Warum Naturerfahrungen so wichtig sind und wie Listen uns im Alltag helfen können

familie.de im Gespräch mit Julia Dibbers und Nicola Schmidt, Autorinnen von "Slow Family". Der Ratgeber aus dem Beltzverlag hilft Familien dabei, ihren Alltag ein bisschen zu entschleunigen und gelassener und zufriedener zusammenzuleben.


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familie.de: Ihr schreibt immer wieder, wie wichtig die Natur für unser Leben ist. Könnt ihr das erklären und uns zwei kleine Tipps für den Alltag mit auf den Weg geben?
 
Nicola: Natur ist die eine Komponente, die alle anderen automatisch erzeugt. "Mutter Natur" - das stimmt wirklich. Denn in der Natur ergeben sich Zeit, Zauber, Achtsamkeit und Liebe oft von ganz alleine. Es ist dieser Zauber, der Natur so wichtig macht. Und man kann das auch ganz klar an den Bio-Markern der Menschen ablesen: Der Blutdruck sinkt, unser Gehirn beruhigt sich, Eltern und Kinder sind viel entspannter.



© iStock
Julia: Und das heißt nicht, dass wir alle in den Wald ziehen müssen. Eine Baumscheibe in der Fußgängerzone tut es oft auch! Oder der Käfer am Wegesrand. Oder der Erdberg im Garten.

Nicola: Trotzdem haben wir beide die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, regelmäßig und unverhandelbar mit unseren Kindern einmal in der Woche in den Wald zu gehen und dort Spaß zu haben und gemeinsam Sachen zu entdecken. Nicht Spaziergehen, das finden Kinder langweilig. Sondern sich treiben lassen. Das wäre Tipp eins.

Julia: Das ist allein deswegen wichtig, weil Menschen nur das lieben können, was sie kennen, was ihnen vertraut ist. Wie sollen sie später, in herausfordernden Phasen, z.B. in der Pubertät, hinaus in die Natur gehen, um dort zur Ruhe zu finden, wenn sie sie nicht als kleine Kinder lieben gelernt haben? Tipp zwei wäre, die Wildnis in direkter Nähe wertzuschätzen, auf dem Balkon, im Blumentopf im Wohnzimmer. Dazu haben wir viele Anregungen im Buch.

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familie.de: Ein weiterer wichtiger Punkt: Achtsamkeit. Das klingt nach einem erstrebenswerten, aber weit entfernten Ziel. Wie kann man Achtsamkeit lernen und üben?
 
Nicola: An meiner Wohnzimmerwand hängt ein ein Spruch: "Slow down faster". Achtsamkeit darf nicht zu einem zusätzlichen Punkt auf der Liste werden …
 
Julia: … und nicht zu einem zusätzlichen Punkt, an dem wir die eigene Perfektheit messen.
 
Nicola: Keiner von uns hat Zeit, wie tibetische Mönche 50.000 Stunden zu meditieren, auch wenn das sicher sehr gesund wäre. Daher haben wir die Achtsamkeit von ihrem Sockel geholt und auf die Erde gestellt. Bei uns heißt das dann nach Lienhardt Valentin: Vom Modus des Tuns in den Modus des Seins wechseln. Unser Vorschlag im Buch: Jeden Tag 10 Minuten in den Alltag einbauen. Mehr braucht es nicht. Denn wenn ich 10 Minuten mit dem Jeden-Tag-Effekt koppele, verändert sich alles. familie.de: Ohne Listen funktioniert der Eltern-Alltag schlecht. Leider zeigen sie uns aber jeden Tag, was noch alles zu tun ist. Wie handhabt ihr das Listen-Problem?
 
Nicola: Ich liebe Listen. Nach vielen Jahren Experimenten mit verschiedenen To-Do-Listen-Systemen haben sich zwei System herauskristallisiert: Finden Sie heraus, was wichtig und was dringend ist. "Ich muss mal dringend die Fenster putzen" ist dringend - aber nicht wichtig. Wir haben einen Familienkalender im Angebot, den Artgerecht Planer, in dem wir das sehr detailliert erklären und jede Woche so eine Liste bekommt. Was man nicht abarbeiten kann, kommt auf die Liste für den nächsten Tag. Das beugt Chaos vor. Was nie abgearbeitet wird - den Keller aufräumen! - ist dann vielleicht in dern aktuellen Lebensphase nicht wichtig und darf getrost gestrichen werden.
 
Julia: Gerade für gestresste Familien mit kleinen Kindern bietet es sich an, auf die To-do-Liste nicht nur "Leon zum Fußball" und "Hanna Zahnarzt" zu schreiben, sondern wirklich auch gezielt Zeit zum Vertrödeln. Das klingt erstmal paradox: Freitags nachmittags habe ich den Termin, an dem ich trödele, aber einigen Familien hilft das wirklich, aus der Mühle rauszukommen. Wir haben dazu -- soll ich es sagen? -- noch viele Anregungen im Buch.
 
Nicola: Im Prinzip gibt es ein ganzes Kapitel dazu, nämlich das "Slow Village". Es ist vieles nicht zu schaffen, weil wir alles alleine schaffen wollen. Wenn wir erstmal ein Dorf um uns herum haben, werden viele Aufgaben freudvoller und überhaupt erst machbar.
 
familie.de: Als Eltern wird uns recht schnell bewusst: Die Zeit rast. Und tagtäglich verpassen wir wichtige und schöne Momente und Chancen auf gute Gespräche mit unseren Kindern. Weil die Zeit mal wieder drängt etc. Wie können wir es schaffen, uns mehr auf die wesentlichen Momente zu konzentrieren?
 
Julia: Das ist eine Frage der Perspektive, nicht wahr? Natürlich verpassen wir viele schöne Momente, aber wir erleben auch viele schöne Momente.
Sich dessen bewusst zu sein, ist ja schon der erste Schritt, der uns aus der Mühle rausbringt. Und sich dann selbst immer wieder am Riemen reißen und dran erinnern, dass man ja vorhatte, langsam, achtsam und echt zu sein.
Die beiden Autorinnen


© Petra Arnold
Julia Dibbern
Julia Dibbern gehört seit 2004 zu den progressivsten Querdenkern im Bereich Erziehung und Beziehung. Sie ist zertifizierte Nachhaltigkeitsjournalistin (Leuphana Universität Lüneburg) mit den Schwerpunkten Nachhaltigkeit und Familie. Im In- und Ausland hält sie Vorträge zu Eltern-Kind-Bindung und naturnahem Umgang. In ihren Sachbüchern und Vorträgen den Bogen zwischen Familienleben und Planetenglück: Happy Families, happy planet.
Sie lebt mit ihrer Familie vor den Toren Hamburgs. www.juliadibbern.de


 


© Petra Arnold
Nicola Schmidt
schreibt als Wissenschaftsjournalistin u.a. für die Süddeutsche Zeitung und Fachmagazine. Seit 2008 recherchiert sie, was "artgerecht" für menschliche Babys und Kleinkinder ist und gibt dieses Wissen seit 2010 in Camps, Ausbildungskursen und Workshops an Eltern und Fachpersonal weiter. Sie hat ein Diplom in Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt digitale Demokratie, ist ausgebildete Wissenschaftsjournalistin und außerdem Stillberaterin. Mit vielen Interviews, Recherchen und Fortbildungen rund um Emotionelle Erste Hilfe und Infant Mental Health hat sie sich in den vergangenen zehn Jahren auf das Thema mentale Gesundheit bei Babys und Kleinkindern spezialisiert.

Das Artgerecht-Projekt (www.artgerecht-projekt.de) trägt zusammen, was Anthropologen und Biologen heute wissen und zeigt, wie Eltern dieses Wissen täglich an ihre Familiensituation anpassen und umsetzen können.
Mit ihrer Familie wohnt die zweifache Mutter in der Nähe von Bonn. www.nicolaschmidt.de
Buchtipp: Slow family Slow family - Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern
von Julia Dibbern und Nicola Schmidt
erschienen im Beltz Verlag
Preis: 16,95 Euro
Das Buch ist über Amazon.de erhältlich.