"Ein bisschen Hogwarts tut jeder Schule gut."

Den Wunsch nach mehr „Hogwarts“ in deutschen Schulen äußerte der Philosoph Richard David Precht in seinem Buch Anna, die Schule und der liebe Gott. Gemeint hat er damit nicht, dass ab sofort Zauberei und schwarze Magie auf den Lehrplan gehören, sondern dass die konventionelle Schule u.a. von der Untergliederung in einzelne Lernhäuser und von Schuluniformen profitieren würde.


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Prechts Prinzipien für eine bessere Schule



Jahgransübergreifende Lernteams

Prechts Vision von der Schule: Lernen in jahrgangsübergreifenden Lernteams.


Precht kritisiert in der Wochenzeitung DIE ZEIT vor allem, dass das aktuelle Bildungs- und Schulsystem ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert sei und somit überhaupt nicht den Bedürfnissen der Schüler und aktuellen Erkenntnissen der Lernforschung angepasst sei. Er ruft zur längst überfälligen Schulreform auf und formuliert zehn Prinzipien für eine bessere Schule. Wir haben diese Prinzipien für Sie einmal zusammengefasst.

1. „Kinder wollen lernen“ – Ausreichend Anregungen ohne Überforderung schaffen


Precht warnt davor, den angeborenen Willen der Kinder zum Lernen durch ein „Zuballern“ und „Belehrenwollen“ von Eltern und Lehrern kaputt zu machen.  Stattdessen sollte die Neugier und die Motivation zum Lernen durch viele Anregungen aufrechterhalten werden. Dabei sollte das Kind nicht allein gelassen werden, um Überforderungen zu vermeiden.

2. „Jedes Kind ist anders“ – Individuelles Lernen als Schlüssel zum selbstständigen Lernen


Eine gute Schule muss sich nach den Bedürfnissen, Begabungen und dem individuellen Lerntempo eines jeden Schülers richten und dessen Selbstständigkeit im Lernen fördern. Das bedeutet, dass bspw. die Mittel und Wege zum Lernen dem einzelnen Schüler überlassen werden. Der Erste liest z.B. lieber ein konkretes Buch zum Thema, der Zweite recherchiert im Internet und der Dritte lernt am besten und liebsten in Lerngruppen. Aufgabe des Lehrers ist es, dabei Hilfestellung zu leisten und Ablenkungen zu unterbinden.

3. „Vergesst die Fächer“ – Statt einzelner Unterrichtsfächer fachübergreifender Gesamtunterricht

Precht kritisiert, dass die strikte Einteilung des Lernstoffs in einzelne Unterrichtsfächer nichts mit dem Leben außerhalb der Schule zu tun habe. Er betont, dass es für das Lernen und die Neugier des Kindes wichtig sei, nachvollziehbare Lernziele zu haben und Zusammenhänge herzustellen. Als Beispiel nennt er das Thema Klimawandel, das sowohl aus den Blickwinkeln der Geographie, der Physik, der Chemie, der Biologie, der Ökonomie und der Politik betrachtet werden kann. Damit ganzheitlich gelernt wird und Kinder die Zusammenhänge verstehen, bietet es sich an, solche Themen in Form von Projekten zu erarbeiten.

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4. „Bildet Lernteams“ – Abschaffung des Klassenunterrichts

Precht spricht sich dafür aus, zu Gunsten der Lernmotivation und der individuellen Förderung spätestens ab der 7. Klasse jahrgangsübergreifende Lernteams zu bilden, die den konventionellen Klassenunterricht ablösen sollen.

5. „Vertieft Beziehungen“ – Untergliederung des Schulkörpers in Lernhäuser

Um die Arbeitsbeziehung zwischen Lehrern und Schülern aber auch innerhalb des Lehrerkollegiums zu vertiefen, schlägt Precht die Untergliederung jeder Schule in einzelne Lernhäuser vor. So würde das große anonyme Lehrerkollegium durch viele kleine Kollegien abgelöst. Ganz nach dem Vorbild der Harry Potter-Romane würden die Schüler den Lernhäusern zugeordnet und von ein und demselben Lehrerteam von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet werden. Um die Motivation zu stärken, würden die einzelnen Lernhäuser immer mal wieder in spielerischen Wettbewerben, z.B. auf Vorleseturnieren, gegeneinander antreten.

6. „Fördert Werte“ – Identifikation der Schüler mit ihrer Schule steigern

Dafür schlägt Precht Rituale und Zeremonien vor, wie bspw. feste gemeinsame Mahlzeiten, religiöse Feste oder Abschiedszeremonien. Dies fördert nicht nur die Identifikation mit der Schule, sondern dient auch dem Zusammenhalt der einzelnen Lernhäuser. Gleiches gilt für Schuluniformen. Auch würden diese der Befreiung „von dem alltäglichen Terror des Markenfetischismus auf unseren Schulhöfen“ dienen.

7. „Verschönert die Lernorte“ – eine neue Schularchitektur soll Lust aufs Lernen machen

Aktuell würden die meisten Schulhäuser eher an Krankenhäuser und Militärverwaltungsgebäude erinnern. Entsprechend der Lernhäuser sollte jede Schule dezentral ausgerichtet und um einen Campus herum organisiert sein.

8. „Trainiert die Konzentration“ – Coaching ab der ersten Klasse

Precht sieht es als Aufgabe der Schule, für Konzentration und Stille zu sorgen. Dafür soll sie die Kinder ab dem ersten Schuljahr darin trainieren, zur Ruhe zu kommen und ihr Handeln zu reflektieren.

9. „Schafft die Noten ab“ – Besser sind individuelle schriftliche Beurteilungen

Nach Precht könne die Bewertung der Leistungen eines Schülers mit einem Notensystem dessen Motivation nicht wecken oder aufrechterhalten, sondern diene der bloßen Selektion. Besser geeignet seien schriftliche Beurteilungen über den Lern- und Entwicklungserfolg der Schüler sowie über deren Können und Persönlichkeit. Diese wären auch für die Berufswelt interessanter als Zensuren, die nichts über den Menschen an sich aussagen.

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10. „Lasst ganztägig lernen“ – Ganztagsschulen um Lernbelastung und schädliche Einflüsse zu verringern

Precht spricht sich für Ganztagsschulen aus, um die Lernbelastung  für die Schüler zu verringern. Damit meint er, dass das relevante Lernen auch tatsächlich in der Schule stattfindet, damit die Kinder freie Nachmittage genießen können. In Halbtagsschulen seien oft nach Schulschluss noch Hausaufgaben oder außerschulischer Nachhilfeunterricht fällig, sodass die Kinder häufig kaum Freizeit und Erholung von der Schule haben. Außerdem würden durch Ganztagsschule die schädlichen Einflüsse mancher Elternhäuser auf den Lernerfolg verringert.
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Quelle: DIE ZEIT vom 11. April 2013

Richard David Precht: Anne, die Schule und der liebe Gott
Verlag: Goldmann, ISBN: 978-3-442-31261-0, € 19,99
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten


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