Hilfe durch die Kinderpsychiater

Nachdem einem weiteren Rezept für ein Schlafmittel, einem Attest für die nächsten zwei Wochen und den Worten "Dann hat sie bestimmt wieder Lust zur Schule." hatte ich genug. Ich fühlte mich nicht ernst genommen und meldete uns in der Kinderpsychiatrie an. Ein furchtbarer Schritt als Mutter - im Nachhinein der Beste, den ich machen konnte!


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Von Anfang an wurden viele Störungen vermutet, zur weiteren Diagnostik blieb sie für sieben Monate in stationärer Therapie. Gleichzeitig wurde auch ich mit Gesprächen und Aktionen gestärkt und aufgebaut. Denn meine Kraft war mittlerweile nämlich eher die eines nassen Lappens.

Die Klinik hat uns viel über uns und über unsere Mutter-Tochter-Beziehung beigebracht. Anne lernte Strategien zur Alltagsbewältigung, ich Maßnahmen zur Stress-Deeskalation. Wir haben viel gelacht und auch geweint. Trotzdem machte ich mir jedes Mal, wenn ich die schluchzende Tochter vom Wochenende wieder in die Klinik brachte, viele Vorwürfe: Hätte ich Dinge vorhersehen müssen?, Bin ich Schuld? Wie sehr leidet mein vierjähriger Sohn bereits darunter? Ich zweifelte rund um die Uhr an mir. Am Ende war es so schlimm, dass ich meinen Sohn in zehn Jahren ebenfalls in der Klinik sah. Eine Geduldsprobe, die sieben Monate andauerte.

Dann endlich schossen die Diagnosen wie Hagelkörner auf uns ein: mangelnde Emotionsregulierungen, Zwangsstörungen, Ängste, Legasthenie einhergehend mit einer sehr seltenen Höchstbegabung, Schulverweigerung, Pavor nocturnus in Verbindung mit Schlafwandeln usw.

Eine Diagnose -  emotionale Störung - erklärte ihre Schreiattacken. Anne ist ist am Abend emotional so "aufgefüllt", dass sie keine andere Möglichkeit zur Verarbeitung hat als Schreien. Beim Brüllen regeln sich ihre Gefühle wieder auf ein normales Level herunter. Sie schreit, wenn sie sauer ist - aber auch bei Wut oder Trauer. Manchmal sogar, wenn sie sich sehr freut. Ich habe also instinktiv schon immer richtig gehandelt, wenn ich dafür sorgte, dass Anne nicht zu viel Action am Tag hatte.

Für offenen Umgang und Entstigmatisierung!


Anne ist jetzt seit eineinhalb Jahren wieder zu Hause, geht aber wöchentlich zur ambulanten Therapie. Und die neue Schule ist in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen. Vieles hat sich sehr verbessert, anderes wird momentan verstärkt durch die einsetzende Pubertät. Nachdem meine Tochter in der Klinik war, versuchen wir nun, Routinen sofort zu unterbinden, wenn sie sich einschleichen. Sobald wir merken, dass sie mehrmals hintereinander die gleichen Abläufe einfordert, müssen wir das stoppen und diesen Leerraum mit anderen, neuen Handlungen füllen. Aber es ist nicht immer leicht zu unterschieden, wann sich eine liebgewonnene Gewohnheit in ein Ritual und schließlich in einen Zwang verwandelt.

Fels in der Brandung statt nasser Lappen!




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Andere Familien, die diese Probleme haben, sind vielleicht irritiert, dass wir damit so offen umgehen - aber für uns ist es ein guter Weg, dem Schreckgespenst "psychische Fehlentwicklung" seinen negativen Touch zu nehmen und ihn als normale Gegebenheit in den Alltag zu integrieren. Alle Klassenkameraden und Freunde wurden von Anne persönlich aufgeklärt und es tut ihrem Anpassungsprozess sehr gut, über ihre Probleme offen zu reden. Sie möchte anderen Kindern und Jugendlichen Mut machen. Und ich versuche, Betroffenen Eltern Kraft und Hilfe anzubieten, die mit ähnlichen Themen zu tun haben. Ich habe eine lange, furchtbare Selbstzweifel-versagungsängstliche-ich-tauge-nicht-als-Mutter-Fahrt hinter mir.

Doch am Ende des Klinikaufenthaltes haben Ärzte und Therapeuten mich gelobt: "Sie haben in ihrer Erziehung wirklich alles richtig gemacht. Wir erleben hier nicht oft, dass Eltern in so schwierigen Situationen und bei dem Dauerstress immer die Kontrolle über sich behalten. Sie haben erzieherisch wertvolle Strategien entwickelt und auch durchgeführt. Behalten sie ihre Konsequenz und ihr Bauchgefühl bei, dann schaffen Sie auch die weiteren Baustellen!" Das war das Beste, was man je zu mir als Mutter gesagt hat - und so wurde aus einem Lappen ein Fels in der Brandung!

Die Ärzte und Therapeuten der Kinder- und Jugendpsychiatrie waren von Anfang an sehr freundlich, kompetent und engagiert. Oft boten sie mir eine Schulter zum Ausweinen an, wenn ich wieder einmal das Gefühl hatte, ich schaffe keinen einzigen, weiteren Tag mehr mit diesem starken, schreienden Kind - dafür danke ich allen Beteiligten! Und ich bin sehr stolz auf meine Tochter, die mit ihren gerade mal 13 Jahren schon so viel erreicht hat!! Sie ist einfach wunderbar ...

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