Unsere Experten zum Thema Hörverlust bei Kindern


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Wie erkennen Eltern eine Hörschädigung? Was kann man im Falle von Hörverlust oder Schwerhörigkeit bei Kindern tun? Wie viel Lärm verträgt ein Kind? Im familie.de-Interview klären die Experten und Pädakustiker Daniela-Simone Feit und Hans-Jürgen Bührer auf.


Vivien Birkle (11)

Vivien Birkle (11) ist Kundin bei Hörgeräteakustiker Hans-Jürgen Bührer. Sie leidet an Schalleitungsschwerhörigkeit. Nach zwei Mittlerohroperationen, stärker werdenden Verständnis- und Sprachschwierigkeiten und nachlassenden Leistungen in der Schule trägt sie nun ein kindgerechtes Hörgerät auf beiden Ohren. Ihr erstes Erfolgserlebnis kam schon in der ersten Woche mit Hörgeräten: eine glatte Eins im Diktat. Foto: Phonak


familie.de: Sind Kinderohren empfindlicher als die von Erwachsenen? Daniela-Simone Feit: Ja, und zwar weil die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Sprache und Störlärm bei Babys und Kleinkindern noch nicht gegeben ist. Sie können nicht beurteilen, wann Lärm schädlich ist. Daher schützen sie sich nicht ausreichend davor. Erwachsene reagieren, indem sie sich die Ohren zuhalten, Kinder haben diesen Reflex noch nicht von Geburt an.

Hans-Jürgen Bührer
: Daher ist es besonders wichtig, Babys und Kleinkinder vor Lärm zu schützen. familie.de: Warum ist es so wichtig, dass ein Hörverlust oder eine Hörminderung möglichst früh erkannt wird? Hans-Jürgen Bührer: In den ersten Lebensmonaten werden die Grundlagen für Spracherwerb und Kommunikationsfähigkeit gelegt. Wenn das Gehirn aufgrund von Schwerhörigkeit keine Hörreize erfährt, stagniert die Entwicklung und ist in späteren Jahren auch durch intensive Förderung kaum mehr aufzuholen. Daher ist es besonders wichtig, dass ein Hörverlust bei Kindern frühzeitig entdeckt und versorgt wird. familie.de: Durch was wird eine Hörminderung ausgelöst? Hans-Jürgen Bührer: Ursachen bzw. Auslöser von Hörverlust bei Kindern sind sehr unterschiedlich. Etwa die Hälfte aller vorgeburtlichen Fälle sind genetisch bedingt. Auch Infekte der Mutter während der Schwangerschaft oder schädliche Substanzen wie z.B. Alkohol, die während der Schwangerschaft eingenommen werden, können eine Hörminderung hervorrufen. Kopfverletzungen, Kinderkrankheiten oder unbehandelte Ohrinfekte können auch Auslöser für einen Hörverlust im Kindesalter sein. Daniela-Simone Feit: Lärm kann das junge Gehör ebenso unwiderruflich schädigen. Besondere Vorsicht ist bei Spielzeugpistolen, Silvesterknallern und exzessiver Musikbeschallung über Kopfhörer geboten. familie.de: Welche Folgen hat eine Hörminderung für die Entwicklung von Kindern und Babys? Hans-Jürgen Bührer: Ein Hörverlust bei Kindern ist nicht nur ein Problem des Sinnesorgans: Richtig hören und verstehen zu können ist für das Erlernen von Sprache und damit die gesamte Entwicklung eines Kindes die Voraussetzung. Das Hör- bzw. Sprachvermögen ist ausschlaggebend für die emotionalen, sozialen, und kognitiven Möglichkeiten eines Kindes und legt den Grundstein für das spätere berufliche und gesellschaftliche Leben. Eine frühzeitige Hörgeräte-Anpassung und eine logopädische Betreuung unterstützen eine unauffällige Hör- und Sprachentwicklung. Daniela-Simone Feit: Hört ein Kind von Geburt an schlecht oder gar nicht, hat es überhaupt keine Chance richtig sprechen zu lernen. Je früher der Hörverlust entdeckt wird, desto größer ist die Aussicht auf eine erfolgreiche Behandlung und eine altersgerechte Entwicklung. familie.de: Wie kann eine Hörminderung bei Babys festgestellt werden?

Daniela-Simone Feit:
Eltern sollten das Neugeborenen-Hörscreening, das seit 2009 gesetzlich verankert ist, im Krankenhaus unbedingt wahrnehmen. Der Test dauert nicht lange, ist komplett schmerzfrei und sorgt schnell für Klarheit. familie.de: Welche Indizien lassen darauf schließen, dass ein Kind schlecht hört? Wann sollten Eltern im wahrsten Sinne des Wortes hellhörig werden? Daniela-Simone Feit: Eltern sollten darauf achten, wie ihr Baby auf akustische Reize reagiert. Ist die Reaktion auf Impulslärm vermindert oder gar nicht vorhanden, sollte der Kinderarzt, Pädaudiologe oder Pädakustiker aufgesucht werden. Bei Kleinkindern kann eine verlangsamte Sprachentwicklung darauf hindeuten, dass das Gehör nicht voll funktionsfähig ist. Später in der Schule können mangelnde Konzentration und schlechte Noten ein Indiz für einen Hörverlust sein. Unter www.hear-the-world.com hat zum Beispiel die Initiative Hear the World die wichtigsten Informationen für Eltern zusammengestellt, die sich näher informieren und mit anderen Betroffenen austauschen wollen. Hans-Jürgen Bührer: Eine meiner jungen Kundinnen, die 11-jährige Vivien, war als Kleinkind zwar immer aufgeweckt und beherrschte Spiele wie Memory und Puzzle überdurchschnittlich gut, sie wies jedoch Verzögerungen in der Sprachentwicklung auf. Dass zudem zu Hause überdurchschnittlich laut gesprochen werden musste, damit Vivien auch alles mitbekam, machte Viviens Eltern hellhörig. Als Schulkind ließen ihre Leistungen – vor allem bei Diktaten – nach. Bestimmte Wortendungen und die Unterscheidung ähnlich klingender Buchstaben wie M und N fielen ihr besonders schwer. familie.de: Wie kann einem Kind mit beeinträchtigtem Hörsinn geholfen werden? Hans-Jürgen Bührer: Durch die Versorgung des Kindes mit einem kindgerechten Hörsystem, das individuell beim Pädakustiker angepasst wird. Zuerst wird ein Audiogramm erstellt, in welches eingetragen wird, bei welcher Lautstärke die einzelnen Töne wahrgenommen werden. Zusätzlich wird in Abhängigkeit vom Alter auch die Sprachentwicklung mit kindgerechten Testmaterialien ermittelt. Danach werden Abdrücke beider Ohren genommen, um eine Ohrplastik (Kinderotoplastik) herstellen zu können. Es gibt Hörgeräte, die speziell an die Bedürfnisse von Kindern angepasst sind und sich technisch sowie größengerecht für alle Altersgruppen eignen. Die Kindermodelle sind oft in verschiedenen Mustern und Farben erhältlich, die gemeinsam mit den Eltern und Kindern ausgesucht werden. Ein Hörgerät verbessert die Entwicklungschancen eines Kindes ungemein. Vivien erlebte schon in der ersten Woche mit ihren neuen Hörgeräten ein großes Erfolgserlebnis: eine glatte Eins im Diktat. Seitdem sind die Hörgeräte Bestandteil ihres Lebens. Daniela-Simone Feit: Wenn eine Hörstörung im Innenohr angesiedelt ist, helfen dem Kind frühzeitig angepasste Hörsysteme. Bei einer Hörminderung, die durch einen Schnupfen oder eine Mittelohrentzündung ausgelöst wird, kann die Einnahme von entsprechenden Medikamenten schon helfen. Bei hochgradigem Hörverlust kann ein Cochlea-Implantat die richtige Wahl sein. familie.de: Gibt es die Möglichkeit, eine Hörminderung operativ zu korrigieren? Daniela-Simone Feit: Je nachdem, wo die „Störung“ stattfindet, kann eine Hörminderung operativ korrigiert werden. Das muss der Arzt von Fall zu Fall entscheiden.