Kinder und Schmerzmittel

Im Interview erklärt Dr. Sven Gottschling, Kinderschmerzexperte und Palliativmediziner am Universitätsklinikum des Saarlandes, wie Eltern am besten damit umgehen, wenn Kinder Schmerzen haben. 


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Interview mit Dr. Sven Gottschling zum Thema Schmerzen


familie&co: Wann dürfen Eltern den Kindern Schmerzmittel geben?

Dr. Sven Gottschling: Auch Kinder haben ein Recht auf Schmerzlinderung. Wenn sie also unter Schmerzen leiden, weil sie sich zum Beispiel verletzt haben, sollte man ihnen Schmerzmittel nicht vorenthalten. Natürlich müssen die Medikamente richtig dosiert und für Kinder geeignet sein. Ohne ärztliche Absprache dürfen sie auch nur kurzfristig gegeben werden. Das gilt im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen, aber auch, weil es nicht richtig ist, Schmerzen nur zu überdecken. Man muss ihre Warnfunktion ernst nehmen, nach den Ursachen suchen und diese behandeln. Leiden lassen sollte man Kinder aber nicht.


Kind bekommt Pflaster von Arzt

Alles wieder gut? "Sport und Ablenkung wirken manchmal Wunder", so Kinderschmerzexperte Dr. Sven Gottschling.


© Thinkstock
Werden Kinder denn mit Schmerzmitteln eher unterversorgt?

Ja, das ist leider der Standard. Ein Grund dafür ist, dass viele Kinderärzte nicht ausreichend über die Substanzen informiert sind und Angst vor Nebenwirkungen haben. Hinzu kommt, dass die Einschätzung der Schmerzstärke bei Kindern schwierig sein kann. Da braucht es viel Erfahrung. Zudem wird noch immer zu wenig zugebilligt, dass auch kleine Kinder schon chronische Schmerzen haben können und darunter extrem leiden.

Welche Folgen kann ein nicht ausreichend behandelter Schmerz haben?

Er kann die Schmerzwahrnehmung dauerhaft verändern. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Kinder abstumpfen, wenn sie Schmerzen ertragen müssen. Im Gegenteil: Sie werden sensibler. Schon kleinste Schmerzreize können dann auf einmal sehr wehtun. Ebenso kann der Schmerz chronisch werden. Er verselbständigt sich und tritt auch ohne einen eigentlichen Auslöser auf. Immer mehr Kinder leiden unter chronischen Schmerzen, vor allem im Bereich Kopf und Bauch sowie im Bewegungsapparat.

Welche Rolle spielt die Psyche bei der Chronifizierung?

Eine große. Schmerz ist kein rein biologisches Problem. Er wird auch durch psychische und soziale Faktoren bestimmt. Ein wichtiger Punkt ist daher, wie Eltern mit den Schmerzen ihres Kindes umgehen. Hat es etwa häufiger Spannungskopfschmerzen und wird diesen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, das Kind ständig von unangenehmen Dingen wie Schulbesuch oder Hausaufgaben befreit, kann dies dazu beitragen, dass sie chronisch werden. Das heißt nicht, dass man die Kopfschmerzen ignorieren sollte. Anstatt sie aber zu sehr in den Fokus zu stellen, sollte man lieber schauen, was sie besser macht. Sport und Ablenkung etwa wirken manchmal Wunder. Bestehen die Beschwerden weiter, ist aber unbedingt ärztliche Hilfe nötig.
Tipps bei typischen Schmerzbeschwerden

Kleine Blessuren: Bei Stauchungen, Prellungen, Quetschungen hilft vor allem Kühlen, z.B. mit Kältepack oder Quarkumschlägen.


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Viele Kinder leiden unter Kopfschmerzen. Welche Arten gibt es und wie können Eltern helfen?


Kopfschmerzen:
Probieren Sie aus, was Ihrem Kind besser hilft: Im dunklen Zimmer ruhen oder raus an die frische Luft. Auch ein kühles Tuch und sanfte Massagen verschaffen Linderung.

Ohrenschmerzen: Zwiebel klein würfeln und in ein dünnes Tuch geben. Dieses mit einer Wärmflasche erwärmen und auf das Ohr legen.

Bauchschmerzen: Eine Wärmflasche oder eine sanfte Massage mit Kümmelöl wirken beruhigend.

Halsschmerzen: Zwei Kartoffeln kochen, zerdrücken und in ein Geschirrtuch wickeln. Das nicht zu heiße Tuch um den Hals legen und mit einem Schal fixieren.


Weitere mögliche Erkrankungen mit typischen Symptomen und Behandlungstipps finden Sie in unserem Lexikon Kinderkrankheiten.


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