Paracetamol in der Schwangerschaft - gefährlich oder nicht?

Das Schmerzmittel der Wahl in der Schwangerschaft ist Paracetamol. Dieser "Glaubenssatz" wird in letzter Zeit durch mehrere Studien erschüttert. Doch ein kritischer Blick auf die Ergebnisse lohnt sich.


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Paracetamol in der Schwangerschaft - gefährlich oder nicht?


© iStock
Die norwegische Mutter-Kind-Studie (Brandlistuen, 2013) kam zu folgendem Ergebnis: Wurden in der Schwangerschaft an mehr als 28 Tagen Schmerzmittel genommen, zeigten die Kinder eine langsamere motorische Entwicklung und größere Hyperaktivität. Ähnlich sind Resultate der dänischen Forscher (Liew, 2014) - das Risiko der Kinder an ADHS zu erkranken, sei deutlich erhöht, wenn Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol einnehmen. Auch eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2016 setzt die Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft mit späteren Entwicklungsstörungen der Kinder in Zusammenhang.

Unnötige Verunsicherung


Kaum eine Schwangere, die diese Studien nicht verunsichern: Paracetamol ist schlecht! Es schadet dem Kind! Laut dem Berliner Zentrum für Embyronaltoxikologie (Embryotox)* eine unnötige Verunsicherung.

Denn auf den zweiten Blick haben die viel diskutierten skandinavischen Studien nicht unerhebliche methodische Schwächen: Es wurde weder die Dosierung der Schmerzmittel, noch die tatsächliche Einnahmedauer erhoben. Auch die Diagnose ADHS basierte teilweise nicht auf ärztlichen Berichten, sondern lediglich auf Gesprächen mit den Eltern der betroffenen Kinder. Plus: Dass Krankheiten wie ADHS immer mehrere auslösende Ursachen haben, wurde nicht berücksichtigt. Genetische und familiäre Faktoren wurden außer Acht gelassen. Auch die Ergebnisse der in diesem Jahr (2016) veröffentlichten Studie kritisierten die Embryotex-Wissenschaftler: "In der Studie gibt es keine Angaben zu Dosis und Dauer der Therapie. Man weiß nicht, ob Paracetamol nur 2 Tage oder über Wochen eingenommen wurde und ob 4 g/Tag oder 500 mg."

Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Einnahme Paracetamol und Entwicklungsstörungen ist also längst nicht bewiesen, die Studienergebnisse seien lediglich ein „interessantes Signal“, auf dessen Basis weiter geforscht werden solle. Keineswegs seien sie ausreichend, die Empfehlung von Paracetamol als Schmerzmittel der Wahl in der Schwangerschaft zu beschränken oder gar aufzuheben, betonen die Embryotox-Forscher.
Soviel wie nötig, so wenig wie möglich


„ Eine 100%ige Sicherheit in der Schwangerschaft gibt es nicht. Allerdings kann auch das Nicht-Behandeln von Krankheiten oder starken Schmerzen problematisch für das Ungeborene sein. ...”

von Berliner Zentrum für Embyronaltoxikologie

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Medikamenten in der Schwangerschaft ist das A und O. Doch verantwortungsvoll bedeutet weder, starke Schmerzen und Fieber einfach zu "ertragen", noch Arzneimittel wie Smarties zu schlucken. In manchen Situationen ist ein schmerzstillendes und fiebersenkendes Mittel einfach notwendig, um Mutter und Kind zu schützen, betonen die Experten von Embryotox. Diese Notwendigkeiten gilt es zu erkennen und gegen ein mögliches Risiko abzuwägen. Und unnötige Panik hilft hier am wenigsten.
Welche Schmerzmittel sind in der Schwangerschaft erlaubt?
Paracetamol kann die gesamte Schwangerschaft hindurch eingenommen werden, solange es nur gelegentlich eingesetzt wird.

Aspirin ist bis zur 28. Schwangerschaftswoche das Schmerzmittel der zweiten Wahl.

➤ In den ersten beiden Trimestern können Schwangere alternativ auf Ibuprofen zurückgreifen.

➤ Wichtig:
Im letzten Trimester sollte jedoch auf Ibuprofen und Aspirin verzichtet werden, da bewiesen wurde, dass das Medikament sich negativ auf Kreislauf und Nieren des Ungeborenen auswirkt.

*
Das Berliner Zentrum für Embyronaltoxikologie (Embryotox) der Berliner Charité ist ein unabhängiges Institut, das Empfehlungen zum Einsatz von Medikamenten bei Schwangeren und Stillenden abgibt.







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