
Warum das Habenwollen für die frühkindliche Entwicklung so wichtig ist. Wie Kinder teilen lernen und Eltern bei Konflikten entspannt vermitteln.
Sobald Kinderhändchen zugreifen können, schnappen sie sich spannende Alltagsgegenstände in ihrer Reichweite. Ob Papas Brille, Mamas tolle Ohrgehänge oder ein schmuddeliges Tempotaschentuch – nichts ist vor ihrem Zugriff sicher. Mit Besitzansprüchen oder gar Raffgier habe das aber absolut nichts zu tun, betonen Psychologen wie Dr. Angelika Faas: „Am Anfang geht es nur darum, die Welt durch das Er-Greifen von Dingen besser zu be-greifen.“ Kleiner Haken dabei: Bevor Kinder ihre aktuelle Beute nicht ausgiebig untersucht haben, geben sie ihren Schatz nur unter Protest wieder ab. Und das kann – auch ohne Besitzanspruch der Kinder – zu Konflikten führen, denn Papa sieht schließlich ohne Brille nichts.
Verzwickt wird die Sache auch, wenn Kinder aufeinandertreffen und sich gegenseitig ihre Spielsachen mopsen. Wie in der Krabbelgruppe: Mal robbt Anton zu Mia und schnappt sich ihre coole Rassel. Mal pirscht sich Smilla an Johann heran, um seinen Hasen zu ergattern. Die Reaktionen der Beraubten sind höchst unterschiedlich: Mal gibt es Gegenwehr und Geheule, mal reichen die Kinder ihre Besitztümer freiwillig weiter. Ein weiterer Beleg dafür, dass es hier nicht automatisch um Besitz-Verteidigung geht. Aber worum geht es dann?
Unter anderem darum, freundlich 'Hallo' zu sagen, erklärt der Verhaltensbiologe Dr. Joachim Bensel: „Bereits ab 10 Monaten setzen Babys das Geben und Nehmen von Objekten als freundliche Kontaktaufnahme ein.“ Das Anbieten des eigenen Spielzeuges sowie das Greifen nach dem Spielzeug eines anderen Kindes zeige außerdem, dass kleine Kinder es lieben, andere Kinder nachzuahmen. Eltern, die diese Handlungen der Kleinen als 'bösen Willen' interpretieren, liegen nach Meinung der Experten falsch. „Wenn Kinder unter 22 Monaten einem anderen Kind etwas wegnehmen, dann aus Interesse an dessen spannendem Spiel. Und wenn sie mit Aggression darauf reagieren, wenn ihnen ein Spielzeug weggenommen wird, dann steckt dahinter meist die Verteidigung einer interessanten Aktivität“, sagt Dr. Bensel. Schimpfen und moralische Wertungen wie „das war jetzt aber nicht nett von dir“ können Kinder in dieser Altersgruppe noch nicht verstehen. „Besser sind tröstende Worte und geschickte Ablenkungsmanöver“, rät die Psychologin Dr. Faas.
Obwohl Kategorien wie 'meins' und 'deins' noch keinerlei Bedeutung für Kinder bis 18 Monate haben, handeln übrigens schon die Kleinsten nach gewissen Regeln, fanden Forscher heraus. Kinder verstehen zum Beispiel die Regel der Priorität. Das bedeutet: Wer sich zuerst mit einem Gegenstand beschäftigt, erwirbt damit automatisch einen vorübergehenden Anspruch, mit ihm zu spielen. Nehmen Kinder dem Erstbesitzer diesen Gegenstand weg, spüren sie, dass sie damit gegen eine Regel verstößt. Das zeigt sich den Experten zufolge in ihrem gestressten, unsicheren Verhalten. Fordert der Erstbesitzer den Gegenstand zurück, gibt die überwältigende Mehrheit der Kinder ihn darum sofort wieder ab.

Erst mit wachsender Ich-Entwicklung zwischen dem 18. und 24. Monat erwacht in allen Kindern der Wunsch, Dinge wirklich zu besitzen, zu erobern und zu verteidigen. „Meins!!“ – dieser Ausruf ist typisch für diese Altersgruppe. Laut einer Studie aus Kanada agieren viele Kinder dabei kämpferisch: 43 Prozent der männlichen Zweijährigen und 34 Prozent der weiblichen benutzen körperliche Mittel wie Schlagen, Schubsen, Kneifen und Reißen, um das zu bekommen, was sie unbedingt haben wollen. Eltern und Erzieherinnen sind darum von nun an als Schiedsrichter und Vermittler dringend gefragt.
Zu Hause, bei den Großeltern oder in der Kita sollten Kinder jetzt erleben, dass sie mit Gewalt nichts erreichen können. „Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen ruhig und ohne Schuldzuweisungen Grenzen setzen“, sagt Angelika Faas.
Beispiel: Wer beißt, muss seine Beute sofort wieder abgeben und eine Spiel-Runde aussetzen. Kinder brauchen zudem Vorbilder, von denen sie sich abschauen können, wie Teilen und Abgeben funktioniert. „Beobachten Sie darum ganz genau, wie Sie selbst mit persönlichem Besitz sowie dem Besitz anderer umgehen und welches Verhalten Sie bei Ihrem Kind begrüßen bzw. ablehnen“, rät die Familienberaterin. Erfreulicherweise sind Kinder nun immer mehr in der Lage, Verhaltensweisen einzuüben, die ihnen friedliche Kompromisse erleichtern. „Die Entwicklung der Sprache erlaubt es ihnen, zu fragen, bevor sie sich etwas nehmen. Die Entwicklung eines gewissen Zeitgefühls macht es möglich, sich beim Spielen mit einem Spielzeug abzuwechseln bzw. mal eine Zeitlang zu warten“, erklärt Faas. Wichtiger Abschluss solcher Übungen: Loben Sie Ihr Kind, wenn es sich kompromissbereit zeigt! Freuen Sie sich schon über ganz kleine Schrittchen!
Geiz und Egoismus können ganz schön unbeliebt und einsam machen. Geteilte Freude ist dagegen oft doppelte Freude und schafft eine Atmosphäre, in der sich alle wohlfühlen – diese Erfahrung sollten Kinder täglich machen. Besonders leicht fällt Kindern das Teilenlernen übrigens, wenn ihre eigenen Bedürfnisse von klein auf respektiert und befriedigt wurden. „Wer selbst satt ist, kann besser abgeben“, bestätigt Dr. Faas. 'Füttern' Sie Ihren Nachwuchs darum gerade in den ersten Lebensjahren liebevoll und erwarten Sie nicht zu früh zu viel von ihm. Großzügigkeit und Selbstlosigkeit sind hohe Tugenden – an denen selbst mancher Erwachsene regelmäßig scheitert.

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