Zahnpflege bei Kindern: Interview mit Prof. Dr. Christian Hirsch

"Wir sind schon froh, wenn alle Kinder zweimal am Tag eine Zahnbürste in den Mund bekommen" - Professor Dr. Christian Hirsch von der Abteilung für Kinderzahnheilkunde und Primärprophylaxe am Universitätsklinikum Leipzig steht uns Rede und Antwort.


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familie.de: Herr Professor Hirsch, können Sie einen Trend erkennen: Wie gesund sind die Zähne unserer deutschen Kinder?


Interview: Professor Dr. Christian Hirsch

Professor Dr. Christian Hirsch


© privat
Prof. Dr. Hirsch: Für die größeren Kinder und Jugendlichen, also für das bleibende Gebiss, verzeichnen wir seit zirka 20 Jahren eine deutliche Verbesserung der Zahngesundheit. Sie haben also viel weniger Karies, bzw. wegen Karies behandlungsbedürftige Zähne als noch vor 20 Jahren. Das heißt bei den 12-Jährigen ist im Schnitt weniger als ein Zahn wegen Karies in Behandlung oder behandlungsbedürftig. Das ist natürlich grundsätzlich erfreulich. Allerdings sieht es bei den Kindern im Vorschulalter, also was das Milchgebiss betrifft, anders aus. Da haben wir keinen Kariesrückgang, das heißt die orale Gesundheit hat sich nicht verbessert. Wir verzeichnen sogar in bestimmten Regionen und sozialen Gruppen eine Verschlechterung der Zahngesundheit kleiner Kinder. Das ist insofern ein wichtiger Punkt, weil die Kinder natürlich unter schlechten Zähnen sehr stark leiden, und das beeinträchtigt die Familie natürlich ebenfalls.

familie.de: Löcher, Schmerzen, Wackelzähne – was sind die häufigsten Symptome ihrer kleinen Patienten?

Prof. Dr. Hirsch: Der überwiegende Teil der Zahnschädigungen und Schmerzen wird immer noch durch Karies verursacht. Allerdings ungefähr ein Drittel der Zahnschäden, die wir bei Kindern und Jugendlichen sehen, sind bereits auf Mineralisationsstörungen zurückzuführen. Das heißt, die Zähne sind in ihrer Entstehung gestört worden, und zwar durch vielfältige äußere Ursachen, wie Umwelteinflüsse, Erkrankungen oder Medikamente. Darüber hinaus gibt es eine gar nicht so geringe Anzahl von Kindern, die mit den Zähnen knirscht, schätzungsweise jedes 5. Kind. Dadurch kommt es ebenfalls zu einer Schädigung der Zähne, da sie dabei unnatürlich stark abgenutzt werden.

familie.de: Für welches Alter empfehlen Sie den allerersten Besuch beim Zahnarzt?


Prof. Dr. Hirsch:
Wir empfehlen den ersten Zahnarztbesuch mit dem Durchbruch der Zähne, also im Regelfall noch vor dem 1. Geburtstag. Das hat den Sinn, dass zu diesem Zeitpunkt präventive Aufklärungsarbeit geleistet werden kann. Beim ersten Zahnarztbesuch haben wir die Möglichkeit, die Eltern zu informieren und vorbeugend tätig zu werden, so dass es gar nicht erst zu schwerwiegenden Zahnschäden kommt. Tipps für die richtige Ernährung und Mundhygiene sollte man am Anfang bekommen und nicht erst, wenn es schon zu spät ist.

familie.de: Wie oft sollten Kinder zum Zahnarzt?


Prof. Dr. Hirsch:
Kinder sollten grundsätzlich halbjährlich zum Zahnarzt gehen, da es bestimmte Phasen in der Gebissentwicklung gibt, in denen relativ schnell sehr viel passiert. Wenn die Zähne durchbrechen, sollte zum Beispiel kontrolliert werden, ob Reihenfolge und Anzahl stimmen. Ein Zahnarzt kann außerdem sehen, ob es frühe Formen von Zahnschäden gibt und dann häufigere Kontrolle empfehlen. Ein Loch ist ja nicht plötzlich einfach da. Es gibt immer Vorstadien, die man erkennen kann und gegen die man auch was zu tun kann, bevor es dann zu Löchern und Schmerzen kommt.

familie.de: Kann ich mit meinem Kind zu meinem Hauszahnarzt gehen oder sollte ich mich für einen Kinderzahnarzt entscheiden?

Prof. Dr. Hirsch: Diese Entscheidung liegt natürlich bei den Eltern. Wenn Sie den Eindruck haben, dass der Hauszahnarzt, der ja primär Ansprechpartner für die Familie ist, auch gut mit dem Kind zurechtkommt, dann kann man sagen, dass man in puncto Aufklärung auch bei seinem Hauszahnarzt gut aufgehoben ist. Wenn es konkrete klinische Probleme gibt, also Löcher, Zahnschäden oder auch Unfallverletzungen, die bei Kindern nicht so selten sind, ist es oft praktisch, einen Kinderzahnarzt hinzuzuziehen, da er oft mehr Routine und Erfahrung in diesem Bereich hat.

familie.de: Welche Maßnahmen  ergreifen Sie, wenn ein Kind sehr ängstlich ist, nicht einmal seinen Mund öffnen will oder nicht still auf dem Stuhl sitzen bleibt?

Prof. Dr. Hirsch: Im Prinzip muss der Zahnarzt eine Kommunikation mit dem Kind herstellen. Die Kinder wollen, dass der Zahnarzt oder die Zahnärztin eine persönliche Beziehung zu ihnen aufnimmt. Dann haben sie Vertrauen, setzen sich auf den Stuhl und öffnen den Mund. Kinderzahnärzte verfügen dank ihrer Ausbildung über sehr umfangreiche Kenntnisse der richtigen Kommunikation mit Kindern in den verschiedenen Altersstufen. Und wenn das Kind entsprechend seiner Möglichkeiten informiert wird, dann befolgt es auch die Anweisungen des Zahnarztes.

Kinderzahnarztpraxis: Behandlung ohne Angst

Wichtig ist das Vertrauen zum Zahnarzt.


© Thinkstock

familie.de: Zur Zahnhygiene Erwachsener gehören Zahnseide, Interdentalbürsten und Mundwasser. Wie ist das bei Kindern?

Prof. Dr. Hirsch: Wir sind schon froh, wenn alle Kinder zweimal am Tag eine Zahnbürste in den Mund bekommen. Wir fordern da nicht das gesamte Spektrum an Hilfsmitteln. Wichtig ist dabei, dass die Eltern die Zähne der Kinder bis zur Einschulung nachputzen. Bestimmte Maßnahmen gehen bei Kindern ja auch gar nicht. Zum Beispiel eine Spüllösung wird man erst verwenden können, wenn die Kinder den Mund komplett wieder ausspucken können, also erst ab dem Schulalter. Wir empfehlen Zahnseide zwar auch schon bei Kindern, insbesondere bei sehr engstehenden Milchzähnen, denn da bildet sich natürlich in den Zwischenräumen auch schneller Karies. Allerdings muss man den Umgang mit Zahnseide gemeinsam mit den Eltern trainieren. Das ist Aufgabe des Zahnarztes bei den Besuchen in den ersten Lebensjahren.

familie.de: Was halten Sie von elektrischen Zahnbürsten für Kinder?

Prof. Dr. Hirsch: Grundsätzlich soll ein Kind lernen, mit einer Handzahnbürste zu putzen, weil elektrische Zahnbürsten nicht immer zur Verfügung stehen. Erst wenn das Kind das richtig beherrscht – das ist meist erst im Schulalter der Fall – dann kann es selbständig eine elektrische Zahnbürste verwenden. Und zwar die, die auch die anderen Familienangehörigen benutzen. Dafür gibt es bei elektrischen Zahnbürsten verschiedenfarbig markierte Aufsätze. Da heißt es dann zum Beispiel Rot für Mama, Blau für Papa und Grün und Gelb für die Kinder. Bei kleineren Kindern empfiehlt sich die elektrische Zahnbürste nur zum Nachputzen durch die Eltern. Der Reinigungseffekt ist mit der elektrischen Zahnbürste tatsächlich besser als mit Handzahnbürste.

familie.de: Welche Zahnpasta empfehlen Sie für Kinder?

Prof. Dr. Hirsch:
Wir empfehlen unbedingt Zahnpasten, die Fluorid enthalten, und zwar  in einer bestimmten Abstufung für  Vorschulkinder, Kinder im frühen Schulalter und Jugendliche, so wie es auf den Tuben steht. Die Konzentration des Fluoridanteils nimmt mit dem Alter zu. Auf jeden Fall sollten keine Zahnpasten verwendet werden, die stark mit Frucht- oder irgendwelchen anderen Geschmacksnuancen aromatisiert sind. Zum einen, weil die Kinder dadurch zum Verschlucken verleitet werden. Zum anderen ist eine Zahnpasta ein Reinigungsmittel, das nicht noch künstlichen Geschmack im Übermaße in sich tragen sollte. Insgesamt raten wir von sehr schillernden, sehr bunten, sehr intensiv nach Frucht oder Aromen schmeckenden Zahnpasten ab. Eine Zahnpasta soll nach Zahnpasta schmecken, vielleicht etwas nach Pfefferminz für ein angenehmes Frischegefühl. Das ist natürlich auch abhängig vom persönlichen Geschmack. Aber da gibt es ja ein irrsinnig breites Angebot.

familie.de: „Das sind doch nur die Milchzähne. Wenn da was ist, wachsen ja wieder welche nach.“ Gibt es noch Eltern, die so denken?

Prof. Dr. Hirsch:
Wenn Eltern mit Kindern, die schlechte Zähne haben, zum Zahnarzt kommen, dann nehmen sie bereits sehr deutlich wahr, dass es den Kindern nicht gut geht. Und natürlich entstehen daraus auch Beeinträchtigungen für die ganze Familie. Das Kind schläft nachts nicht, Zahnarztbesuche finden zur Notfallbehandlung statt, z.B. am Wochenende. Das läuft ja nie problemlos ab. Das geht auch meistens mit Beschwerden einher, von Anfang an keine gute Basis für eine gesunde Gebissentwicklung. Denn der Zahnwechsel verläuft nur dann regulär, wenn die Milchzähne gesund sind und ganz normal durch die Nachfolger abgelöst werden. Sobald es zu Entzündungen kommt, ist das immer mit Schmerzen und Notfallbehandlungen verbunden. Dadurch dass Kinder zwanzig Milchzähne haben, gibt es während des Zahnwechsels viele Situationen, bei denen es zu Problemen kommen kann. Und das spüren und sehen Eltern natürlich schon.

familie.de: Schlechte Milchzähne sind gleich schlechte bleibende Zähne?

Prof. Dr. Hirsch: Milchzähne und bleibende Zähne sind ja über mindestens fünf bis sechs Jahre in der gleichen Mundhöhle. Nämlich ab dem Zeitpunkt, wenn der erste bleibende Zahn durchbricht, das ist mit sechs Jahren, und wenn der letzte Milchzahn ausfällt, das ist mit zwölf. Wenn die Milchzähne alle kaputt sind, bekommen natürlich auch die bleibenden Zähne schneller Schäden, weil sie in einer Mundhöhle stecken, die stark mit Bakterien belastet ist und nicht gut geputzt wird. Wir wissen aus Studien, dass das Risiko für Karies an den bleibenden Zähnen viermal höher ist, wenn die Milchzähne kaputt sind. Das heißt, vor Durchbruch der bleibenden Zähne sollten die Milchzähne auf jeden Fall saniert und die Mundhöhle aufgeräumt sein. Das bedeutet, alle nichterhaltungswürdigen Milchzähne müssen entfernt werden und alle, die man sanieren kann, müssen mit einer Füllung versehen werden.

(Interview: Tanja Thurner) 


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