Wie aus Alltagsritualen Traditionen werden


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Wie aus Alltagsritualen Traditionen werden

Auch wenn, wie eine aktuelle DAK-Umfrage jüngst ergab, im Familienalltag immer wenig Zeit dafür bleibt: Gemeinsame Mahlzeiten der ganzen Familie spielen eine besonders wichtige Rolle. Kinder lieben das gemütliche Beisammensein, bei dem es so viele schöne Gelegenheiten zum Reden, Scherzen und Zuhören gibt. Solche Familienessen, vielleicht mit einem besonders toll gedeckten Tisch und liebevoll zubereitetem Essen, sind viel mehr als nur ein Treffen mit dem Zweck gemeinsamer Nahrungsaufnahme. Mit ihnen werden warme, glückliche Erinnerungen geschaffen, die ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Und fast immer entwickelt sich daraus so etwas wie eine Tradition, die Kinder und Enkel übernehmen und in ihren eigenen Familien fortführen. Eines Tages fragen sie nach dem Rezept für die leckere Rote Grütze, die Oma immer gekocht hat. Oder sie servieren wie selbstverständlich am Heiligen Abend Würstchen mit Kartoffelsalat, weil das „einfach dazugehört“. Wenn Sie später solche Sätze von Ihren Kinder hören, können Sie sich freuen. Sie zeigen nämlich, dass Ihre Kinder sich in der Familie verwurzelt und beheimatet fühlen und dieses Gefühl bzw. diese Tradition weitergeben wollen. Rituale sind - richtig eingesetzt - zudem sehr liebevolle und wirkungsvolle Erziehungshelfer: beim Aufstehen und Zähneputzen, beim Abendessen und Einschlafen (Einschlaf- und Aufwach-Rituale). „Einfacher als durch Rituale können Kinder Regeln nicht lernen. Beginnt jede Mahlzeit zum Beispiel mit einem schönen Tischspruch, wird es nicht passieren, dass Kinder schon beginnen zu essen, bevor alle am Tisch sitzen“, erklärt Petra Kunze. Auch Grenzen setzen und einhalten gelingt mit Ritualen leichter. Ist ein Abendritual vor dem Schlafengehen erst mal etabliert, wird ein Kind nicht mehr verhandeln und quengeln, wenn das Buch zugeklappt und die letzten Küsse verteilt wurden“, so die Expertin. Rituale helfen bei schwierigen Situationen Familientraditionen und Rituale helfen Kindern (und manchmal auch ihren Eltern) zudem, mit schwierigen oder neuen Situationen besser zurechtzukommen. Meine Tochter drückt ihren Wunsch nach Stabilität und Kontinuität immer mit den Worten „Es soll immer alles so sein wie immer“ aus. Genau das bieten Rituale. Sie haben einen stets ähnlichen Verlauf, den alle kennen und der nicht jedes Mal hinterfragt wird. Das gibt Halt und Sicherheit. Rituale sind auch emotionale Rettungsringe in Zeiten der Veränderung, z.B. bei Umzug oder Schulwechsel. Die Verlässlichkeit und Geborgenheit, die Kinder durch Familientraditionen erfahren, beeinflussen nebenbei auch ihre Lernfähigkeit positiv. Denn: „Die wichtigste Voraussetzung für die Herausbildung und Stabilisierung komplexer neuronaler Verschaltungsmuster im kindlichen Hirn ist emotionale Sicherheit“, sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Rituale und schöne Traditionen schenken Kindern zudem später im Leben intensive Kindheitserinnerungen: das Vorlesen am Abend, das samstägliche Rasenmähen und die anschließende Limo auf der Gartenbank, die festlichen Adventssonntage mit Spekulatius und Kerzenduft.

„Rituale sind extrem gedächtnisfähig. Sie sind sinnstiftend und emotional und somit Ereignisse, die den Weg vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis gut schaffen“, erklärt das Phänomen Professor Henning Scheich, Neurobiologe am Zentrum für Lern- und Gedächtnisforschung des Leibniz-Instituts in Magdeburg.