Superhelden an 365 Tagen im Jahr

Omi motzt wegen der zerrissenen Jeans, der Lehrer meint, in Mathe könnte es besser laufen. Wir finden: Eltern haben eine Medaille verdient.


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Ach ja, die Zwölfjährige übt nicht genug für Englisch und Physik. Der Siebenjährige macht Mist auf der goldenen Hochzeit von Omi und Opi. Und der Haushalt, nun, der ist nicht gerade auf Vorder­mann. Und während andere Mütter wieder mal ein super-kreatives Faschingskostüm nähen, kramt man selbst bloß die Eisbärenmaske aus dem vergangenen Jahr vom Dachboden hervor. Gründe für Selbstzweifel gibt es für Eltern am laufenden Band. 


Superhelden an 365 Tagen im Jahr: Eltern

© iStock / Vision Net AG


Irgendwas ist immer


Dabei sind Eltern doch ei­gentlich wahre Helden! Jeden Tag, bei Wind und Wetter, mal mit Kopfschmerzen, mal in bester Laune, begleiten sie kleine Menschen ins Leben. Sie managen grippale Infekte genauso wie die Suche nach dem verlorenen Teil aus dem Lego-Set. Eltern sitzen auf zu kleinen Stühlen beim Kita-Elternabend, sie kochen Lieb­lingsgerichte, sie lesen vor, sie halten Wutanfälle, pinke Phasen und elf Furz-Witze in Folge aus. Sie übernehmen für 18 Jahre (Minimum) Ver­antwortung und kommen damit klar, dass Grundschul­zeugnisse in jedem Halbjahr nach einem anderen Raster aufgebaut sind und dass der Kuchen für den Schulbasar bitte gluten-, laktose- und am liebsten auch noch zu­ckerfrei sein soll. Und das alles gelingt ihnen sogar ziemlich gut.

Ein paar Zahlen: Kinder sind heute gesünder denn je – 94 Prozent haben laut einer aktuellen Studie des Robert Koch-Instituts einen sehr gu­ten oder guten allgemeinen Gesundheitszustand. Der An­teil der Schulabbrecher sinkt kontinuierlich, die Hälfte der Schülerinnen und Schüler erreicht die Hochschulreife, so der Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung. Und die aktuelle Shell-Studie er­gab: 61 Prozent der befrag­ten Jugendlichen blicken op­timistisch in die persönliche Zukunft. Das ist doch was! 
Ansprüche, die stressen
Trotzdem: Viele Eltern setzen sich bei der Erziehung ihrer Kinder heute enorm unter Druck, wie verschiedene Un­tersuchungen belegen. Das Elternsein wird als anstren­gender empfunden als früher. Das liegt nicht nur daran, dass heute in aller Regel beide Elternteile berufstätig sind und sie sich deshalb viel stärker abstimmen müssen, sondern auch daran, dass der Anspruch, den Eltern an sich haben, gewachsen ist. Früh­förderung, Kindergeburtsta­ge, die Wahl der Schule, der Sport am Nachmittag – was früher nebenher lief, wird heute zum „Projekt“. Aber müssen wir uns von diesen Ansprüchen so durch den Alltag und durch das Leben treiben lassen?

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Die amerikanische Psycho­login und Buddhismus-Expertin Kristin Neff sagt: „Unser unermüdliches Stre­ben danach, in allen Berei­chen überdurchschnittlich zu sein, schränkt uns eher ein, als dass es uns voran­bringt. Denn wenn wir schei­tern oder unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, kehrt sich Selbstbe­wusstsein rasch um in Selbst­kritik.“ Beglückender und stärkender sei es, so meint sie, mehr Selbstmitgefühl zu ent­wickeln, sich selbst freund­schaftlich und nachsichtig zu behandeln. Oder anders ge­fragt: Die alte Eisbärenmaske statt eines selbst geschnei­derten Kostüms? Ist doch in Ordnung!
Nett zu sich selbst zu sein, tut allen gut
Die Professorin für Psycho­logie und Persönlichkeitsent­wicklung an der Universität von Texas hat beobachtet: Selbstmitgefühl schützt vor Burnout, stärkt die Gesund­heit und fördert unsere Bezie­hungen. „Aus buddhistischer Sicht muss man sich um sich selbst kümmern, bevor man sich wirklich um andere küm­mern kann. Wenn man die ei­gene Person ständig verurteilt und kritisiert, während man versucht, freundlich zu ande­ren zu sein, zieht man künst­liche Grenzen und trifft Unterscheidungen, die nur zum Gefühl der Trennung und Isolation führen können“, so Kristin Neff.

Eltern, die es sich nicht übel nehmen, wenn der Alltag pha­senweise nur halbwegs okay statt perfekt verläuft, sind nicht nur nett zu sich selbst, sondern diese Sichtweise tut der ganzen Familie gut!

Zusätzlich entlastet es, wenn wir die eigene Messlatte auf eine realistische, freundliche Höhe einstellen. Gelegentliche „Fehlleistungen“ führen noch lange nicht dazu, dass Kinder das Vertrauen in die elterli­che Liebe verlieren. Solange die Grundmelodie im Alltag stimmt, können Kinder ganz prima mit den Schwächen ih­rer Eltern umgehen. Oder, wie der Familientherapeut Jesper Juul scherzhaft sagt: „Zwan­zig Fehler am Tag zu machen, ist total in Ordnung.“ Zu er­kennen, dass Menschen Fehler haben, sei schließlich auch eine wichtige Erkenntnis.
Alles geben? Bloß nicht!
Auch andere Vorstellungen von „perfekten Eltern“ hal­ten einem Faktencheck nicht Stand. Müssen Eltern bereit sein, alles, wirklich alles für ihre Kinder zu tun? Der eng­lische Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott kam nach Beobachtungen vieler Tausend Familien zu dem Schluss, dass es so gerade nicht ist. Eine Elternschaft ist dann ideal, wenn sie Kindern ausreichend Aufmerksam­keit und Versorgung bietet. Nicht weniger, aber auch nicht mehr! Zu viel Behütung und zu viel Aufmerksamkeit bremsen Kinder in ihrer Eigenaktivität.

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Ein weiterer Klassiker für elterliche Schuldgefühle: streitende Geschwister! Dabei liegt Streit in der Natur dieses Verhältnisses. Sie müssen sich aneinander reiben, um sich abzugrenzen und ihren Platz im familiären System zu finden. Gezanke auf dem Rücksitz ist normal und kein Grund, an der eigenen Erziehungskompetenz zu zweifeln.

Und zuletzt: Nein, Eltern müssen nicht alles verstehen! Es ist gut, wenn Eltern hinterfragen, was hinter dem Verhalten ihrer Kinder steckt. Das heißt aber nicht, dass sie für alles Verständnis haben müssen oder sollten. Ein tretender Fünfjähriger braucht genauso ein „Stopp“ wie ein Teenie, der regelmäßig die nassen Handtücher neben der Dusche liegen lässt.

Eine Familie zu sein, bedeutet, miteinander zu wachsen. Und Eltern lotsen das Team dabei durch die Untiefen und Stürme. Allein dafür dürfen Sie sich mindestens einmal am Tag auf die Schulter klopfen!


(von Almut Siegert / erschienen in der familie&co 01/2016)

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