Schmutz trainiert Babys Immunsystem

Babys Immunsystem braucht kleine Herausforderungen: Blitzeblank sauber muss und soll die Umgebung für das Baby gar nicht sein.


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Übertriebene Hygiene sorgt für Allergien


Erwachsene sind im Bezug auf Hygiene eigen: Immer soll die Umgebung für das Baby perfekt sauber sein. Und damit auch ja nichts passiert, wird gewischt, gesaugt, desinfiziert. Aber Moment - wenn ein Baby auf die Welt kommt, trifft es da etwa auf eine saubere Welt? Begegnet es nicht eher einer Umgebung voller Keime, Dreck, Bakterien? Auch in Spielzeug und Kuscheltieren? So wie hunderte Generationen vor ihm? Noch vor nicht allzu langer Zeit war die Nahrung selten frisch, das Wasser manchmal ungeklärt und die Milch unbehandelt. Hygiene gibt es erst seit gut 150 Jahren - wozu also die ganze Aufregung?

Schmutz ist gut fürs Immunsystem

Babys brauchen keine keimfreie Umgebung


© Thinkstock

Sauberkeit hat ihre Berechtigung, aber auch ihre Grenzen. In den ersten Lebensjahren, ganz besonders aber in den ersten zwölf Monaten, erwartet das Immunsystem richtig viel problematischer Lernstoff, darauf ist es genetisch programmiert. Und wie Gehirnzellen, die auf Reize von außen warten, um, sprechen, spielen, streiten zu lernen, so warten auch die Zellen der Körperabwehr darauf, unterscheiden zu lernen, was Freund ist und was Feind. Damit sie gewappnet sind für später.

Doch was passiert, wenn der Lernstoff ausbleibt, es nichts wirklich Wichtiges mehr zu tun gibt, alles blitzeblank ist und nirgendwo ein Keim oder etwas Dreck lauert? Dann, so haben Wissenschaftler herausgefunden, schlägt das Immunsystem oft trotzdem kräftig zu - leider auch gegen harmlose Dinge: Blütenstaub, Nüsse oder Katzenhaar. Eine Allergie ist geboren. So jedenfalls lautet die „Hygienehypothese der Allergieentstehung“, an der Wissenschaftler in den vergangenen Jahren mit vielen Untersuchungen gefeilt haben.

Das Baby auf dem Land hat ein starkes Immunsystem


Auftrieb bekam diese Idee durch eine große Studie der Münchner Professorin Erika von Mutius. Sie und ihr Team untersuchten über 2.500 Bauernkinder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die hatten es „nicht so sauber“ wie ein Stadtbaby in der sorgsam geputzten Wohnung. Die meisten durften von frühesten Baby-Tagen an mit in den Stall, kamen oft mit Tieren in Kontakt und waren sehr viel im Freien. Oft tranken sie auch frisch gemolkene Milch.

Der Vergleich zum deutschen Durchschnittskind zeigte: „Die Häufigkeit von Asthma und Heuschnupfen war bei den Bauernkindern deutlich niedriger als bei denen aus anderen Haushalten.“ Umfassenden Schutz hatten aber nur für das Baby, das bereits im ersten Lebensjahr „bäuerlich“ gelebt hat. Was darauf hindeutet: Die frühen Lebensmonate sind die entscheidende Lernzeit für das Immunsystem.

Wie soll es aber das Stadt-Baby halten? Bei Wind und Wetter raus in den Garten? Krabbelausflüge von Anfang an durch Matsch, Staub und Streichelzoo? So radikal muss es sicher nicht zugehen. Aber Eltern sollten sich nicht allzu sehr sorgen, wenn es einmal etwas dreckiger wird. Sogar dann nicht, wenn sie fürchten, das Baby könnte ein bisschen Schmutz verschlungen haben.

Das Video erklärt Ihnen, warum Ihr Baby keine übertriebene Hygiene braucht und Schmutz sein Immunsystem trainiert.

Gerald Callahan, Immunologe und Professor an der Staats-Universität von Colorado hat das Thema erforscht - auch am eigenen Nachwuchs: „Meine Kinder aßen Dreck mit erstaunlichem Genuss“, berichtet er. „Straßenschmutz, vertrocknete Blätter, Rasenstückchen, Insektenreste - bevor ich es ihnen endlich ausreden konnte, gaben sie es von selbst auf.“

Krank machend ist das Ganze jedenfalls nur in ziemlich großen Mengen - die ein normales Baby aber ohnehin nie erreicht. Das haben bereits viele Forschergruppen untersucht. Man muss dazu nämlich nur den Mineralgehalt einer „frisch gefüllten“ Windel messen, um zu wissen, was durch den Mund hineingekommen ist: Eine Übersicht der US-Umweltbehörde geht von 0,2 bis 0,8 g pro Tag aus - gerade einmal der Dreck unter fleißig gebrauchten Fingernägeln.





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