"Das ist doch Absicht!" - Die häufigsten Bettnässer-Mythen

Ein Interview mit Dr. Daniela Marschall-Kehrel, niedergelassene Ärztin für Urologie und Expertin für Einnässen (Enuresis).


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„Mein Kind macht mit Absicht ins Bett“


Das ist ein Aberglaube. Nächtliches Bettnässen ist eine Entwicklungsstörung und trifft nur auf Kinder zu, die mindestens fünf Jahre alt sind und wenigstens zweimal pro Monat nachts einnässen.

Man unterscheidet die primäre monosymptomatische Enuresis von der sekundären Enuresis nocturna. Erstere bezeichnet das nächtliche Einnässen während des Schlafes bei gesunden Kindern im Alter ab fünf Jahren, die mindestens zwei nasse Nächte pro Monat haben und noch nie länger als sechs Monate trocken gewesen sind. Die sekundäre Enuresis nocturna ist durch erneutes Einnässen nach einer Trockenphase von mehr als sechs Monaten gekennzeichnet. Diese Form ist oftmals auf psychische Probleme des Kindes, zum Beispiel bei einer Scheidung der Eltern oder bei der Geburt eines Geschwisterkindes, zurückzuführen.

„Ich reduziere die Trinkmenge ab 14.00 Uhr, damit mein Kind nicht einnässt“
Das kann gefährlich werden und führt nicht zum erwünschten Ziel. Ganz im Gegenteil: Es ist für die Nierenfunktion ebenso wie die Herz-Kreislauf- und Hirnfunktion wichtig, dass ein Kind tagsüber ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt. Eine regelmäßige Flüssigkeitszufuhr über den gesamten Tag ist erforderlich für eine normale Nierentätigkeit. Erst eine Stunde vor dem Schlafengehen sollte nichts mehr getrunken werden.

Empfehlenswerte Getränke sind Wasser und Tee. Cola, Fanta und Säfte in größeren Mengen sollten aufgrund des Zuckergehaltes vermieden werden. 

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„Wenn das Bett wieder nass ist, bestrafe ich mein Kind“

Bitte nicht! Sie sollten Ihrem Kind niemals unterstellen, dass es mit Absicht ins Bett nässt. Bettnässen ist eine Entwicklungsstörung, von der mehr als 640.000 Kinder in Deutschland betroffen sind. Was ihr Kind jetzt braucht, ist professionelle Hilfe und Unterstützung.

Lassen Sie sich gut beraten: zum Beispiel von der Initiative Trockene Nacht - Guter Tag. Sie gibt allgemeine Informationen zum Thema Bettnässen und hilft Ihnen, auch bei der Arztsuche. Denken Sie immer daran: Sie sind nicht allein mit diesem Problem, und es gibt eine Lösung. Es gibt verschiedene Therapien, die helfen, Ihre Kleinen bald wieder trocken schlafen zu lassen.

„Um nicht täglich das Bett neu zu beziehen und Bettzeug zu waschen, ziehe ich meinem Kind Windeln an“

Enuresis: Die häufigsten Mythen zum Bettnässen


© Thinkstock
Das Tragen von Windeln hilft das Bett trocken zu halten und ist als Hilfsmittel erlaubt, führt jedoch zu keiner Lösung des Problems. Gerade in einem Alter ab fünf Jahren möchte kein Kind mehr in Windeln schlafen - das war die Babyzeit, die Vergangenheit. Peinlich könnte es vor allem dann werden, wenn es mal bei Freunden übernachtet oder ein Ferienlager besucht.

Suchen Sie einen Arzt auf, der nach der Untersuchung die richtige Therapie auswählt. In den häufigsten Fällen liegt eine Urinüberproduktion vor. Bei einem gesunden Menschen wird nachts die Urinbildung reguliert, indem der Körper das Antiwasserlasshormon ADH produziert. ADH verringert die Urinmenge. Bei den meisten nächtlichen Bettnässern ist diese Produktion gestört bzw. noch nicht voll entwickelt. Der ADH-Spiegel ist somit zu gering, die kindliche Blase kann die große Urinmenge nicht halten und leert sich dann unwillkürlich im Laufe der Nacht.

Hier können zum Beispiel Minirin-Tabletten mit dem Wirkstoff Desmopressin eingesetzt werden, die in der Regel sofort wirken. Über 13 Millionen Kinder wurden bisher weltweit erfolgreich therapiert. Weitere Behandlungsmöglichkeiten sind die Urotherapie (Empfehlung zu Trink-, Wasserlass- und Darmregulation) oder das Tragen einer Klingelhose, die wie ein Weckapparat funktioniert, sobald erste Tröpfchen in die Hose gehen.

„Damit mein Kind lernt, endlich nicht mehr ins Bett zu machen, muss es seine Bettwäsche jeden Tag selbst reinigen“
Das ist wie eine Strafarbeit. Damit unterstellen Sie Ihrem Kind, dass es mit Absicht ins Bett macht und bestrafen es dafür. Dieses Verhalten kann schnell zu einem Teufelskreis führen. Denn Angst vor den Eltern können weitere Konflikte in der Familie hervorrufen und das Selbstbewusstsein des Kindes schwächen. Die Kinder ziehen sich zurück und fühlen sich als Außenseiter, Störenfried und letztendlich einfach ungeliebt.

Diese Verhaltensweisen können dann auch außerhalb des Familienkreises auftreten. Sowohl im Freundeskreis als auch in der Schule. Das geminderte Selbstwertgefühl, die Angst vor Übernachtungen und die Panik, dass irgendjemand das Bettnässen bemerkt oder darüber erzählt, belasten das Kind zunehmend.

Bitte beachten Sie: Mangelndes Selbstbewusstsein und auffälliges Verhalten ist keineswegs Ursache, sondern vielmehr Resultat kindlichen Bettnässens. Eine professionelle Beratung, ein Besuch beim Arzt und eine frühzeitige Therapie können den Kindern diesen Teufelskreis ersparen.


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