
Angeboren oder alles Erziehung? Heute wissen wir: Für den kleinen Unterschied sind beide Faktoren wichtig. Doch die Eltern bleiben in einer Schlüsselposition
In den frauenbewegten 70er Jahren schien die Sache klar zu sein: der Unterschied der Geschlechter - alles nur eine Frage der Erziehung. Die damalige Überzeugung lautete: Als Mädchen wirst du nicht geboren, zum Mädchen wirst du gemacht! „Bewusst“ handelnde Eltern bemühten sich deshalb, die Trennung der Geschlechter schon im Laufstall aufzuheben:
Typisch Junge? Sie schenkten Jungen Puppen und Mädchen Bücher über Bagger - und Fußball. Doch die Bemühungen fruchteten kaum: Statt mit ihren Puppen zu kuscheln, kidnappten die Jungs sie beim Räuber-und-Gendarm-Spiel - und die Mädchen wollten nicht in die Latzhose steigen, sondern träumten davon, Prinzessin zu sein.
Geschlechter driften im Mutterleib auseinander
In den vergangenen Jahrzehnten haben die Gen- und Hirnforschung viele neue Erkenntnisse zur Frage gewonnen, warum wir sind, wie wir sind. So viele, dass die heutige Expertenmeinung fast einhellig lautet: Jungen sind anders. Mädchen auch! Und: In der Wissenschaft mehren sich die Hinweise, dass viele Eigenschaften, die wir als typisch männlich oder weiblich wahrnehmen, im Mutterleib festgelegt werden - so früh beginnt das Auseinanderdriften der Geschlechter.
Fakt ist: Bereits in der siebten Schwangerschaftswoche schaltet sich auf dem Y-Chromosom ein Gen namens SRY an und löst im Körper des Embryos Signale aus, die die Vaginabildung unterdrücken und die Ausbildung von Penis und Hoden bewirken. Die kleinen Jungen sind bei der Geburt häufig schwerer und größer als die Mädchen. Die wiederum sind im Durchschnitt als Säuglinge weniger krank, und sie sterben statistisch gesehen auch seltener am „Plötzlichen Kindstod“. Und es gilt als relativ sicher, dass Jungen in den ersten drei Monaten mehr schreien.
Vorgeburtliches Testosteron maßgeblich
Der englische Psychologe Simon Baron-Cohen maß die vorgeburtliche Konzentration an Testosteron, die bei Jungen immer etwas höher ist als bei Mädchen. Dann untersuchte er die Kinder noch einmal mit einem Jahr und mit zwei Jahren. Das erstaunliche Ergebnis:
Je höher die Testosteron-Konzentration im Mutterleib war, desto seltener suchten die Kinder später den Augenkontakt mit der Mutter und desto kleiner war ihr Vokabular. Andere Tests ergaben: Männliche Säuglinge blicken bereits Tage nach der Geburt länger auf ein abstraktes Mobile, während die Mädchen sich mehr von Gesichtern faszinieren lassen.
Ist also alles entschieden, wenn das Baby auf die Welt kommt? Nein! Der heutige Forschungsstand besagt: Beide Faktoren sind wichtig - die genetische Veranlagung und die Umwelt. Der kleine Unterschied und viele Verhaltensweisen, die daraus folgen, existieren von Geburt an - doch die elterliche Erziehung und gesellschaftliche Rollenmodelle tragen dazu bei, diesen Unterschied noch deutlicher auszuprägen.

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