Die Zukunft der Familie - Gedanken eines Zukunftsforschers

Wir haben mit dem Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky gesprochen und einen Blick in die Glaskugel gewagt: Was erwartet uns in den nächten Jahren? Ein Interview über die Zukunft der Familie.


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Und wieder neigt sich das Jahr dem Ende. Doch statt Vergangenes Revue passieren zu lassen und gute Vorsätze für das neue Jahr zu fassen, wollen wir diesmal einen Blick in die Zukunft werfen. Dafür haben wir mit dem Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky gesprochen. Wir haben ihn gefragt, wie die Zukunft der Familie aussieht und wie sich unser Familienleben in den nächsten Jahren verändern wird. Seine Antworten machen deutlich, es wird sich definitiv etwas ändern. Zwar ist das traditionelle Familienbild noch kein Auslaufmodell, doch werden sich auch ganz neuen Familienstrukturen entwickeln. Vor allem Patchwork-Familien sagt Jánszky eine große Bedeutung zu.

Zukunft der Familie


© iStock


familie.de: Herr Jánszky, als Zukunftsforscher beschäftigen Sie sich mit Trends und gesellschaftlichen Entwicklungen. Was wird unser Leben in den nächsten Jahren am entscheidendsten beeinflussen?

Jánszky: Es gibt ziemlich genau zwei große Trends. Zum einen werden wir einen großen Wandel auf dem Arbeitsmarkt erleben. Innerhalb der nächsten 10 Jahre wird die Generation der Babyboomer in Rente gehen und die geburtenschwachen Jahrgänge nachkommen. Das heißt, es wird mehr Jobs als potentielle Arbeitnehmer geben. Zum anderen wird auch die Digitalisierung weiter voranschreiten. Hier stecken wir definitiv noch in den Kinderschuhen.

Und in wieweit wird das unser Familienleben beeinflussen?


Junge Leute werden ein großes Problem nicht mehr haben, das unser Arbeitsleben in den letzten Jahrzehnten stark geprägt hat: Die Angst seinen Job zu verlieren. Bei einem Überangebot an Arbeitsplätzen stellt Arbeitslosigkeit keine Gefahr mehr dar. Und das macht die Menschen sicherer und bereiter, sich voll dem Job zu widmen und erst später - mit Ende 30 bis Anfang 40 - in die Familienplanung überzugehen. Für Sie bekommen Werte wie Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstverwirklichung im Job zunächst einen viel höheren Stellenwert als zum Beispiel Familie.

Heißt das, es wird gar keine jungen Eltern mehr geben?


Man muss schon sagen, dass junge Leute eher dazu neigen, später Familien zu gründen. Aber es gibt auch diejenigen, die bereits mit Mitte 20 Eltern werden. Diese Gesellschaftsgruppe verwirklicht sich nicht unbedingt im Job, sondern zieht seine Anerkennung aus der Zugehörigkeit zu einer festen Community, beispielsweise einer Familie. Wir haben also zwei verschiedene Lebensentwürfe, je nachdem welche Werte priorisiert werden.

Sich bis Anfang 40 unbeschwert auf sein Arbeitsleben konzentrieren zu können bevor man sich mit der Familienplanung beschäftigt, das klingt bei Ihnen so traumhaft unbeschwert. Aber ist das in der Praxis wirklich so leicht. Rein biologisch kann man den Kinderwunsch ja nicht unbegrenzt aufschieben.

Hier kommt wieder die fortschreitende Technologie zum Tragen. Inzwischen ist es ja möglich und vor allem auch bezahlbar seine Eizellen oder auch sein Sperma einfrieren zu lassen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit immens, auch sehr spät noch gesunde Kinder zu bekommen. Das gibt den Menschen quasi eine nie vorher dagewesene Souveränität über ihre Familienplanung. Der technologische Fortschritt schafft damit eine Lösung für ein Problem, das es schon immer gegeben hat, aber bis jetzt einfach unmöglich war. Ich denke das wird in Zukunft noch häufiger genutzt.

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Stichwort: Co-Parentig. Wird es diese Familienmodelle in Zukunft auch häufiger geben?

Für mich ist Co-Parenting auch ein Weg die Familiengründung souveräner zu gestalten. Mit diesem Modell ist es  auch für Singles möglich, sich den Wunsch nach einer Familie zu erfüllen und zwar ohne festen Partner und ohne dafür vorher Fragen wie Partnerschaft und Ehe geklärt haben zu müssen.

Ist Kinderkriegen damit endgültig losgelöst von dem klassischen Modell:  Vater, Mutter Kind?

Im Grunde schon. Natürlich wird es auch in Zukunft bei der Mehrheit der Gesellschaft dieses klassische Modell geben. Und sicher haben auch die Leute, die über das Co-Parenting Eltern werden, in ihrer Idealvorstellung einen Partner an ihrer Seite. Aber manchmal klappt es eben nicht so einfach. Da gibt es vielleicht den richtigen Partner zu einer falschen Lebensphase oder umgekehrt. Wir Zukunftsforscher gegen von acht Lebensphasen aus die ein Mensch durchlebt. Und jeden Übergang von einer in die andere Phase nutzen Menschen dazu, etwas an ihrem Leben zu ändern. Zum Beispiel auch, sich von seinem derzeitigen Partner zu trennen. Daher halte ich im Übrigen Patchwork-Modelle für sehr zukunftsweisend.

Können Sie das genauer erläutern?

Unser ganzes Leben besteht mehr und mehr aus Projekten. Jobs wollen wir nicht mehr auf Lebenszeit, sondern nur projektweise. Autos wollen wir nicht besitzen, sondern nur für eine einzelne Fahrt nutzen. Häuser wollen wir nicht mehr kaufen, sondern für ein paar Jahre mieten. Wir alle gewöhnen uns daran, dass wir in unterschiedlichen Lebensphasen eben verschiedene Bedürfnisse und Ansprüche an unser Umfeld haben. Und dies betrifft eben auch den Lebenspartner. Wir stellen mehr und mehr fest, dass unsere Lebenspartner vielleicht in einer Lebensphase ideal zu uns passen, dass aber in der nächsten Lebensphase die Bedürfnisse und Ansprüche weit auseinander gehen. Dann trennen wir uns und suchen einen neuen Partner. Auf diese Weise entstehen mehr und mehr Patchworkfamilien. Und diese sind keineswegs schlechter als Langzeitfamilien. Zumeist sind sie für die Kinder sogar besser, weil alle Beteiligten sie bewusster und mit höherer Verantwortung gestalten, als das übliche Langzeitfamilienmodell.

Freie Jobwahl, keine biologische Uhr, die tickt und selbst das Familienglück ist nicht mehr zwingen an den richtigen Partner geknüpft. Ist so viel Freiheit denn an gar keine Bedingungen geknüpft?

Es werden natürlich neue Herausforderungen kommen. So werden Menschen, die Familien gründen wollen, angesichts des raschen technologischen Wandels viel schneller den Anschluss verlieren, wenn sie zu lange aus dem Beruf ausscheiden. Das ist ja heuten zum Teil schon so. Diese Geschwindigkeit der technischen Entwicklung nimmt  stetig zu und wird nicht langsamer. Insofern ist das eine absolute Notwendigkeit, dass Mütter und Väter selbst Sorge dafür tragen, ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln.

Wenn man das jetzt scharf formuliert heißt das doch, dass sich Mütter in Zukunft gar nicht mehr leisten können, zwei Jahre oder länger ihren Beruf zu pausieren?

Ich glaube das kann man wirklich so sagen. Wer nicht bereit ist, sich auch in seiner beruflichen Pause auf dem Laufenden zu halten, der wird es schwer haben. Um diese Verantwortung wird in Zukunft keiner mehr herumkommen.

Wie entwickelt sich also die Rolle der Frau und Mutter? Werden wir alle Working-Moms?

Ich denke es wird ganz klar einen Trend geben, dass Frauen nach der Geburt nur ein paar Monate (maximal ein Jahr) aus dem Beruf ausscheiden und dann wieder das Arbeiten beginnen – zumindest in Teilzeit. Mütter, die das nicht wollen, die länger zu Hause bei ihren Kindern bleiben wollen, die werden es sehr schwer mit dem Wiedereinstieg haben.  Aber auch das wird es nach wie vor geben. An unserem heutigen Modell wird sich also nicht viel ändern. Nur wird die Entscheidung, zu Hause zu bleiben, sicher viel bewusster getroffen, weil der Wiedereinstieg so problematisch ist.

Das heißt, die Themen Vereinbarkeit und Kitaausbau werden in den nächsten Jahren noch viel wichtiger werden?

Dieser Wandel, über den wir hier sprechen, dass es mehr Arbeitsplätze als Arbeitnehmer geben wird, der tritt frühestens in fünf bis zehn Jahren ein. Und auch erst dann werden die Unternehmen unter den großen Druck geraten, für ihre Arbeitnehmer attraktiv zu bleiben. Aber ja, nach unseren Prognosen wird es dann nochmal einen eindeutigen Fokus auf die Vereinbarkeit und Betreuungsplätze geben. Letztendlich ist das für Unternehmen immer eine wirtschaftliche Rechnung: Betriebseigene Kitas sind immer billiger als auf die Arbeitskräfte zu verzichten. Das Thema wird in Zukunft also eine stark finanziell getrieben Angelegenheit sein.

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Mehr Flexibilität im Job: Wird das auch die Rolle der Väter ändern? Gerade in der letzten Zeit beklagen sich immer mehr Männer, dass es ihnen eben nicht reicht, nur nach der Arbeit und am Wochenende Vater zu sein.

Generell ist definitiv ein Trend beschreibbar, dass Väter auch Väter sein wollen und mehr Zeit mit ihrer Familien verbringen wollen und das auch einfordern werden. Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass es hier einen Trend in Richtung Teilzeit für Väter geben wird. Doch das darf man nicht überschätzen. Aus unserer Sicht ist nämlich nicht davon ausgehen, dass es einen plötzlichen und radikalen Wandel in diesem Bereich geben wird.

Warum?


Der Hauptgrund ist schlicht der, dass Männer auch in Zukunft mehr verdienen werden als Frauen. Das heißt, Familien entscheiden sich nach wie vor dazu, dass der Partner mit dem besseren Gehalt mehr arbeiten geht. Darum wird sich dieser Wandel wenn überhaupt nur langsam vollziehen.

Das macht uns zugegeben traurig und wütend. Wir hatten gehofft, dass sich das in Zukunft doch ändern würde. Aber das ist ein anderes Thema. Zum Abschluss lieber noch ein positiver Ausblick in die Zukunft. Welche großen Chancen erwarten Familien in der Zukunft?

Gemeinhin gilt ja das Vorurteil, durch die Digitalisierung und neue Technologien würden die Leute nicht mehr miteinander reden und es würde alles immer anonymer werden. Ich glaube genau das Gegenteil geschieht. Ich glaube, Technologie bringt und Menschen und auch die Familien viel näher zusammen. Enkel reden heute z.B. viel öfter mit ihren Großeltern als früher, nur eben nicht „live“ sondern zum Beispiel über Skype.
Aber was ist meinen Augen die viel größere Chance ist, ist der Patchwork-Charakter des Lebens. Familie ist dann eben mehr als Vater-Mutter-Kind und kann sich stetig weiterentwickeln, auch mit neuen Partnern. Wer das für sich möchte, der kann sein Leben dank dieser demographischen und technologischen Entwicklungen definitiv viel selbstbestimmter leben.

Herr Jánszky, vielen Dank für das Gespräch. Ich nehme auf jeden Fall einige interessante Gedanken mit in das neue Jahr und bin gesapnnt, wohin mich meine persönliche Zukunft noch führt.




Kurzvita: Sven Gábor Jánszky


Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky


© Jörg Gläscher
Sven Gábor Jánszky (43) ist Zukunftsforscher und CEO des größten Zukunftsforschungsinstituts in Deutschland, Österreich und der Schweiz, des „2b AHEAD ThinkTank“. Die Studien und Trendanalysen seines Instituts zu den Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten der Zukunft und seine Strategieempfehlungen zu Geschäftsmodellen der Zukunft bilden die Basis für die Zukunftsstrategien vieler Unternehmen. Seine Trendbücher „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ und „2020 – So leben wir in der Zukunft" prägen die Zukunftsstrategien verschiedener Branchen. Mit seinen Management-Strategiebüchern „Rulebreaker – Wie Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern“ (2010) und „Die Neuvermessung der Werte“ (2014) wurde er zum Sprachrohr der Querdenker und disruptiven Innovatoren in der deutschen Wirtschaft.

Sein aktuelles Buch "Das Recruiting Dilemma" erklärt den rasanten Wandel des deutschen Arbeitsmarktes hin zur Vollbeschäftigung, dem Niedergang der Langzeitfestanstellung und der Auflösung von Personalabteilungen.





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