschland heute mehr Stiefmütter und -väter denn je. Rund sieben bis 13 Prozent der Familien in Deutschland sind Patchworkfamilien. Das zeigt die derzeit aktuellste „DJIFamiliensurvey“- Studie von 2009. Zeit, mit den Vorurteilen gegenüber Stieffamilien aufzuräumen, meint die Diplom- Psychologin Katharina Grünewald. Sie hat gerade ihr Buch „Glückliche Stiefmutter“ herausgebracht und ist selbst auch „Stiefmutter“. Ihr neuer Partner brachte zwei Kinder mit in die Beziehung, später kamen zwei eigene dazu. In ihrer Beratung für Patchworkfamilien arbeitet sie mit Elternteilen, Paaren und Familien, sich neu zusammenzufinden.

"Geht's mir gut, geht's allen gut"
  • 1 / 5

    Ein Gespräch mit Katharina Grünewald, Diplom-Psychologin, Buch-Autorin und selbst „Stiefmutter“

    familie&co: Was genau ist eine Patchworkfamilie?

    Katharina Grünewald: Psychologisch gesehen, ist eine Patchworkfamilie, wenn mindestens einer der Partner in die neue Liebesbeziehung Kinder aus einer älteren Beziehung mit einbringt.

  • 2 / 5

    Mit welchen Problemen wenden sich Familien an Sie?

    Die können sehr unterschiedlich sein. In den meisten Familien reden die Partner aber oft nicht mehr miteinander oder streiten nur noch. Deshalb mache ich mit ihnen ein Kommunikationstraining. Meine Aufgabe ist es, wieder einen Dialog in Gang zu bringen.

  • 3 / 5

    Wann sollte ich mir Hilfe holen?

    Wenn man das Gefühl hat, dass man nicht mehr alleine weiterkommt. Die Leidensfähigkeit oder die Bereitschaft, sich helfen zu lassen, ist dabei aber sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ich denke, man sollte dann etwas tun, wenn Kon ikte nicht mehr abklingen.

  • 4 / 5

    Wo hole ich mir Hilfe?

    Wenn ich zum Beispiel Streit mit meinem Sohn habe und merke, dass wir nicht  weiterkommen, rufe ich den Familienrat ein und bitte alle Familienmitglieder, uns zu helfen. Ich kann aber auch Rat bei Freunden in ähnlichen Lebenssituationen einholen. Oder ich hole mir eben professionelle Hilfe, zum Beispiel in einer Beratungsstelle.

  • 5 / 5

    In Ihrem Buch „Glückliche Stiefmutter“ heißt der Untertitel „Geht’s mir gut, geht’s allen gut“ – der Schlüssel zum Glücklichsein?

    Ja. Wenn es mir nicht gut geht und meine Bedürfnisse nicht befriedigt werden, kann ich mich auch nicht wirklich auf meine Kinder einlassen. Man muss sich an erste Stelle stellen und sich fragen, was sind meine Bedürfnisse. Erst dann kann ich mich auch auf andere einlassen.



In Patchwork steckt das Wort „arbeiten“
„Bei Patchwork denkt man zunächst an eine bunte, hübsch miteinander verknüpfte Decke. Und viele Prominente machen das ja auch vor. Man sieht Fotos von lachenden Paaren mit einer ganzen Schar glücklicher Kinder“, fügt die 44-Jährige hinzu. Doch ganz so einfach und lustig sei es oft nicht: „In Patchwork steckt ja schon das Wort ,work‘, also ,arbeiten‘. Das Bunte, Lebendige steht für mich bei Patchworkfamilien zwar auf jeden Fall im Vordergrund, trotzdem bedeutet es oft harte Arbeit, bis sich eine neue Form der Familie entwickelt.“

Stiefmütter hätten es dabei oft nicht leicht. Ihr Familienalltag sei vielschichtiger als der in einer Vater-Mutter-Kind-Familie. „Jede Stiefmutter steht vor komplexen Aufgaben und Herausforderungen: Sie möchte mit ganzem Herzen die Geliebte des Mannes sein, soll aber Platz lassen für die Kinder seiner ersten Liebe. Sie soll eine liebevolle, mütterliche Bezugsperson sein, aber nicht die Mutter“, so die Psychologin. In klassischen Familien habe man es oft leichter: „Da wächst man als Paar erst einmal zusammen. Später geht dann idealerweise ein Kind der Liebe aus dieser Beziehung hervor. Das heißt, das Paar bildet schon ein Gefüge von Selbstverständlichkeiten, zum Beispiel wer sonntags den Frühstückstisch deckt, ob an Geburtstagen ein Ständchen gesungen wird, wer abends für alle kocht. In dieses Gefüge wächst das Kind ganz natürlich hinein“, sagt Katharina Grünewald.

Findet sich ein Paar neu zusammen, muss sich auch das Gefüge erst neu bilden. „Ein Beispiel: Das Kind hat Hunger. Für das Kind ist es selbstverständlich, dass seine Mutter ihm ein Brot schmiert, sobald es hungrig guckt. Die Stiefmutter kommt aber aus einem Gefüge, wo sich das Kind, wenn es Hunger hat, selbstständig etwas zu essen holt. Das Kind wird von der Stiefmutter also enttäuscht sein, weil diese etwas anderes für selbstverständlich hält“, erklärt die Familientherapeutin. 
Den Kontakt aufrechthalten
Auch für Knut Simon, freier Motor- Journalist aus Hamburg und Vater von vier Kindern, war aller Anfang schwer: „Als ich meine jetzige Freundin kennenlernte, war ich bereits 14 Jahre lang mit meiner damaligen Freundin zusammen und hatte einen zweijährigen Sohn mit ihr. Ich habe mich auf einer Hochzeit Hals über Kopf in die Freundin der Braut verliebt. Sechs Wochen später war sie von mir schwanger. Ich musste mich für eine Familie entscheiden und wählte die neue“, erzählt er. Für seine damalige Freundin ein Schock. „Trotzdem war mir immer klar, dass ich auch der Vater von Mika, meinem Ältesten, bin. Zu ihm wollte ich den Kontakt nie verlieren“, sagt Simon. Nach vielen Gesprächen haben sich alle schließlich zusammengerauft und pflegen heute einen freundschaftlichen, engen Kontakt.

„Natürlich war das ein hartes Stück Arbeit. Da sind auch mal die Fetzen geflogen und Tränen geflossen. Aber ich bin glücklich und dankbar dafür, wie gut es funktioniert“, sagt der 45-Jährige. „Alle zwei Wochen fahre ich für ein Wochenende zu Mika in die Nähe von Braunschweig, um mit ihm Zeit zu verbringen. Oft begleiten mich meine drei weiteren Kinder sogar. Sie lieben Mika. Wir besuchen regelmäßig alle zusammen meine Eltern.“

Matti (9), Mo Henry (7) und Milla (6) finden es dabei nicht merkwürdig, einen weiteren Bruder in der Ferne zu haben. „Matti hat neulich mal von seinem Halbbruder gesprochen, aber mehr, weil er es schick fand und es so korrekt ist, nicht, um sich abzugrenzen“, sagt Simon. Er habe großes Glück gehabt, fügt er hinzu. „Meine Ex-Freundin hat nie versucht, meinen Sohn gegen mich auszuspielen. Wir haben immer geschaut, eine Lösung zu finden, die für alle passt. Heute verstehen sich sogar meine Ex- und meine jetzige Freundin sehr gut.“  

 Das könnte Sie interessieren: Wer hat das Sagen?

Bei Trennungen und Scheidungen geht es in vielen Fällen schnell um die Frage, bei wem lebt das Kind?


Spielregeln und Rituale helfen

Doch nicht alle haben das Glück, dass ihre Ex-Partner oder -Partnerinnen verständnisvoll und kompromissbereit sind. Oder dass sich die Kinder untereinander verstehen. Wer hat welche Rechte? Wer welchen Stellenwert? Welche Regeln gelten in welchem Haushalt?

„Vielen Ratsuchenden ist gar nicht bewusst, dass sie zahlreiche Rituale pflegen“, sagt Katharina Grünewald. Die Stiefmutter beharre auf Regeln, damit sie nicht im Familienwirrwarr untergeht, die Stiefkinder forderten die Kontinuität des Gewohnten ein und die Väter kämpften um eine funktionierende Ordnung, die Konflikte vermeide. „So fordert unbewusst jeder seine eigenen Rituale ein, weil sich jeder in einer unsicheren und neuen Situation befindet“, sagt die Psychologin. Sie hält Regeln und Rituale auch für absolut notwendig, wenn sie richtig abgestimmt sind. „Regeln und Rituale bieten Halt und Sicherheit. Sie erleichtern das Zusammenleben und garantieren einen funktionierenden Ablauf.“

„Natürlich war es oft auch für meine Freundin schwer, vier Kindern gerecht zu werden, denn das Kind aus der alten Beziehung will nicht benachteiligt werden gegenüber den ‚neuen‘ Kindern“, erinnert sich Simon. Man müsse also achten, gleich viel Gemecker und Liebe zu verteilen. „Mika kommt mit uns in den Urlaub. Ich sehe ihn regelmäßig, verbringe viel Zeit mit ihm. Das muss meine neue Familie akzeptieren und mitleben“, fügt er hinzu.
Miteinander reden

„Eine Patchworkfamilie ist dichter, intensiver. Aber das macht sie auch so bunt und lebendig und wunderbar....”

von Katharina Grünewald

Dennoch könne man Verständnis nicht immer voraussetzen, meint Katharina Grünewald: „In meiner Praxis mache ich mit vielen Paaren ein Kommunikationstraining. Es gibt oft Fälle, bei denen die Stiefmutter Schwierigkeiten mit den fremden Kindern ihres Partners hat.“ Dabei sei auch Eifersucht ein Thema. „Jemand, der unsicher ist, ob er den Platz den er beansprucht, auch einnehmen darf, verhält sich oft eifersüchtig“, fügt sie hinzu. Ein Schlüssel, um aus dem Dilemma herauszukommen, sei, miteinander zu reden. „Das muss aber eine gezielte Kommunikation sein. Viel reden allein bringt nichts, wenn die anderen nicht zuhören oder das Gesagte nicht ankommt“, so Grünewald. „Ich sehe meine Aufgabe darin, einen Dialog in Gang zu bringen. Ich will, dass jeder Mensch mit all seinen Facetten gesehen wird. Dafür versuche ich ein Bewusstsein zu schaffen.“

Dann hält sie inne und lächelt: „In Patchworkfamilien wird oft mehr und intensiver gestritten als in klassischen. Eine Patchworkfamilie ist dichter, intensiver. Aber das macht sie auch so bunt und lebendig und wunderbar.“ 

#nachTgefragt: Haben wir Patchwork-Mamas und -Papas unter unseren Lesern? Welche Tipps habt ihr, damit das Zusammenleben gut klappt?

Posted by familie.de on Freitag, 4. März 2016

Buchtipps zum Thema Patchwork-Familie

• Katharina Grünewald: Glückliche Stiefmutter. Geht's mir gut, geht's allen gut
   (erschienen im Kreuz Verlag, 14,99 Euro, Buch bei amazon.de bestellen)
• Alexandra Maxeiner: Alles Familie! Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von
   Papas früherer Frau und anderen Verwandten
   (erschienen im Klett Kinderbuch Verlag, 13,95 Euro, Buch bei amazon.de bestellen)

(von Viola Katemann / erschienen in der familie&co 08/2015)

 Das könnte Sie interessieren: Die neue familie&co

familie&co - Die Familienzeitschrift. Ab 1. November gibt's die neue Ausgabe am Kiosk. Und das sind die Top-Themen.



 Das könnte Sie interessieren: Unterschiedlich erziehen?

Wie weit dürfen die Erziehungsstile von Mutter und Vater voneinander abweichen? Wir haben uns dazu ein paar Gedanken gemacht.






mehr zum Thema
Erziehung Papa Mama
Artikel kommentieren
Login