Emotionale Bindung: Interview mit Prof. Gerald Hüther und Tipps

Im Interview erklärt Prof. Gerald Hüther, Neurobiologe an der Universität Göttingen, warum Zuwendung und gemeinsame Aktivitäten die geistige Entwicklung von Kindern positiv beeinflussen.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden


Emotionale Bindung schafft schlaue Kinder

Sichere Kinder sind offen und neugierig. Foto: Thinkstock


baby&co: Sie sagen, Kinder brauchen ein Gefühl von emotionaler Sicherheit, um lernen zu können. Können Sie das näher erklären? Prof. Gerald Hüther: Eigentlich kennt das jeder Mensch. Wenn wir uns sicher und geschützt fühlen, sind wir neugierig und offen für neue Erfahrungen und Reize. Wenn wir dagegen Angst haben oder verunsichert sind, blockiert uns das. Bei Kindern passiert dasselbe. Wenn ihnen der Rückhalt durch eine vertraute Bezugsperson fehlt, stehen sie unter Stress, was die Entwicklung ihres Gehirns beeinträchtigt. Im schlimmsten Fall verkümmert die enorme Neugier, Lernfähigkeit und Gestaltungslust, mit der sie auf die Welt kommen. Eine liebevolle, sichere Bindung an Mama und Papa ist also eine ArtDüngemittel für das Hirn des Kindes? Ja, die personale Bindung ist sehr wichtig, denn das Kind fühlt sich dadurch angenommen und aufgehoben. Es gibt aber noch eine zweite Form von Verbundenheit, die genauso wichtig ist, weil sie das kindliche Bedürfnis nach Freiheit und Selbstständigkeit befriedigt: das gemeinsame Handeln oder sich um etwas zu kümmern. Solche gemeinsamen Aktivitäten gehörten früher automatisch zum Familienleben. Man versorgte zusammen Tiere und Felder, hackte Holz, backte Brot und so weiter. Kinder erlangten dabei alle Kompetenzen, die sie für ihr kommendes Erwachsenenleben brauchten. Heute müssen Eltern solche gemeinsamen Aktivitäten gezielt gestalten. Wie kann das im Alltag aussehen? Betrachten Sie einfach gemeinsam mit Ihrem Kind dasselbe Objekt – ein Bilderbuch oder den Ausblick aus dem Küchenfenster. Jeder wird dabei unterschiedliche Dinge wahrnehmen. Tauschen Sie sich über die verschiedenen Eindrücke aus. Gehen Sie bei einem Waldspaziergang gemeinsam auf Entdeckungstour. Wer findet was? Singen, basteln, bauen und werkeln Sie gemeinsam. Oder kümmern Sie sich gemeinsam mit dem Kind um eine Topfpflanze, ein Haustier oder Ähnliches. Auch die gemeinsame Fürsorge für ein krankes Familienmitglied verbindet. Ziel aller Beschäftigungen ist es, das Kind so oft wie möglich an Aufgaben zu beteiligen, an denen es wachsen kann. Und das im direkten Austausch mit seinen Bezugspersonen, die ihm zeigen, was im Leben zählt.

Emotionale Bindung schafft schlaue Kinder

Eltern dürfen sich selbst nicht vergessen. Auszeiten sind wichtig. Foto: Thinkstock


Das hilft Eltern und Kindern bei der emotionalen Bindung

Wer liebevoll für seine Kinder sorgen möchte, muss auch für sich selbst sorgen. Tipps für ein leichteres und erfüllteres Leben als Eltern:
  • Konzentrieren Sie sich nicht auf jene Bereiche, in denen Sie selbst oder Ihr Partner Schwächen zeigen. Blicken Sie auf ihre Stärken und freuen Sie sich daran, dass Sie beide diese Eigenschaften in die Familie einbringen können.
  • Eine Familie zu gründen, bedeutet nicht, die eigenen Interessen komplett aufzugeben. Legen Sie in Absprache mit Ihrem Partner Familien-Auszeiten fest. Er geht jeden Mittwoch zum Handball, Sie treffen freitags Freundinnen.
  • Ein Baby wirbelt das Leben mächtig durcheinander. Dagegen kann man sich mit Macht stemmen. Man kann es aber auch einfach zulassen und gemeinsam über die urkomischen Seiten des Familien-Alltags lachen.
  • Reservieren Sie Paar-Zeit, die Sie ohne Kind verbringen. Um in Ruhe über die eigenen Gefühle, Ideen, Gedanken, Träume zu reden. Um gemeinsam ein schönes Essen zu genießen, einen Film zu schauen, Zeit für Zärtlichkeiten zu haben. Das Kind betreut derweil ein verlässlicher Babysitter.
Familien-Zeit hat Vorrang Etwas zusammen entdecken, erleben, machen – davon profitieren Kinder und Erwachsene. So verschaffen Eltern sich die Freiräume dazu:
  • Beide Eltern haben nach der Geburt des Kindes jeden Tag mehr auf dem Zettel als vorher. Wer daraus schließt, dass er jetzt einfach mehr abarbeiten muss, liegt falsch, sagen Zeit-Management-Experten. Ihr Rat: Organisieren Sie die Arbeit effektiver und kommen Sie Zeitfressern auf die Schliche. Allein durch den Einsatz von Schnell-Rezepten, Wäschetrockner und Hemden-Reinigung lassen sich so viele Stunden zum gemeinsamen Spielen und Kuscheln gewinnen.
  • Ein gemütliches Zuhause ist für alle in der Familie angenehm und wichtig. Aber muss bei einer Familie mit kleinem Kind wirklich alles perfekt sein? Geben Sie sich die Erlaubnis, etwas unordentlicher zu sein. Reduzieren Sie die Haushaltspflichten auf ein pflegeleichtes Minimum.
  • Teilzeit-Arbeit oder flexible Jobmodelle schaffen Freiräume für die Familie. Schon eine Reduzierung um wenige Stunden in der Woche kann das Leben zu Hause enorm bereichern. Checken Sie gemeinsam mit dem Partner, wie ein ideales Berufs-Konzept für Sie beide aussehen könnte. Informieren Sie sich über Ihre Rechte als Arbeitnehmer und nutzen Sie finanzielle Unterstützungen wie das Elterngeld, um den Verdienstausfall auszugleichen. Infos: www.familien-wegweiser.de.
Die emotionale Bindung in der Familie macht Kinder stark Als kleiner Teil von etwas Großem aufzuwachsen, ist ein Geschenk. Diese Perlen liegen in der Familien-Schatztruhe:
  • Ob einfach mal nachmittags für ein paar Stündchen oder als Feriengast für Wochen – verwandtschaftliche Besuche geben allen das traute Gefühl: Wir haben uns lieb. Wir gehen zusammen durch dick und dünn.
  • In Fotoalben blättern und mit berührenden Geschichten in die Zeit vor der eigenen Geburt eintauchen – so bringen Großeltern, Großtanten und -onkel ein Kind mit seinen Vorfahren und Familien-Traditionen in Verbindung. Das macht stolz.
  • Wer die Chance hat, in regelmäßigem Kontakt mit Cousins und Cousinen aufzuwachsen, bekommt dadurch nicht selten ganz besondere Spielkameraden geschenkt, manchmal sogar glühende Verehrer oder große Idole.
  • Im Schoß der Großfamilie entdeckt manches Kind, dass seine angeblich so exotischen Marotten gar nicht so selten sind, wie es in seiner kleinen Kernfamilie den Anschein hat. Onkel Jochen liebt ja auch Käse mit Senf. Wie wundervoll.