Stille ist die Quelle der Kraft


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

Stille ist die Quelle der Kraft


Interview mit Dr. Volker Friebel, Diplom-Psychologe, Autor und Entspannungsexperte, über die Bedeutung der Stille in einer lauten Welt Familie&Co: Herr Friebel, wozu brauchen Kinder und Erwachsene heute
eigentlich die Stille?
Dr. Volker Friebel:
Stille ist die Quelle unserer Kraft. Lärm und Aktivität brauchen Energie, in der Stille fließt sie wieder zurück. So findet etwa im Schlaf die Regenerierung von Körper und Geist statt. Auch zur Verarbeitung von Erfahrungen benötigen wir Stille. Ebenfalls während des Schlafs werden Tageserfahrungen miteinander verknüpft, auf schon Bekanntes bezogen und in das Langzeitgedächtnis überführt. Solche Phasen der Stille, der Gewinnung von Kraft, der Reflexion und Verarbeitung gibt es aber nicht nur nachts, sondern auch über den Tag verteilt. Wenn sie fehlen, leiden unsere Konzentration, unsere Auseinandersetzung mit der Umgebung, letztlich sogar unsere Gesundheit. Bedeutet das, dass wir die Stille im Alltag brauchen, damit wir zu uns selbst finden können?
Ja, unser Körper und unser Geist brauchen solche Phasen der Stille und der Zurückgezogenheit. Inzwischen ist gut dokumentiert, wie sich unsere Kultur bereits seit dem Mittelalter immer mehr beschleunigt hat und immer lauter geworden ist. Während früher so etwas wie Stress durchaus auch vorkam, aber zeitlich begrenzt war, weil er aufgabenbezogen auftrat, ist er heute fast zum Dauerzustand geworden, mit Auswirkungen auf die Gesundheit von Geist und Körper. Wir müssen uns das, was wir brauchen, heute selber schaffen. In Zeiten des Internets, der Computerspiele, der Fernseher, Handys und MP3-Player - spielt Stille nicht eine zunehmend kleinere Rolle?
Ja, dabei wäre sie wichtig für eine Rückkehr zu dem, was unser Normalzustand sein sollte. Wichtig ist der Wechsel zwischen den Zuständen. Aktivität ist genauso wichtig, und auch sie fehlt Kindern heute oft. Zu häufig sitzen sie im unguten Zwischenzustand vor dem Fernseher oder dem Computerspiel, wo der Körper angespannt ist, sich aber nicht angemessen bewegen kann. Der natürliche Zustand ist ein Wechsel zwischen Zeiten der Aktivität und der Stille. Förderung der Stille heißt also nicht etwa, immer ruhig und entspannt sein, sondern heißt durchaus auch, Lebhaftigkeit, sich bewegen, ja austoben. Und dazwischen Zeiten der Stille, etwa ruhige Aktivitäten, vielleicht einfach mal eine Kerzenflamme beobachten oder darauf lauschen, was für Geräusche wir gerade hören, oder einfach Geschichten hören und selbst erzählen. Von Volker Friebel sind unter anderem die Bücher „Entspannung für Kinder“ (Rowohlt Taschenbuch) und „Weiße Wolken, stille Reise“ (Ökotopia) erschienen, beide mit Audio-CD.