Ängste machen Kinder stark

Kinder müssen, wenn sie selbstständig werden wollen, ihre Ängste überwinden – und entdecken dabei oft deren magische und lustvolle Kräfte.


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Kinderängste entstehen auf vielfältige Weise. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard formulierte, Angst sei nur vor dem Hintergrund von Freiheit möglich. Umgekehrt heißt das: Menschen, die sich der Freiheit und damit auch der Angst nicht stellen, werden auch nicht selbstständig. Mehr noch: Wer sich aus lauter Angst nicht dem Neuen stellt, entwickelt eine Angst vor der Angst. Für diese Menschen ist Angst keine produktive Kraft, sondern ein krank machendes Hemmnis.

Ängste machen Kinder stark


© iStock

Manche Kinderängste sind diffus, andere konkret


Wenn ein Kind krabbeln und dann gehen lernt, stößt es an Grenzen, die es überschreiten möchte. Für Kinder ist das Betreten unbekannter Räume und Territorien mit Lust und Angst verbunden. Dabei wird Letztere oft mit Urgewalten wie Gewitter, Blitz, Donner, Feuer, Wasser, irrealen Wesen, Monstern, Gespenstern, Hexen, wilden Tieren und anderen Fantasiefiguren assoziiert.

Je jünger die Kinder sind, umso heftiger empfinden sie solche Bedrohungen, weil ihre Identität nur unzureichend entwickelt ist und sie sich ihrer selbst noch nicht sicher sind. Solche Ängste begleiten Kinder vom zweiten Lebensjahr an. Fantasiefiguren sind dabei legitime und wichtige Begleiter des Kindes.

Beispiel: Die sechsjährige Simone erzählt ihrer Mutter am Abend, sie habe manchmal Angst vor Gespenstern, die sie nachts im Zimmer besuchen. Neulich habe sie eine vom Wind bewegte Gardine gesehen und gedacht, das sei ein Gespenst. „Da habe ich schnell Licht angemacht, und das Gespenst war verschwunden“, sagt Simone stolz.


Angst ist ein Gefühl. Manchmal sind Ängste diffus, ein anderes Mal sind sie an konkrete Gestalten wie Vampire, Geister, Räuber, Tiere oder unheimliche Geräusche gebunden. Und: Angst ist körperlich spürbar, z. B. als Herzklopfen oder Schweißausbruch.

Da Ängste Gefühle sind, kommt man ihnen mit Rationalisierung nicht bei. Sätze wie „Du brauchst doch keine Angst zu haben!“ oder „Das ist doch nicht schlimm!“ nehmen Kinder in ihren Ängsten nicht ernst. Sie lassen Kinder allein oder führen dazu, dass sie ihre Ängste verdrängen oder verleugnen. 

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Kinder haben ein Recht darauf, Angst zu haben

Und sie haben ein Recht darauf, Ängste auszuleben und zu verarbeiten. Daher gilt: Je mehr sich ein Kind geborgen fühlt, je mehr Selbstvertrauen es hat, umso sicherer und eigenständiger geht es mit seinen Ängsten um.

So können Eltern ihr Kind bei der Angstverarbeitung unterstützen:

• Geben Sie Ihrem Kind Sicherheit und Verlässlichkeit.
• Ein Kind, das Angst hat, muss ernst genommen werden. Es hat es nicht verdient,
   dass seine Angst heruntergespielt wird.
• Geben Sie Ihrem Kind durch Rituale und Regeln Sicherheit im Umgang mit
   Ängsten. Bedenken Sie: Ängste kommen schnell, vergehen aber nicht von jetzt
   auf nachher.
Hinter der Angst steckt Sehnsucht nach Neuem
Beispiel: Schauen wir uns den fünfjährigen Jonas an, der mit seinem Vater vor einer Geisterbahn mit böse dreinblickenden Monstern steht. „Willst du da rein?“, fragt der Vater. Jonas wirkt unschlüssig. Er hört Gekreische und Gejauchze aus dem Inneren. „Komm!“, sagt er schließlich und zieht seinen Vater in Richtung des Eingangs. Sie lösen Tickets und besteigen den Wagon. Jonas drückt sich fest fest an seinen Vater.
Als er die ersten Gespenster sieht, hält er sich die Hände vors Gesicht, lässt aber zwischen den Fingern einen kleinen Spalt, durch den er die vielen Schreckensgestalten sehen kann. Immer wieder schreit er laut auf. „Na?“, fragt der Vater, als die Fahrt zu Ende ist und er die schweiß
nassen Hände seines Sohnes spürt. „Spitzenklasse!“, ruft Jonas begeistert.

Das Beispiel zeigt: Mit dem Erreichen des Erregungsgipfels ist zugleich die Erwartung eines Spannungsabbaus verbunden. Die Angst wird lustvoll erlebt, weil das Kind weiß, dass es anschließend in die Gewissheit des Alltags zurückkehren kann. Die Angst bleibt überschaubar, weil sie an eine ganz bestimmte Situation gebunden ist.

In der Lust an der Angst steckt zugleich auch die Sehnsucht nach Neuem. Ein geheimnisvolles Prickeln, dass etwas schiefgehen könnte, ist verbunden mit der unverbrüchlichen Zuversicht, dass es schon gut ausgehen wird.

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Von einer Angstlust kann man sprechen, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind:

• Das Kind setzt sich freiwillig einer gefährlichen, gefühlsmäßig verunsichernden
   Situation aus, weiß aber zugleich, dass es ein Happy End geben wird.
• Es existiert eine äußere Gefahr, z.B. Gespenster. Das Kind lässt sich auf das Spiel
   ein und verzichtet zeitweise auf die gewohnte Sicherheit.
• Das Wissen um den positiven Ausgang der Furcht einflößenden Situation macht
   die Angst erträglich.

Ängste fordern heraus, können schöpferische Kräfte wecken, stark und lebenstüchtig machen. Sich Ängsten zu stellen, sie mit eigenen, manchmal ungewöhnlichen Methoden zu bewältigen, stellt eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben zwischen dem dritten und zehnten Lebensjahr dar.

Mit der Ausdifferenzierung entwicklungsbedingter Ängste geht auch die Ausbildung von Fähigkeiten zur Angstbearbeitung einher – wenn Eltern ihr Kind gewähren lassen und es nicht durch überbehütendes Verhalten einschränken. Aus diesen allgemeinen Prinzipien lassen sich drei Regeln zur Angstbewältigung ableiten:
Kinder müssen ihre Ängste aktiv bearbeiten
1. Regel: Lassen Sie sich die Fantasien und Bilder, mit denen die Angst verbunden ist, von Ihrem Kind konkret beschreiben. Hören Sie aktiv zu, geben Sie dem Kind das Gefühl von Nähe. Fragen Sie nach, um zu erkennen, was das Kind genau meint.

2. Regel: Überlegen Sie, wo die Ursachen der Ängste liegen können. Stellen Sie sich folgende Fragen: Sind die Ängste Ausdruck eines Entwicklungsschrittes? Könnten die Ängste etwas zu tun haben mit Veränderungen in der familiären Situation?

3. Regel: Nun kommt es darauf an, ob die Eltern bzw. das Kind eigene Möglichkeiten zur Angstbewältigung haben. Dies funktioniert insbesondere bei entwicklungsbedingten Ängsten gut, beispielsweise beim Übergang von der Kita in die Schule. In jedem Fall müssen Sie Ihr Kind zur Mitarbeit gewinnen. Sind die Ängste schwerwiegend, sollte ein Arzt, Therapeut oder Erziehungsberater zurate gezogen werden. Letzterer kann auch hilfreich sein, wenn sich Eltern unsicher oder überfordert fühlen.

(von Dr. Jan-Uwe Rogge* / erschienen in der familie&co 08/2017)

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* Zum Autor: Dr. Jan-Uwe Rogge ist Familien- und Kommunikationsberater, Autor von Bestsellern wie „Kinder brauchen Grenzen“ und „Ängste machen Kinder stark“



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