Bewegung macht schlau

Viel enger als bisher gedacht, hängt die Entwicklung körperlicher und geistiger Fähigkeiten voneinander ab. Das zeigt sich insbesondere beim Lernen. Daher gilt: Kinder brauchen Bewegung um sich allseitig bilden und entfalten zu können.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden
Wenn die dreijährige Emma und ihr fünfjähriger Bruder Anton den Spielplatz besuchen, ist Action angesagt: Emma traut sich schon, alleine die große Rutsche hochzuklettern und hinabzusausen. Anton liebt es, mit anderen Kindern auf der Wippe die Schwerkraft zu testen oder sich wie ein Affe an den Seilen entlangzuhangeln. Keiner muss ihnen sagen, dass sie ihrem Gehirn damit einen großen Gefallen tun – Emma und Anton machen von selbst alles richtig.

Mindestens eine Stunde täglich sollten Kinder laufen, springen, toben und klettern, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Gleich nach Nahrung und Zuwendung gibt es nichts Wichtigeres als Bewegung für die kindliche Entwicklung. Sie lässt Muskeln und neuronale Verbindungen wachsen, stärkt die Knochen, fördert Koordination und Geschicklichkeit und sorgt für gute Laune. Bewegung kann sogar helfen, wenn Kinder Schwierigkeiten beim Rechnen oder Vokabelnlernen haben. So konnten Forscher nachweisen, dass Hüpfspiele kombiniert mit Rechenaufgaben die Verbindung von Zahlen und Raum stärken – und damit das mathematische Verständnis befördern.

Kinder spielen draußen


© iStock
Je anspruchsvoller die Bewegungsabläufe sind, umso größer sind ihre positiven Wirkungen auf das Gehirn. Aber Achtung: Dies gilt nur, solange der Spaß dabei nicht verloren geht! Wenn die Aufgabe zu anspruchsvoll und beängstigend ist, stoppt die Neuproduktion von Nervenzellen. Dann kann es sogar passieren, dass sich bestehende Netzwerke wieder auflösen. Lernen ist dann schlicht unmöglich, Erinnerungen können wieder verloren gehen, warnt der Hirnforscher Gerald Hüther. Kluge Bewegungserziehung setzt deshalb im Alltag an und orientiert sich an den Wünschen und dem angeborenen Bewegungsdrang der Kinder.

Die Sitz-Karriere Vieler Kinder beginnt in der Grundschule


Doch der Reihe nach: In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Gehirn rasant, immer in Verbindung mit Bewegung. Bereits das Strampeln im Mutterleib lässt erste Verbindungsbahnen im Gehirn entstehen. Ist das Baby auf der Welt, entwickelt es beim Treten, Zappeln, Krabbeln, Tasten und Greifen ein Gefühl für seinen Körper und seine Umwelt. Dabei verknüpfen und verstetigen sich die neuronalen Schaltungen im Gehirn. Daher brauchen Babys viel Bewegungsfreiheit und Gegenstände zum Anfassen und Hochziehen. Hilfreich sind geduldige Eltern, die ihnen immer wieder Anregungen bieten und dabei abwarten, bis sie die Entwicklungsschritte aus eigener Kraft vollbringen können.

 Das könnte Sie interessieren: So lernt das Gehirn Ihres Babys

Das Gehirn bildet sich schon in der 3. SSW und es entwickelt sich ab diesem Zeitpunkt rasant weiter. Wie das Gehirn des Babys lernt.


Im Kita-Alter gehören Bewegung und Spracherwerb eng zusammen. Studien haben gezeigt: Kinder, die motorisch geschickt sind, können sich häufig auch besser ausdrücken. Dabei sind die Möglichkeiten schier unerschöpflich, mit denen Kinder jetzt ihre Körperbeherrschung verbessern: Erste Ballspiele, auf einem Bein hüpfen, Balancieren, Klettern, Schwimmen, Tanzen, Singen mit Gesten oder Basteln. Oft sind es ganz einfache Spiele, die Eltern noch aus ihrer eigenen Kindheit kennen, für die sich Kinder begeistern lassen: Verstecken, Fangen, Himmel und Hölle … Gut in den Alltag einbauen lässt sich die Aufgabe, ein Kissen oder einen kleinen Sandsack auf dem Kopf zu balancieren und dabei zu versuchen, die Treppe herunterzugehen, auf einem Stuhl Platz zu nehmen oder einen kleinen Hindernisparcours zu bewältigen. Bei Kindern, die am liebsten toben, sollten Eltern darauf achten, dass sie auch ihre Feinmotorik entwickeln, zum Beispiel beim Kneten oder Basteln.

In der Schule schließlich sitzen Kinder häufig mehr als ihnen guttut. Jetzt hilft Bewegung ihnen dabei, ihr Bewusstsein für ihren Körper nicht zu verlieren sowie ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten. Dabei steht das Miteinander hoch im Kurs. Im besten Fall lernen Kinder jetzt, wie sie aktiv ihre Umwelt gestalten können, zum Beispiel indem sie etwas gemeinsam bauen. In der Schulzeit schließen sich Kinder auch häufig einem Verein an oder besuchen in der Schule eine Sport-AG. Davon profitiert auch das Lernen: Studien haben nachgewiesen, dass sich Kinder, die Sport treiben, länger auf eine Sache konzentrieren können. Auch verfügen sie über ein besseres Gedächtnis, verfolgen hartnäckiger ihre Ziele und können Versuchungen erfolgreicher widerstehen. Eltern sollten allerdings darauf achten, dass das Sportangebot ihr Kind nicht überfordert und frustriert – zum Beispiel weil der Trainer zu sehr auf Leistung setzt und kein soziales Miteinander entsteht. 

 Das könnte Sie interessieren: So wichtig ist Sport für Kinder

Wie wichtig Sport für die Entwicklung von Kindern ist und wie Sie Kindern den Spaß an der Bewegung vermitteln.


Kinder von sportlichen Eltern sind fitter

Leider behindern unsere Lebensumstände immer wieder den kindlichen Bewegungsdrang. So werden sie oft mit Auto oder Bus in die Kita bzw. Schule chauffiert und spielen nur noch selten auf der Straße. Hinzu kommt der Medienkonsum. Die Pädagogin Renate Zimmer bringt es auf den Punkt: „Noch nie hatten Kinder so viele Sachen zum Spielen, noch nie gab es so viele Einrichtungen, die sich um ihre Freizeit, ihre musischen und sportlichen Aktivitäten kümmern wie heute. Noch nie waren Kinder gleichzeitig so arm an Möglichkeiten, sich ihrer Umwelt über die Sinne, über ihren Körper selbstständig zu bemächtigen.“ Übergewicht, Diabetes, Depressionen und Haltungsschäden nehmen bei Kindern deshalb leider zu.

Doch die gute Nachricht lautet: Eltern können sehr viel für die gute Entwicklung ihrer Kinder tun. Zum Beispiel können Sie darauf achten, dass Ihre Kinder nicht zu lange sitzen und kürzere Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Sie können den Fernsehkonsum begrenzen, Treppen statt Fahrstühle nutzen, mindestens einmal täglich nach draußen gehen, häufig Gelegenheiten zum Barfußlaufen geben und Bewegungsspiele in den Alltag einbauen. Wirkungsvoll ist es auch, sich selbst viel zu bewegen: Studien haben gezeigt, dass Kinder von Eltern, die regelmäßig Sport treiben, ebenfalls fitter sind. Und weil Kinder dazu neigen, ihre Eltern zu imitieren, eignen sie sich auch ihre guten oder schlechten Körperhaltungen an. Seien Sie sich deshalb Ihres Körpers und Ihrer Haltung bewusst und genießen Sie zusammen mit Ihren Kindern Bewegungen, die allen guttun.

 Das könnte Sie interessieren: Sport für Kinder: Fußball

Fußball ist ein idealer Sport für Kinder ab dem Vorschulalter. Lesen Sie, was Ihr Kind beim Fußballspielen alles lernt.


Ganztagsschulen stehen vor der Herausforderung, an einem langen Lerntag immer wieder auch für Entspannung und Bewegung zu sorgen. Wie das gelingen kann, zeigt das Beispiel der Grundschule am Hollerbusch in Berlin Marzahn-Hellersdorf. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine ganz normale Schule am Rande der Großstadt. Auf dem überwiegend asphaltierten Schulhof toben die Kinder, es ist gerade große Pause. Danach findet Matheunterricht in der ersten Klasse statt. Die Kinder haben Hausschuhe an. Dominik rollt auf einem Sitzball hin und her. Lena liegt bäuchlings vor der Tafel auf dem Boden und schreibt in ihr Heft. Lisa sitzt mit geradem Rücken wie eine Eins auf ihrem Stuhl. Angelita hat von der Klassenlehrerin einen Tipp bekommen und hüpft zurück auf ihren Platz. Im Hintergrund spielt leise Musik. Alle Kinder lösen ihre Rechenaufgaben. Für eine erste Klasse ist es unglaublich ruhig im Klassenraum.
Auf Konzentration folgen Bewegung und Entspannung
2004 gewann die Schule den Deutschen Präventionspreis, weil sie mit ihrem Projekt, „Entspannung, Wahrnehmung und Bewegung“ ganzheitlich die Gesundheit ihrer Schüler fördert. Diese Art der Gesundheitserziehung ist heute wichtiger denn je. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Kinder allgemein nicht mehr so gut konzentrieren können wie früher“, erklärt die Grundschullehrerin Jana Manski. „80 Minuten durchgängig Unterricht ist nicht machbar, auch nicht in der 6. Klasse“. Umso wichtiger ist es, immer wieder Bewegungsund Entspannungsphasen einzubauen. Auf diese Weise gelingt es ihr auch, Integrationskinder, also Kinder mit Lern- oder Verhaltensproblemen, bei der Stange zu halten. „Sie können sich oft noch weniger gut konzentrieren“, erklärt die Lehrerin. Deshalb kommt bei ihnen immer wieder die große Sanduhr ins Spiel. Dann heißt es: „Du hast für diese Aufgabe fünf Minuten Zeit. Danach darfst du entspannen.“

Manchmal braucht es nur kurze Unterbrechungen, um den Kreislauf in Schwung bringen, Kinder Energie schöpfen zu lassen und den Denkfluss wieder in Bewegung zu bringen. Aufstehen dürfen, ein kleines Bewegungslied zwischendurch, ergonomische Stühle, die verschiedene Haltungen zulassen, und ein Sitzball, den ein unruhiges Kind benutzen darf, leisten hier gute Dienste. Alle wissen: Es gibt eine Zeit zum Lernen und Arbeiten, aber auch Zeiten zum Toben und zum Entspannen. „Rhythmisierter Tagesablauf“ nennen das Pädagogen. „Dass die Kinder gerne zur Schule kommen“, sei das erklärte Ziel, sagt Jana Manski. Aber natürlich möchte sie auch, dass die Kinder ihr Lernpensum absolviert haben, wenn sie die Grundschule verlassen. Manchmal hat sie ein wenig Mühe, den Stoff zu schaffen. Doch sie ist überzeugt: Mit Bewegung klappt das Lernen besser – und es macht mehr Spaß!

(von Christine Plass / erschienen in der familie&co 05/2016)

 Das könnte Sie interessieren: Die neue familie&co

familie&co ab 8. Februar frisch am Kiosk. Dieses Mal mit diesen Themen.






mehr zum Thema
Erziehung Sport lernen Schulnoten
Artikel kommentieren
Login