Wie es ist, als Kind ohne Geld aufzuwachsen

Als Kind fährt man auf Klassenfahrt, lernt aus bunten neuen Büchern, besucht Theatervorstellungen und fährt in den Ferien an den Strand. Zumindest dachte unsere Autorin, dass das so sein muss. Und sie verhindern muss, dass irgendjemand bemerkt, dass es bei ihr nicht so ist.
Ein Erfahrungsbericht.


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Dass Kinder keine Sorgen haben, ist der größte Irrtum der Menschheit. Sorgen lasten sogar schwerer auf kleinen Schultern als auf erwachsenen, vor allem, wenn es finanzielle Sorgen sind und Geld einfach ein problembehaftetes, abstraktes Thema ist, das ständig für schlechte Stimmung sorgt. Und der noch größere Irrtum war, dass ich mich schämen musste, nicht aus wohlhabenden Verhältnissen zu kommen wie der Großteil meiner Mitschüler am Gymnasium.

Kinder und Geld


© iStock
Das Drama teurer Klassenfahrten

Tatsächlich bin ich froh, dass ich heute mein Geld selbst verdiene und sich auch das Konstrukt „Geld“ langsam aber sicher vom Problem zum Mittel zum Zweck verändern darf. Dass Zahlen konkrete Größen und nicht bedrohliche Zukunftswolken sind, die in Form einer teuren Klassenfahrt auf mich zukommen.
Dabei waren wir angesichts der Lage anderer Familien in Deutschland nicht arm, zeitweise höchstens "bedürftig", was aber eine nicht weniger beschämendere Bezeichnung ist. Aber wir hatten eine Wohnung, ich hatte ein eigenes Zimmer und konnte sogar manchmal bei H&M shoppen gehen. Also alles was ein Kind braucht und mit echter Armut nicht zu vergleichen – das muss ich fairerweise sagen. Und trotzdem habe ich in der Schulzeit oft gelitten, gerade weil ich wusste, dass ich mich eigentlich nicht beklagen darf. Alle meine Freunde kamen aus Akademikerfamilien oder zumindest aus sehr gutbürgerlichen Verhältnissen. Wohnten in großen Einfamilienhäusern mit Garten und zwei dicken Autos pro Familie, zum 18. Geburtstag gabs natürlich ein eigenes Auto.

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Wenn ich Freunde zu mir einlud, habe ich mich geschämt: für den siebten Stock im Hochhaus, für das zerwühlte Bett meiner Mutter im Wohnzimmer und die unaufgeräumte Mini-Küche. Die Mütter meiner Freundinnen warteten mittags mit einem warmen Essen auf ihre Kinder, ich war meistens allein, denn meine Mutter musste arbeiten, als Alleinerziehende von zwei Kindern. Was konnte ich denn einer Freundin, die nach der Schule zu mir kam, bieten? Toast mit Nutella meistens.
Zum Abitur bekamen meine Freunde große Reisen geschenkt, USA, Afrika, usw. – mein Vater schüttelte verständnislos den Kopf, als ich ihn um Zuschuss für die Abifahrt gebeten habe. Mitgefahren bin ich natürlich trotzdem, Abifahrt muss sein!
Was ich mir von meinen Eltern gewünscht hätte
Ich habe tolle Eltern, keine Frage. Es war nicht so, als wollten sie mir nicht mehr geben, es war schlicht und einfach nicht mehr Geld da. Wessen Schuld war das? Ihre auf jeden Fall nicht, und trotzdem hatte ich immer das Gefühl, ich hechelte meinen Freundinnen hinterher. Und schämte mich, denn jedes Kind und jeder Teenager will dazugehören, also tat ich alles, um das finanzielle Defizit auszugleichen: Ich nahm entsprechend meines Alters alle Jobs an, die möglich waren: Als Kind als Babysitterin, später in Modeläden, als Aushilfe in großen Firmen, Kaufhäusern, ab 18 als Nachhilfelehrerin, in der Promotion und in Callcentern.

„Noch schlimmer als ein ,Nein, das ist zu teuer',  war paradoxerweise ein ,Ja', das mir Bauchschmerzen bereitete."


Die vielseitigen Erfahrungen waren sicher gut für mich, jedoch definitiv nicht gut waren die Sorgen, die ich mir permanent machte: Darf ich mir das leisten? Ist das nicht total unvernünftig, wenn ich mir am Pausenverkauf eine Wurstsemmel kaufe? Wie kann ich nur meine Eltern fragen, ob ich zur Ferienfreizeit mitdarf?
Noch schlimmer als ein „Nein, das ist zu teuer“, was eigentlich selten so direkt kam, war paradoxerweise ein „Ja“ mit kummervollem Blick, das mir so Bauchschmerzen bereitete, dass ich lieber gar nicht erst gefragt habe. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, von meinen Eltern eine Unterstützung einzufordern, die zwar meinen Mitschülern zuteilwurde, aber ganz und gar nicht unsere finanzielle Liga war.
Ich hätte mir gewünscht, dass meine Eltern mich mehr begleitet und eventuell aufgeklärt hätten über die Unterschiede zwischen uns und den anderen Kindern am Gymnasium. Dass ich – und das habe ich erst später kapiert - stolz sein kann, als erste und einzige in der Familie überhaupt das Abitur und ein Studium mit Bestnoten abgeschlossen zu haben. Dass ich nicht allein an der Front kämpfen hätte müssen, sondern eine gemeinsame wir-schaffen-das und gemeinsam-kriegen-wir-das-gewuppt – Mentalität, die mir Energie durch Zusammenhalt gegeben hätte statt der Scham und dem ewigen Vertuschen der ungleichen Ausgangsbedingungen meines Elternhauses und dem meiner Mitschüler.

Zum Glück gab es einen Lehrer, der trotz meines bis zur Professionalität ausgereiften Sparplans, was Schulfahrten, Wandertage, Lektüren und sonstige regelmäßige Ausgaben anging, bemerkte, dass ich zu häufig „freiwillig“ irgendwo nicht mitfahren wollte. Er sorgte (ohne mein Wissen und ohne, dass andere Schüler das mitbekamen) dafür, dass die Schule meine Kosten teilweise oder sogar komplett übernahm und letztendlich war ich fast überall dabei!

Wenn Kinder in andere sozialer Umgebung als die Eltern aufwachsen, ist es nicht immer möglich, dem Kind alles so wie den Freunden zu ermöglichen. Was aber möglich ist, ist ein Bemühen um Einfühlsamkeit in den sozialen Druck unter Teenagern. Mein Kind soll später einmal nicht nachts wachliegen und über Geld für die nächste Chorfahrt nachdenken. Lieber überlegt man gemeinsam – Eltern und Kind - was für Möglichkeiten man hat oder eben nicht, Hauptsache, das Kind muss das nicht allein tun.

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